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Doppelt so alt wie seine Mitschüler

Von Anina Bundi. Aktualisiert am 30.03.2010

Der Berner Philipp Mühlemann ist 32 Jahre alt und Gemüsebau-Lehrling im ersten Jahr. Sein Traum: Endlich ein anerkannter Abschluss. Da stört es ihn auch nicht, dass er in der Berufsschule mit Abstand der Älteste ist.

Philipp Mühlemann bei der Arbeit: Im Alter von 32 Jahren hat er sich entschieden, noch eine Lehre als Gemüsebauer in Angriff zu nehmen.

Urs Baumann

Wenn Philipp Mühlemann an seinem Pult in der Berufsschule sitzt, fühlt er sich manchmal alt: Seine Mitschülerinnen und Mitschüler sind nur wenig mehr als halb so alt wie er, auf einem Klassenfoto ginge er mit seinem grau durchsetzten Haarschopf auch als Lehrer durch.

Vor langer Zeit hat er die Matura absolviert und konnte deshalb direkt ins zweite Lehrjahr einsteigen. Seine Kameraden sind ihm deshalb fachlich manchmal etwas voraus. Anderes fällt dafür ihm leichter: Die Zeiten, als der Lehrer ein Feindbild ist, hat er längst hinter sich, und auch Noten und Prüfungen haben an Bedrohlichkeit verloren. Philipp Mühlemann ist ganz und gar aus eigenem Antrieb hier, und er weiss auch, warum: Er will lernen, wie man Gemüse anbaut, und er will endlich einen Abschluss in der Tasche haben.

Viele Gelegenheitsjobs

Nach dem Gymnasium hatte er erstmal anderes im Kopf: In der beschaulichen Kleinstadt Liestal besetzte er mit Freunden Häuser und kämpfte für ein autonomes Jugendzentrum. Dazwischen reiste er nach Ungarn, Griechenland und Zentralamerika und leistete dort im Rahmen des SCI (Service Civil International) Freiwilligenarbeit auf archäologischen Ausgrabungsstätten, Bauernhöfen und, zum ersten Mal, im Biogemüsebau. Auch der Dienst fürs Vaterland musste geleistet werden. Doch dem Kriegshandwerk stand er kritisch gegenüber, einen Besuch bei seinem Bruder in der Rekrutenschule hat er in lebhafter und schlimmer Erinnerung: «Ich erkannte ihn kaum wieder, er war ein völlig anderer Mensch.» Als Alternative entschied sich Philipp Mühlemann, als Zivildienstler in eine heilpädagogische Grossfamilie zu gehen. Aus dieser Zeit ist ihm Bänz, sein Göttibub, geblieben. Eine Ausbildung als Sonderschullehrer brach er aber nach kurzer Zeit ab: «Ich merkte, wie ich die Spontanität im Umgang mit behinderten Menschen verlor, ich fing an, sie durch eine fachmännische Brille zu betrachten, und dies tat mir weh.» Gelebt hat er deshalb weiterhin von Gelegenheitsjobs. Er kam mit wenig Geld aus: Teure Kleider oder die neuesten Technikspielzeuge interessierten ihn nie.

Sich alles offen halten

Philipp Mühlemann wusste immer etwas anzufangen mit seiner Zeit. Wo immer er sich nützlich machte, wurde er geschätzt. Doch einen Beruf zu finden fiel ihm schwer. Es fiel ihm schwer, einfach mal etwas kontinuierlich zu machen. Und mit dem Strom seiner einstigen Gymnasium-Kollegen die Universität zu besuchen, war für ihn keine echte Option. Immerhin: Er hatte es ein kurzes Semester lang versucht.

Der Imperativ zu einer «anständigen Ausbildung» war für ihn immer mit Fragezeichen versehen. «Lernen kann man auch ohne Lehrvertrag», sagte er stets. So, wie es seine Freunde in einer Landkommune in Italien tun, wo er nach seinem Zivildienst Halt gemacht hatte.
Es war nicht das erste Mal, dass er damit liebäugelte, auszuwandern und ganz «auszusteigen». Und es war auch nicht das letzte Mal, dass er es dann doch nicht tat. Entscheidungen zu treffen ist nicht Philipp Mühlemanns Stärke. Noch mehr als keinen Plan zu haben fürchtete er, sich falsch zu entscheiden. Er wollte sich alles offen halten. Er hielt sich an Provisorien, an Zwischenlösungen. Mit dieser Haltung kam er als Serviceaushilfe in die Genossenschaftsbeiz «Brasserie Lorraine» in Bern. Man konnte ihn brauchen, er stieg ins Kollektiv ein, übernahm Verantwortung. Die Zeit verflog im Nu, und plötzlich waren vier Jahre vorbei.

Fehlende Akzeptanz

Philipp war jetzt 30 und immer noch ohne Plan. Der gesellschaftliche Druck nahm zu: «Ein 25-Jähriger ohne Ausbildung geniesst noch Akzeptanz. Mit 30 erntet man fragende Blicke und muss sich rechtfertigen.» Und die Aussicht, ein Leben lang von Praktikantenlöhnen zu leben, hatte auch etwas an Reiz verloren. Ein, vorläufig, letztes Mal ging er auf Entscheidungssuche. Er arbeitete sich durch Bauernhöfe und Landkommunen in der Schweiz und in Italien, erntete, renovierte, ging immer dorthin, wo man ihn brauchen konnte. Ein Praktikum auf einem Biogemüsehof im Welschland gab dann den Ausschlag: Philipp Mühlemann entschied sich für eine Lehre.

Es war nicht die grosse Erleuchtung, die er sich mit 16 vielleicht noch erhofft hatte. Kein Verlieben auf Knall und Fall und mit Herzklopfen und weichen Knien. Eher Sympathie und der Wille, sich auf eine ernsthafte Beziehung einzulassen. Doch bereut hat er es noch nicht, genauso wenig, wie er die Wanderjahre missen möchte. «Es ist gut, mal etwas so richtig und von Grund auf zu lernen, und so, dass ich in meinen Lebenslauf schreiben kann: Eidgenössisch diplomiert, offiziell anerkannt.»

Und so ganz vorbei sind auch die wilden Jahre nicht: Wenn er Samstagnacht mit seiner Surf-Punkband «Thee Irma & Louise» oder als Cowboy mit den «Cows from Hell» die Konzertsäle zum Kochen und die Fanherzen zum Schmelzen bringt, sieht man ihm nicht an, dass er montags um halb sieben wieder frisch wie ein Salatblatt seine Rüebli jätet. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.03.2010, 08:52 Uhr

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