Als Stuntman nach Hollywood
Als 10-Jähriger hat sich Marcel Stucki wöchentlich die amerikanische Actionserie «A-Team» im Fernsehen angeschaut, dabei wurde ihm eines klar: «Ich will Stuntman werden.» Gesagt, getan: Heute, 17 Jahre später, hat sich Marcel Stucki diesen Traum längst erfüllt. Seit vier Jahren arbeitet der Berner als vollamtlicher Stuntman.
Mentor Oliver Keller
Nach der Schulzeit absolvierte Stucki aber erstmal eine Lehre als Chemielaborant. «Du musst zuerst etwas Anständiges lernen», habe ihm sein Umfeld immer gesagt. Danach hat er bei Stuntdrehs als freiwilliger Helfer mitgewirkt – und so erste Einblicke in die Arbeit eines Stuntmans erhalten. «Es war mir wichtig, den Verantwortlichen zu signalisieren, dass ich gewillt bin, mich zu engagieren», erinnert sich Stucki. So habe er dann zum Beispiel am Freitag auch einmal auf einen Ausgang verzichtet, um am Samstagmorgen ab 7 Uhr am Drehort mitzuhelfen. Während dieser für ihn spannenden Zeit lernte er Oliver Keller, den berühmtesten Schweizer Stuntman, kennen. Der heute 34-Jährige hat schon bei Filmen wie «Pirates of the Carribbean», «The Green Hornet» oder «Spiderman» mitgewirkt. «Er ist bis heute mein Mentor, wir haben täglich Kontakt», sagt Stucki. Stucki ging weiter seinen Weg. Er besuchte in Köln erste Kurse, ehe er 2003 während anderthalb Monaten eine Stuntschule in den USA absolvierte. Dort lernte der ehemalige Kunstturner das gesamte Handwerk eines Stuntmans kennen: Diverse Sprünge, Treppenstürze, Pferdestunts oder Körperbrände. Und: Er schloss sich der Firma «K-STUNTS» von Oliver Keller an, welche er mittlerweile zusammen mit ihm führt. Dieser gehören insgesamt 25 Stuntmen oder Stuntwomen an, 7 davon sind aus der Schweiz.
Arbeitsvisum für die USA
Während Oliver Keller in Los Angeles wohnt und auch vorwiegend in Amerika engagiert ist, koordiniert Marcel Stucki die Schweizer Geschäfte im Namen von «K-STUNTS». So hat er etwa in Michael Steiners neuem Film «Sennentuntschi» sämtliche Stunts koordiniert und zum Teil auch selber durchgeführt. Auch für die Stunts in «Mein Name ist Eugen», «Tandoori Love» oder «Liebling, lass uns scheiden» war Stucki verantwortlich. Und als wir ihn Ende April in Bern trafen, standen er und sein Team gerade für den neuen Werbespot der Suva vor der Kamera. Doch mittlerweile gilt seine ganze Konzentration dem neuen «Tatort», welcher zurzeit in Luzern gedreht wird, ist doch Stucki verantwortlich für sämtliche Stunts. «Das Koordinieren ist mittlerweile meine Hauptaufgabe.» Doch der 27-jährige Berner will mehr, auch er will nach Hollywood. Die erste Hürde dazu hat er erfolgreich genommen. Stucki erhielt vor kurzem ein Arbeitsvisum für die USA, wegen «extraordinary abilities» – zu Deutsch: besonderen Fähigkeiten.
Stuntschule in Interlaken
Wenn man von Amerika und der Filmbranche spricht, dann ist natürlich Los Angeles beziehungsweise Hollywood gemeint. Dort sei zwar die Konkurrenz, allerdings auch das Angebot an Filmen viel grösser, weiss Stucki. Seine ersten Auftritte in Übersee hatte er bereits, so stand er etwa für ein neues Musikvideo des R&B-Sängers Usher oder die Fernsehserie «Criminal Minds» vor der Kamera. Bereits jetzt lebt Stucki zu 50?Prozent in den USA; es sollen in Zukunft noch mehr werden. Doch bis August wird er vorerst einmal in der Schweiz bleiben. Nach dem «Tatort»-Dreh steht für Stucki ein weiteres Projekt vor der Tür: Vom 19. Juli bis 8. August findet in Interlaken eine dreiwöchige Stuntschulung statt (Infos am Ende des Artikels).
Gefährlicher Beruf
«Angst habe ich nie, aber Respekt», sagt Stucki, und denkt dabei an seinen bislang gefährlichsten Stunt. «Ich wurde von einem Auto angefahren und musste mich übers Dach abrollen.» Er sagt aber auch: «Ausschliessen kann man einen Unfall nie, aber man kann das Risiko minimieren.» Trotzdem: Auch Marcel Stucki musste sich schon mehrmals nähen lassen, und auch von Brüchen blieb er nicht verschont. «Das ist Berufsrisiko», sagt er nur dazu . Apropos Beruf: Zurückkehren in seinen alten Beruf als Chemielaborant – das kann sich der Berner nicht vorstellen. Doch er sagt: «Bei einigen Special Effects hat mir mein chemisches Verständnis geholfen.»
Eine Lebenseinstellung
«Der Beruf ist abwechslungsreich, man macht nie zwei Mal das Gleiche und lernt viele Leute kennen», schwärmt Stucki. Zudem bereite ihm der Nervenkitzel viel Spass. Der Traum eines jeden Stuntmans sei, bei einem grossen Hollywood-Film sämtliche Stunts zu drehen, also mit dem Filmset von Drehort zu Drehort zu reisen. Dafür sei ein gutes Beziehungsnetz wichtig, und es brauche Überzeugungsarbeit und viel Engagement. «Der Beruf Stuntman ist nicht nur ein Job, er ist eine Lebenseinstellung.» Und dafür braucht es viel Training. «Das ist das A und O.» Deshalb besucht Stucki auch regelmässig das Fitnessstudio, arbeitet neue Ideen aus und trainiert fleissig das Einstecken von Schlägen oder Sprünge aus bis zu 25 Metern Höhe.
Traum ist Realität
Früher hätten seine Kollegen jeweils gefragt: «Bist du sicher, dass du das tun willst?», erinnert sich Stucki. «Mittlerweile wissen sie, wie viel ich mache, wie oft ich unterwegs bin. Sie haben Freude, wenn ich von meinen Erlebnissen erzähle.» Und Freude hat auch Marcel Stucki, denn er lebt seinen Kindheitstraum. Und für alle aufmerksamen Kinobesucher: Das neue Werk von Marco Rima, «Liebling, lass uns scheiden», kommt im November in die Kinos. Im Film fällt jemand die Treppe runter, und wer genau hinschaut, erkennt vielleicht Marcel Stucki
Stuntschule in Interlaken. Mit Marcel Stucki und Oliver Kellers «K-STUNTS»-Team und Profi-Stuntlehrern aus Amerika. Anmeldung noch bis 20. Juni möglich unter
www.stuntsquad.ch
www.kstunts.com (Berner Zeitung)
Erstellt: 11.05.2010, 08:57 Uhr
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