Der Filmfreak von der Bahnstrasse
Von Andreas Seiler. Aktualisiert am 12.04.2010
Spiel des Lichts: David Landolf, der Initiator und Leiter des Vereins Lichtspiel, vor einem der unzähligen Filmprojektoren aus dem hauseigenen Fundus der Kinemathek. (Beat Mathis)
10 Jahre Lichtspiel
Das Kino an der Bahnstrasse 21 in Bern ist seinem Konzept treu geblieben und bietet auch im Jubiläumsjahr
jeden Sonntag ab 19 Uhr
filmische Leckerbissen aus dem hauseigenen Archiv. Weitere Highlights: «Dance the Night Away» (Tanzfilme aller Art an div. Tagen im April), Daumenkino («Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt», am Freitag, 16.April). Das gesamte Programm zum Download auf www.lichtspiel.ch.
Zukunft des Lichtspiels
Ein massiver Einschnitt bedroht die Idylle des Projekts von David Landolf und seinem Team: Sobald die neue Kehrichtverbrennungsanlage in Betrieb genommen wird, soll die jetzige Heimat des Lichtspiels an der Bahnstrasse 21 in rund zwei Jahren in den architektonischen Topf der Stadt Bern geworfen werden. Das Gelände wird neu verplant. Die Zukunft des Lichtspiels an diesem Ort steht in den Sternen der Politik.
Wo genau geht es lang? Erst neben einer alten Loge vorbei, die enge, dunkle Treppe hinauf, nach zwei Richtungsänderungen weitet sich das Treppenhaus: Ein Licht weist den Weg. Ein musealer Raum öffnet sich. Zahlreiche Augen scheinen zu beobachten, welcher Besucher hier die Stufen erklimmt. Ans neu eindringende Licht eines Fensters gewöhnt, wird klar: Die Augen sind die reflektierenden Linsen von zig Objektiven alter, mannshoher Filmprojektoren, die aus der riesigen bis zu den Dachbalken führenden Lagerhalle funkeln.
Eine Tür: Warme Luft schlägt entgegen und dazu der Duft alten Eisens mit Öl vermischt, leise Geräusche aus dem Hintergrund. Im Zentrum, vor einer Leinwand – für die Grösse dieses Raumes mit fast bescheidenen Ausmassen – stehen rund fünfzig orange Stühle in mehreren Reihen. Rund herum Gestelle voller alter Filmspulen, eine Bar und viele scheinbar unübersichtlich zusammengestellte antike Geräte aus der Filmwelt – eine spezielle Kulisse für ein Kino, mit einem einzigartigen Charakter.
Das ist das Lichtspiel nahe der Kehrichtverbrennungsanlage an der Berner Bahnstrasse, ein Ort der Begegnung mit kinematografischen Schätzen in all seinen Facetten. Und inmitten dieses beeindruckenden Sammelsuriums der Kinogeschichte sitzt David Landolf, der Initiant und Leiter des Vereins Lichtspiel, vor einem «vorsintflutlichen» Bildschirm, einem Vorführ- und Schneideplatz für 16-Millimeter-Filme, beim Einfädeln einer alten Filmrolle.
Drehbuch des Lebens
Nach der regulären Schule in Hinterkappelen besuchte David Landolf das Untergymnasium Neufeld. Als Mitglied des Gymerclubs Filmforum kam es zum ersten bewussten Kontakt mit der weiten Filmwelt, der grossen Leidenschaft des heute 45-Jährigen. Er zeigte, zusammen mit Gleichgesinnten, die ersten 16-Millimeter-Filme auf Leinwand. Die Freizeit verbrachte er häufig auf Kinosesseln und schaute sich die aktuellen Filme an. Damit er sich die zahlreichen Eintritte finanziell leisten konnte, suchte David Landolf verschiedene Jobs: «Ich rüstete auch Rübli in der Küche eines Restaurants.» Das Ende des Gymers läutete ein neues Kapitel in der Geschichte des Lichtspiel-Initianten ein: Er tauchte bereits beim Erscheinen des allerersten PCs in die Welt des Programmierens ein. Die technische Seite schien ihm zu behagen und ihn für sein nachfolgendes Studium zu inspirieren. An der ETH in Lausanne studierte er Elektrotechnik und wurde durch Freddy Buache, den damaligen Direktor der Cinémathèque suisse, für die Filmgeschichte «angefixt».
