Ein Traum geht in Erfüllung
Stefanie Heinzmann bei Stefan Raabs «TV Total», Leonardo «Leo» Ritzmann zusammen mit Vanessa Meisinger in der Sendung «Popstars» oder Zauberkünstler Andreas Plörer alias «Vincent Raven» in «The Next Uri Geller»: Alles Schweizer, die bei deutschen Castingshows brillieren konnten. Seit knapp drei Wochen gehört nun auch der 19-jährige Berner Thierry Kilchenmann zu diesem auserlesenen Kreis. Er hat sich in einer Castingshow einen von insgesamt acht zur Verfügung gestellten Startplätzen fürs 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring gesichert.
Zu Beginn einer von 22'000
Für die zweite Auflage des Rennfahrercastings OPC Race Camp von Opel hatten sich über 22'000 interessierte Rennsportbegeisterte aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gemeldet. Unter ihnen auch Thierry Kilchenmann aus Spiegel bei Bern. «Mein Vater, der für Opel tätig ist, hat mich auf die Ausschreibung im Internet aufmerksam gemacht», erinnert sich Kilchenmann, der in der Rennsportszene kein unbeschriebenes Blatt ist. Zwar träumte er als kleiner Junge von einer Karriere als Skirennfahrer, doch bereits mit 12 Jahren fuhr er seine ersten Kart-Rennen im Rahmen der Schweizer Meisterschaft. Seine noch junge Karriere krönte er vorerst 2007 mit dem nationalen Titel in der höchsten Kartklasse. Im letzten Jahr nahm er erfolgreich an der Opel Corsa Challenge und der Mini Challenge in der Schweiz teil. Alles nichts im Vergleich zu dem, was Thierry Kilchenmann im letzten halben Jahr erlebt hat. Kilchenmanns Lebenslauf beeindruckte auch die Verantwortlichen des OPC Race Camps. Er überstand die erste Vorselektion und wurde zu einer Sichtung nach Deutschland eingeladen, genauer gesagt nach Dudelhofen in Rüsselsheim, wo das Test- und Entwicklungsgelände von Opel beheimatet ist. Nun war Thierry Kilchenmann noch einer von 750.
Wöchentliche TV-Präsenz
Auf dem Opel-Testgelände war der Traum vom Weiterkommen für viele bereits nach wenigen Sekunden zu Ende. «Mit einem Opel Astra 240 PS mussten wir verschiedene Übungen absolvieren, so zum Beispiel bei Tempo 80 verschiedenen Hindernissen ausweichen. Dabei wurde das Teilnehmerfeld kontinuierlich reduziert», erinnert sich Kilchenmann, und weiter: «Es gab Kandidaten, die 600 Kilometer angereist waren und nach der ersten Übung und wenigen Minuten bereits wieder die Heimreise antreten mussten.» Nicht so der 19-jährige Berner. Am Ende des Sichtungstages war er immer noch dabei, und nun nur noch einer unter 250. «Damit hatte ich mein ursprünglich gesetztes Ziel bereits erreicht», so Kilchenmann. Denn nun kam das Fernsehen ins Spiel. Die nächsten Sichtungen in Deutschland wurden begleitet vom Deutschen Sport Fernsehen (DSF). Die insgesamt 20 Folgen werden seit Mitte Januar jeden Mittwoch (22.45 bis 23.15) ausgestrahlt. Was Dieter Bohlen bei «Deutschland sucht den Superstar» ist, sind die deutschen Rennsport-Legenden Manuel Reuter und Joachim Winkelhock beim OPC Race Camp. «Manuel Reuter hat mich sehr beeindruckt. Von ihm konnte ich fahrerisch, aber auch menschlich viel lernen», sagt Kilchenmann, der nun die Gelegenheit bekam, erstmals mit einem echten Rennwagen den GP-Kurs auf dem Nürburgring zu befahren. Auch diese Herausforderung löste er mit Bravour. Am Ende war er noch einer unter 14.
Umweg via Fitnesscamp
Allerdings gehörte Kilchenmann nicht zu jenen sechs, die den Sprung unter die Top ten direkt schafften. Er musste sich diesen Platz in einem Fitness-Camp im österreichischen Saalfelden verdienen. «Velofahren, Bergsteigen, Bogenschiessen, Laufen, Biathlon – wir wurden bewusst an unsere Grenzen geführt», erinnert sich Kilchenmann. Ein Camp nicht ohne Hintergedanken, denn Autorennsport erfordert höchste Konzentration und Kondition. «Wenn wir mit 280 Stundenkilometern über den Nürburgring rasen, herrschen im Cockpit Temperaturen zwischen 40 und 45 Grad und der Puls steigt auf über 180», bestätigt Kilchenmann den Sinn dieser Fitness-Woche. Zurück aus Österreich, war Thierry Kilchenmann noch einer unter 10.
Vollgas in die «Grüne Hölle»
Die Folgen im DSF laufen unter dem Titel: «Mit Vollgas in die Hölle», wird doch die legendäre Nordschlaufe auf dem Nürburgring auch «die Grüne Hölle» genannt. Jetzt, wo das Teilnehmerfeld nur noch um zwei Plätze reduziert werden musste, konnte Kilchenmann auch die 23 Kilometer lange Zusatzschlaufe erstmals befahren. «Der bislang schönste Moment in meiner Rennfahrerkarriere», so Kilchenmann, und weiter: «Angst hatte ich keine, aber Respekt.» Mit dem nötigen Respekt überstand Kilchenmann auch den letzten Cut. Seit knapp drei Wochen ist es offiziell: Als jüngster Teilnehmer wird der 19-Jährige als offizieller Opel-Teamfahrer das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring bestreiten. Vorher musste und muss er aber noch einige 4-Stunden-Rennen der VLN-Meisterschaft bestreiten, diese sind Teil der Lizenzprüfung, um überhaupt die Starterlaubnis am 15. Mai zu erhalten. Doch nicht genug: Fast zeitgleich stehen für Kilchenmann die Lehrabschlussprüfungen auf dem Programm. Er absolviert zurzeit das vierte Lehrjahr als Elektromonteur bei der Burkhalter AG in Bern. Als die schulischen Leistungen unter der Doppelbelastung litten, kam ihm sein Arbeitgeber entgegen, indem er Kilchenmann einen zusätzlichen Freitag pro Woche gewährte. «Dafür bin ich sehr dankbar», meint Kilchenmann. Er weiss dies zu schätzen. Doch selbst wenn er sich nicht in Deutschland aufhält, überwacht wird er trotzdem. «Ich wurde mit einem Pulsmesser ausgestattet. Dieser wird regelmässig ausgewertet.» Kilchenmann muss pro Woche mindestens sechs Stunden an seiner Fitness arbeiten.
Kilchenmann hofft, dass er das OPC Race Camp und die dadurch entstandenen Connections als Sprungbrett nutzen kann. Er will sich in Zukunft weiterhin auf Langstreckenrennen konzentrieren. Doch er weiss, der Rennsport ist auch immer eine Geldfrage, und Sponsoren lassen sich nur schwer finden. «Einmal vom Rennsport leben können, das ist mein Traum», sagt Thierry Kilchenmann – am liebsten gleich erfolgreich wie sein Vorbild Michael Schumacher.
Erstellt: 13.04.2010, 08:40 Uhr
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