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Die Welt als Wohnzimmer

Von Anina Bundi. Aktualisiert am 23.06.2010

Den Traum vom Eigenheim hat sich Sophie Pulfer früh und ohne Bankhypothek erfüllt: Sie lebt in einem Bauwagen in Bern.

Sophie Pulfer hat die perfekte Lebensform gefunden: Eine eigene Hütte – ein ausrangierter Wagen einer Baufirma –, doch in Rufnähe zum nächsten «Eigenheim».

Sophie Pulfer hat die perfekte Lebensform gefunden: Eine eigene Hütte – ein ausrangierter Wagen einer Baufirma –, doch in Rufnähe zum nächsten «Eigenheim».
Bild: Urs Baumann

Die 25-jährige Sophie Pulfer hat alles, was es für ein Leben im Bauwagen braucht: Ihr gefällt das einfache Leben, sie baut gerne, und sie weist eine hohe Klimaresistenz auf. «Und ich bin mir Kritik gewöhnt.» Im Wagen zu leben, ist nichts für Weicheier. Das Wagenleben bedeutet für Sophie Pulfer Freiheit. Alle sollten frei entscheiden können, wie und wo sie wohnen und leben wollten. Ihr gefällt es, eine «eigene Hütte» zu haben, und keinen Vermieter, den sie fragen muss, bevor sie einen Nagel einschlägt. Und – anders als bei einem Haus – kann sie die Hütte mitnehmen, wenn es sie denn mal an einen anderen Ort ziehen sollte.

Ihren fünf Meter langen Wagen hat sie vor drei Jahren in sehr schlechtem Zustand von einer Baufirma gekauft. Sie musste die ganzen Wände erneuern, isolieren und einen neuen Boden verlegen. Und weil sie schon dabei war, hat sie gleich auch noch das Bogendach durch ein flaches ersetzt und Raum geschaffen für Gestelle an den Wänden und grössere Fenster. Ein besonders schönes, mit Halbrundbogen, hat sie auf Ricardo.ch ersteigert.

Man kann nur staunen, was auf den rund zehn Quadratmetern alles Platz hat. Gleich rechts von der Eingangstür nimmt die Küche die ganze Stirnseite ein: Gaskochherd, Abwaschbecken und darüber ein Wasserkanister mit Dosierschlauch. Davor ist eine «Dusche» in den Boden eingelassen: ein viereckiges Chromstahlblech mit Gefälle hin zu einem Abfluss in der Mitte. Am anderen Ende des Wagens die Schlafstelle: ein grosses Hochbett, darunter Stauraum, Schubladen, alles sehr praktisch und gut durchdacht. Dazwischen ein Tisch mit Bank und Stühlen, ein kleiner Holzofen, und rundherum bleibt noch Luft und Licht. «Ich wüsste gar nicht, wohin mit mehr Platz»

Einfach romantisch

Dass sie weder Strom noch fliessendes Wasser hat, findet sie gut. Sie mag die Einfachheit. «Sie schärft das Bewusstsein dafür, was man braucht und verbraucht.» Da fliessen nicht Hunderte von Litern Wasser unbeachtet in die Kanalisation. Nach genau 30 Litern ist Wasserholen angesagt. Wenn man es nicht verschwendet, kommt man damit ziemlich weit. «Mit 20 Litern duschen und Haare waschen, das reicht locker.» Aber das sei ja auch nicht täglich nötig.

Dasselbe mit dem Holz: 1,5 Ster Buchen- und Tannenholz hat Sophie Pulfer im letzten Winter verheizt. Das heisst: angeschleppt und klein gehackt. Aber ohne Strom? Kerzenlicht sei hell genug für die meisten Tätigkeiten. Und sonst gehe sie halt einmal etwas früher ins Bett. Und einen Fernseher vermisst sie schon gar nicht.

«Und im Winter? Ist es nicht hart?» «Ich kann den Wagen ja heizen, und dann ist er oft wärmer als eine Wohnung.» Und wenn sie nach dem Ausgang einmal nicht mehr einfeuern mag, nimmt sie eine oder auch gleich zwei Wärmeflaschen mit ins Bett. Höchstens das Wohnzimmer fehle ihr dann manchmal.

Das aktuelle hat einen Boden aus Erde und Gras, Wände aus Weidenbüschen und eine unendlich hohe, blaue Decke. Im Sommer ist es riesig und umfasst je nach Laune die ganze Welt, im Winter ist es dann aber doch oftmals zu kalt, um sich längere Zeit darin aufzuhalten.

Seit gut einem Jahr teilt sie es mit anderen Leuten, die wie sie im Wagen leben. Auch was das Soziale angeht, scheint Sophie Pulfer die für sie perfekte Lebensform gefunden zu haben. Sie bezeichnet sich selber als etwas eigenbrötlerisch, so ganz allein leben möchte sie aber doch nicht. Auf dem Wagenplatz, wo im Grunde jedes Zimmer zugleich auch eine kleine Wohnung für sich ist, kann sie ihre Kontakte recht frei dosieren: Sie kann ganz für sich bleiben, wenn sie will. Sie kann aber auch mit drei Schritten beim Nachbarn sein und anklopfen, wenn sie Gesellschaft möchte.

Gelernt hat Sophie Pulfer Holzbildhauerin an der Schnitzlerschule in Brienz. Sie gehörte zu den 5, die aus 42 Bewerbern und Bewerberinnen ausgewählt wurden.

Einfach selbst gemacht

Ebenso wichtig wie zwei rechte Hände war dafür ihre Gabe, zu beobachten, oder, wie sie sagt: «Vielleicht eher der Wille und die Geduld dazu. Weil: Beobachten kann ja eigentlich jeder.» Ihr ist aufgefallen, dass es in Bern aussergewöhnlich viele Elstern hat. Wann haben Sie zum letzten Mal eine gesehen?

Heute ist sie selbstständige Profibastlerin. Hinter der originellen Bezeichnung steckt Bescheidenheit. Denn sie kann fast alles: schreinern, malen, bauen, aber auch stricken und nähen. «Mit Metall habe ich noch nicht so viel Erfahrung. Da kann ich mich nicht Allrounderin nennen.»

Wo sieht sie sich in zehn Jahren? Das kann sie nicht sagen. Aber vermutlich dort, wo auch ihr Wagen steht. «Ausser es meldet sich auf diesen Artikel ein schöner Prinz mit weissem Ross und Reiheneinfamilienhaus, der mich aus meinem elenden Leben befreien will», lacht sie. Und fast glaubt man es ihr ... (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.06.2010, 08:17 Uhr

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