Vorspann zum Lichtspiel
Nach dem Gymer gab der junge Landolf Computerkurse, oder er spannte für «Cinémois» mit seiner damaligen Freundin zusammen. Mal zeigten sie in dieser Reihe «The Trial» von Orson Welles im Gerichtssaal des Berner Amtshauses, mal «Le Bal» im Ballsaal des Jardin im Breitenrainquartier. Der Film musste jeweils am entsprechenden Ort gezeigt werden: Das war die Kernidee von «Cinémois». Noch während des Studiums stieg David Landolf 1986 beim Drachenäscht in der Berner Altstadt ein. Die Genossenschaft verkauft seit 1985 Spiele, Drachen, Jongliermaterial und vieles mehr. Dort lernte er den Berner Spielemacher Urs Hostettler kennen, mit dem er die Mystery Weekends bestritt. Dies sind Wochenende-Livekrimis in Hotels in Meiringen oder Interlaken (gibt es noch heute. Anm. der Redaktion), bei denen er für die Gäste als Berichterstatter, Spielleiter, Techniker, Schauspieler oder Organisator tätig war. Nach dem Studium 1989 half ein beruflicher Seitensprung, die technischen Fertigkeiten von David Landolf zu verfeinern: Bei Kudelsky war er in der Entwicklung von Modems tätig. Das Angestelltenverhältnis schien ihm jedoch wenig zu liegen. Viel mehr gefiel ihm die flexible Genossenschafts- oder Vereinsstruktur.
Vogelperspektive
Als technischer Leiter des Kinos im Kunstmuseum lernte David Landolf den damaligen Kinotechniker und Sammler Walter Ritschard kennen. Als dieser 1998 unerwartet starb, ging alles sehr schnell. Als die Ritschard-Erbengemeinschaft merkte, dass die Sammlung schwer zu verkaufen war, entschied sich David Landolf Hals über Kopf, die Sammlung in der alten Toblerfabrik an der Bahnstrasse zu übernehmen. Er bezahlte im Jahr 2000 die ausstehende Mietschuld der Stadt zurück und machte sich ans Aufräumen. Bescheiden entstand aus der undurchsichtigen Sammlung mit Hilfe von Leuten, die der Initiator anfragte, der heutige Verein Lichtspiel, mit Museum, Archiv und Vorführraum für Filmfreunde. Das Lichtspiel besitzt heute über 14000 Filme aller Art, die unter idealen Bedingungen im Keller gelagert und teilweise oben im Saal gezeigt werden. Dabei sind Raritäten und Antiquitäten aus Beständen verschiedenster bekannter und unbekannter Filmemacher aus der ganzen Welt. Zudem bieten David Landolf und sein Team Reparaturen aus dem Genre aller Art an. Dies entspricht der ursprünglichen Idee des Leiters, Filme und Materialien wie Projektoren auch zu benützen und nicht verstauben zu lassen.
Froschperspektive
David Landolf ist heute vollauf zufrieden mit seinem Projekt. Er lebt in einer bescheidenen Wohnung, hütet seine Tochter und kann sich auch neben dem Lichtspiel wohl fühlen, ohne das Gefühl zu haben, mit all dem Material einen «Klumpen» am Fuss zu haben. Dies ist nicht ganz selbstverständlich. Liegt doch tonnenweise Material bereit, um gesichtet, repariert oder archiviert zu werden. Auch Geld möchte er nicht mehr: «Ich verdiene vermutlich weniger als Zivildienstleistende, die bei uns arbeiten.» Finanzieren möchte er aber, wenn schon, nicht sich, sondern mehr Leute, die für das Lichtspiel arbeiten: «Ich würde lieber jemanden anstellen, als die Bar neu zu bauen.» Er findet seinen Job nie monoton, kann seinen Alltag selber einteilen. Er leitet den Vorstand, stellt das Sonntagsprogramm zusammen und hat mittlerweile Lehraufträge in der Schweiz und in Deutschland. Trotzdem: «Es freut mich stets, wenn ich in meiner Arbeit dem Publikum eine Film-Trouvaille zeigen kann und die Besucherinnen und Besucher begeistert nach Hause gehen, mit dem Gefühl, eine Wundertüte vorgesetzt erhalten zu haben.» Und genau das macht den Charme des Lichtspiels aus: Es ist kein Kommerzbetrieb und verbindet zudem die Exotik des Films aus früheren Zeiten mit dem einzigartigen Ambiente des grosszügigen Lagerhauses. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.04.2010, 18:26 Uhr
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