BZ-Forum

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Ausgewandert, um aufzutreten

Von Thomas Kobel, Berlin. Aktualisiert am 02.06.2010

Vom Landkind zum Sänger, Tänzer und Schauspieler – von Ueberstorf bei Flamatt nach Berlin: Das ist der Weg von einem, der Physik studieren wollte und Musicaldarsteller wurde. Die verschlungene Geschichte von Tobias Bieri.

Tobias Bieri auf dem Viktoria-Luise-Platz in Berlin. Er schliesst im Sommer seine Ausbildung zum Musicaldarsteller ab.

Tobias Bieri auf dem Viktoria-Luise-Platz in Berlin. Er schliesst im Sommer seine Ausbildung zum Musicaldarsteller ab.
Bild: Thomas Kobel

Es ist ein verregneter Mittwochabend an der Neuköllner Oper in Berlin: grosser Trubel an der Premierenfeier des Musicals «Leben ohne Chris». Von der ersten Sekunde an ist das Publikum voll mitgegangen, und als das Saallicht angeht, lässt es sich in seiner leichten Berauschung nur ungern wieder ernüchtern. «Dafür gehen wir ins Theater, für solche Momente arbeiten wir jeden Tag», schwärmt Peter Lund. Er ist Dozent an der Berliner Universität der Künste (UdK) und Autor des Stücks. Nach fantastischen Kritiken war das Musical permanent ausverkauft. Deshalb ist es genau genommen die Premiere der Wiederaufnahme. In all dem Lachen, Trinken und Umarmen sitzt der Berner Tobias Bieri, müde und glücklich nach seinem gelungenen Auftritt als Engel, der Chris ins Jenseits begleiten soll. Es mag gewirkt haben, als gehöre er ganz selbstverständlich auf die Bühne. Sein Weg dorthin war aber ein verschlungener und teils schwieriger.

Kindheit auf dem Hof

Tobias Bieri wuchs in Ueberstorf bei Flamatt auf, zusammen mit Eseln, Schafen und Kühen auf einem abgelegenen Bauernhof hoch über dem Sensegraben. Mit zwölf zog er mit Mutter und Schwester nach Bern, wo er die Rudolf-Steiner-Schule besuchte. Er interessierte sich für Mathematik, Physik und Informatik, spielte intensiv Volleyball, trainierte Junioren, stand jeden Abend in der Halle. Sein Bruder ist inzwischen Doktor der theoretischen Physik – etwas, das ihm auch hätte passieren können, wenn er seinen ursprünglichen Plan verfolgt hätte. Die Faszination für Musik war zwar da – Bieri genoss jahrelang Klavierunterricht, komponierte eigene Stücke, hörte die «Jesus Christ Superstar»-Schallplatten des Bruders dünn und durchsichtig. Aber dass man so etwas lernen und werden kann, Musicaldarsteller, das war ihm nicht klar – es kam ihm gar nicht in den Sinn.

Sprung nach Berlin

Als Abschlussarbeit an der Steiner-Schule wollte ich zuerst etwas mit Wasserstoff machen», erinnert sich Tobias Bieri. Statt ein Thema aus der Chemie zu bearbeiten, inszenierte er dann aber mit einer eigens zusammengestellten Band Musicalstücke. Auf einmal war das Ziel klar, und Bieri wäre auch gleich an der Swiss Musical Academy in Bern zugelassen worden. Doch der Vater riet ihm, zuerst die Matur zu machen. Also bereitete er sich am Gymnasium Hofwil zwei Jahre lang auf die Aufnahmeprüfungen in Deutschland vor. In einem mehrtägigen Auswahlverfahren suchte die Universität der Künste aus über 300 Bewerbern zwölf Studierende aus. Tobias Bieri war einer von ihnen.

Im Rahmen der Ausbildung standen – wie bei «Leben ohne Chris» – verschiedene Auftritte für die schliesslich noch zehn Studierenden des Jahrgangs an. Tobias Bieri hatte aber auch schon ein Engagement in der Schweiz. Einen Semesterferiensommer lang spielte, sang und tanzte er als Zweitbesetzung den Geissenpeter in «Heidi» auf der Seebühne Walenstadt. Und beim deutschen «Jugend kulturell Förderpreis» stand er als Finalteilnehmer in Hamburg erstmals in einem ausverkauften Opernhaus mit 1400 Plätzen allein auf der Bühne.

