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Die grosse Reise des Hanspeter Streit

Von Andreas Seiler. Aktualisiert am 18.01.2011

«Ich trage ihn, seit er wächst», meint Hanspeter Streit stolz zu seinem Vollbart. «Er gehört zu mir.» Der 53-Jährige sitzt bei der Coiffeuse und Bauersfrau Monika Brönnimann an der Alpenblickstrasse 1 in Englisberg.

Bei Monika Brönnimann in Englisberg:  Hanspeter Streit mit frisch geschnittenen Haaren auf dem Bänkli vor dem Bauernhaus.

Bei Monika Brönnimann in Englisberg: Hanspeter Streit mit frisch geschnittenen Haaren auf dem Bänkli vor dem Bauernhaus.
Bild: Urs Baumann

(Video: Andreas Seiler)

(Video: Andreas Seiler)

(Video: Andreas Seiler)

(Video: Andreas Seiler)

(Video: Andreas Seiler)

(Video: Andreas Seiler)

Er lässt sich «nur» die Haare schneiden und erzählt, weshalb er einen Bart trägt: «Ein einziges Mal habe ich mich rasiert und dabei gemerkt, dass meine Haut zu empfindlich ist. Da war ich 18 Jahre alt.» Also liess der Landwirt das «Scheren» bleiben. Er hat seinen Bart zu Hause bereits vor dem Coiffeurbesuch eigenhändig getrimmt. Seit bald 35 Jahren gehört dies alle 14 Tage zu seinem Schönheitsritual. Ausser letztes Jahr: «Da habe ich ausgesehen wie der Samichlaus. Ein ganzes Jahr lang habe ich weder Bart noch Haare geschnitten.» Ein echter Chlaus, also? «Nein, nein, ich war nicht Samichlaus», fügt er entgeistert hinzu. «Ich war ein Jahr lang mit dem Velo in Südamerika unterwegs. Da habe ich es mit Absicht spriessen lassen.»

Bevor er zu dieser Traumreise aufbrach, hat der gebürtige Englisberger drei Worte auf Spanisch gelernt: Kuh, Milch und melken. «Ich hatte mir gedacht, dass ich dadurch sicher nicht verhungere.» Und dann habe er all seinen Mut «zusammengekratzt», sei mit vier gefüllten Satteltaschen, seinem Velo, einem einzigen (!) Reserveschlauch und Flickzeug ein Jahr lang alleine durch Südamerika geradelt. 16000 Kilometer hat der Velofreak sich und seiner Beinmuskulatur zugemutet. Der bislang ruhig wirkende 53-Jährige gerät zusehends in den Strudel des Erzählens. Es scheint, als ob er zu jedem Kilometer seines Abenteuers eine neue Geschichte kennt.

Seine lange Reise begann anfangs 2009 in Punta Arenas im Süden Chiles. Mit den drei spanischen Wörtern und den nötigsten Utensilien im Gepäck radelte Hanspeter Streit los, entlang der bekannten Route Carretera Austral. Haferflocken mit Wasser zum Frühstück, Früchte tagsüber und auch mal eine selbstgekochte Mahlzeit am Abend, gaben ihm die nötigen täglichen 6000 Kalorien, um die körperlichen Strapazen meistern zu können. Während der Tausenden von zurückgelegten Kilometer durch Chile und Peru musste der Radler mindestens sieben Mal vom Sattel steigen, um ein Loch im Schlauch zu flicken. Dies brachte den Reisenden jedoch nicht von seinem Ziel ab. Mit einigen Zwischenhalten bei Einheimischen und anderen «Veloverrückten» – zu jeder Episode liefert Hanspeter Streit eine passende Geschichte – sei er schliesslich, die Velopneus vor lauter Abrieb mehr leinwandweiss denn gummischwarz, in Kolumbien gelandet. «Längizyti» habe er das ganze Jahr über nicht verspürt: «Wenn ich auf dem Velo bin, bin ich zufrieden.» Die Schweiz vermisste er höchstens des satten Wiesengrüns wegen.

Hanspeter Streit hat seinen Hof in Englisberg bereits während seines Abenteuers einer Familie verpachtet. Wieder zurück in seiner Heimat sucht er nun eine neue berufliche Herausforderung. Und er weiss auch bereits, wie die aussehen könnte: «Am liebsten würde ich Tandemfahrten mit Behinderten anbieten.»

Mit herzlichem Dank an Monika Brönnimann, Alpenblickstrasse 1, 3086 Englisberg. Tel. 031 819 66 71

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.01.2011, 16:40 Uhr

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