«Vertragen ist nicht einfach ein Spaziergang»
Interview: Franziska Zaugg. Aktualisiert am 22.03.2011
Die guten Zeitungsgeister
Jeden Tag sind sie in den frühen Morgenstunden unterwegs und sorgen dafür, dass die BZ-Leserinnen und -Leser mit Lektüre eingedeckt werden: die Zeitungsverträgerinnen und Zeitungsverträger. 2000 dieser guten Geister drehen im Kanton Bern ihre Touren – bei Wind und Wetter, Sonne und Regen, Eis und Schnee. Unermüdlich sorgen sie dafür, dass die Lieblingslektüre der Abonnentinnen und Abonnenten bis um halb sieben im Briefkasten steckt. Und wird es ausnahmsweise mal später, ist dies sicher auf unvorhersehbare Umstände zurückzuführen. Das BZ-Forum möchte Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Menschen, die hinter dieser Arbeit stehen, näherbringen. In loser Folge stellen wir Ihnen deshalb verschiedene Zeitungsverträgerinnen und -verträger vor.cw
Hans-Ueli Steffen, wie sind Sie Zeitungsverträger geworden? Hans-Ueli Steffen: Ich führte einen Bauernbetrieb in Obergoldbach, den ich vor sechs Jahren an einen meiner Söhne übergab. Meine Frau und ich zogen ins Stöckli. Seither vertrage ich Zeitungen.
Welches sind die Herausforderungen bei dieser Arbeit? Das Vertragen ist nicht einfach ein Spaziergang. Man muss sich konzentrieren. Es gibt Unterschiede, wer an welchem Tag welche Zeitung bekommt. Passieren einen Monat lang keine Zustellungsfehler, wird man mit einer Bonuskarte belohnt. Bei sechs Karten gibt es Reka-Checks im Wert von 50 Franken von der Presto Presse-Vertriebs AG.
Sie haben in den sechs Jahren sicher schon einiges erlebt auf Ihren täglichen Touren. Schönes und weniger Schönes wie vor zwei Jahren. Da spürte ich plötzlich, als ich unterwegs war, ein Unwohlsein in der Brust. Ich wollte unbedingt die Zeitungen noch austragen. Zu Hause musste mich die Ambulanz abholen. Ich hatte einen Herzinfarkt.
Und sie arbeiten trotzdem noch? Unbedingt. Mein Arzt sagte mir, die Bewegung an der frischen Luft tue mir gut. Ich fahre immer ein Stück weit mit dem Auto, da ich 110 Berner Zeitungen und andere Titel transportieren muss, und gehe dann wieder zu Fuss.
Wann beginnt ihr Arbeitstag? Um vier Uhr morgens hole ich die Zeitungen beim Bahnhof Lützelflüh ab. Mir ist jeweils nicht so wohl dabei, vor allem wenn ich auf die Anlieferung der Zeitungen warten muss. Am Bahnhof halten sich um diese Zeit oft «komische Gestalten» auf.
Sind Sie lange unterwegs? Ich vertrage die Zeitungen ja im Unterdorf von Lützelflüh. Gegen sechs Uhr bin ich wieder zu Hause. Dann mache ich das Frühstück für meine Frau und mich. Anschliessend lege ich mich noch eine Stunde aufs Sofa.
Macht Ihnen das Vertragen Spass? Zu Fuss der Emme entlangzugehen, ist sehr schön. Im Frühling sehe ich, wie die Blumen blühen, später dann, wie sie welken. Ich mag es, draussen zu sein. Das erinnert mich an meine frühere Arbeit als Bauer. Denn es war gar kein einfacher Entscheid, den Hof aufzugeben.
Und was machen Sie nach der Tour? Wir haben sieben Grosskinder im Alter zwischen vier Monaten und 15 Jahren. Meine Frau und ich hüten gerne und oft. Und wir gehen täglich zusammen spazieren.
Welche Zeitungen lesen Sie? Mir gefällt die neue BZ. Die Themen sind besser aufgeteilt. Ich lese sie jeweils abends vor dem Einschlafen. Da ich früh aufstehe, gehe ich um 21 Uhr ins Bett. Fernseh schaue ich nicht so gerne.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.03.2011, 14:44 Uhr