Ein grosser Vertrag

Das Abenteuer UdK Berlin begann vor vier Jahren, jetzt steht Bieri kurz vor seinem Abschluss. Die Aufnahmeprüfung ist nur mehr eine nette Anekdote. «Die Schauspielimprovisation habe ich damals völlig verkackt. Mein Ticket für die Schule waren der Gesang und meine Ausstrahlung auf der Bühne», erinnert er sich. Am letzten Tag schmetterte er «Gethsemane» aus «Jesus Christ Superstar» in den Saal, ein Song, der ein sehr hohes Rockfalsett verlangt. Das liegt den wenigsten – Tobias Bieri zählt es zu seinen Stärken. Dieselbe Fähigkeit hat auch dafür gesorgt, dass Bieri schon jetzt ein einjähriges Engagement in der Tasche hat. Ab Ende Oktober tritt er in Berlin in «We Will Rock You» auf, er spielt dort in Zweitbesetzung die Hauptrolle «Galileo» oder im Ensemble. Sieben Shows pro Woche bieten reichlich Gelegenheit, Erfahrung zu sammeln.

Ein harter Kampf

«Ich habe ein bisschen Bammel davor, aus der Geborgenheit der Schule hinauszutreten», sagt Bieri. «Deshalb bin ich froh, mein angestammtes Umfeld nicht verlassen zu müssen.» Ausserdem möchte er weiter an seinem Schauspiel arbeiten. Bieri erinnert sich an die schwierigen Anfänge: «Mir kam der Schweizer in mir in die Quere. Wir sind nett, diplomatisch, indirekt. Auf der Bühne kann man das nicht brauchen. Dort interessiert nur der Konflikt.» Seine inneren Blockaden mussten ihm erst bewusst werden. In einem Halbjahresgespräch wurde er aufgefordert, mehr Mut zu zeigen. Also sprang er zur Verblüffung der Dozenten vor ihnen auf den Tisch. Damit war der Prozess aber erst angestossen. Monatelang musste er gegen seine Blockaden arbeiten, Rückschläge wegstecken. Dazu kamen Probleme mit der akzentfreien deutschen Aussprache. Eine klassische Reaktion darauf ist: schneller sprechen, um die Unsicherheit zu kaschieren. «Erst jetzt, im vierten Jahr, kann ich meine Sätze ganz bewusst und ruhig setzen», sagt Tobias Bieri. Verantwortlich dafür ist die Hauptrolle im Stück «Peer lügt!», einer Adaptation von «Peer Gynt», die im Juni an der Neuköllner Oper ebenfalls Wiederaufnahme feiert. Dort hat er so viel Text, dass er sich gar nicht mehr verstecken kann.

«Echte Emotionen»

In vielen Dingen geriet die Ausbildung so zur persönlichen Auseinandersetzung mit sich selbst und dem Fach an sich. Nicht nur das Schauspiel, sondern auch Tanz und Gesang mit «echten, ehrlichen Emotionen» zu «unterfüttern», ist Bieris Anspruch. «Damit es etwas heisst!» Er musste lernen, dass sich diese Authentizität nicht erzwingen lässt, ihr fehlende Lockerheit vielmehr im Weg steht. «Man kann nur jedes Mal wieder reinspringen und darauf vertrauen, dass es gut ist, auch wenn es sich anders anfühlt als am Vorabend.»

Vielleicht steht er bald nicht nur auf der Bühne, sondern auch vor der Kamera: Bieri wurde für eine Hauptrolle in einem Spielfilm zum Vorsprechen eingeladen. Und das, obwohl er noch keine eigene Homepage hat und deshalb nicht ganz leicht zu finden ist. «Ja, das ist jetzt wirklich dringend nötig», sagt Tobias Bieri. Er wird seinen Internetauftritt selber programmieren. Damit auch seine technisch-mathematische Seite nicht ganz verkümmert. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.06.2010, 10:45 Uhr

Umfrage

Waren Sie schon mal in einem Pfingstlager?





WERBEN SIE ONLINE

Nehmen Sie Kontakt mit uns auf. Wir beraten Sie gerne.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.