Ein Lob auf die «Fassnacht»

Gregor Poletti geht dem subversiven Charakter der Fasnacht nach.

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«Unser Tütsch wörtli heisst Fassnacht, wie es dann in den Kalender gestellt wird. Waz aber hierdurch werde verstanden, kan ich nit wol wüssen», notierte 1601 ein Zürcher Pfarrer. Das erstaunt bei einem Zürcher wenig. Tatsächlich gibt es aber verschiedenste Deutungen zur Herkunft dieses Brauchtums. Belegt ist, dass die Obrigkeit dem närrischen Treiben seit je nicht viel abgewinnen konnte. Schon im 15. Jahrhundert versuchte diese, den Maskenlauf des gemeinen Volks mit verschiedensten Erlassen zu zügeln. Dahinter steckte die Furcht vor dem subversiven Charakter der Fasnacht.

Noch heute müssen sich Politiker, Chefbeamte und Wirtschaftsführer warm anziehen während des Narrentreibens. Insbesondere in den Fasnachtshochburgen Innerschweiz und Basel kriegen sie regelmässig ihr Fett ab – und das nicht zu knapp. So etwa der abtretende Urner Polizeikommandant, der in den zweiundzwanzig Jahren seiner Tätigkeit rund eineinhalb Jahre Überzeit angehäuft hatte. Als Polizeichefs verkleidet warb eine Gruppe am diesjährigen Güddelmontagsumzug in Altdorf um Verständnis für seine Überstunden – und redete sich dabei zur Belustigung des Publikums um Kopf und Kragen.

Dampf ablassen gegenüber den Machthabern ist ein Grundbedürfnis von Bürgern. Diese Ventilfunktion erfüllt das närrische Treiben in den Wintermonaten nicht nur trefflich. Es ist auch eine positive Art, seinen Unmut zum Ausdruck zu bringen. Dies, weil die Gepiesackten dabei zwar blossgestellt aber in der Regel nicht diffamiert und beleidigt werden.

Legitim, aber nicht immer sachgerecht ist eine weitere Ventilfunktion, die hierzulande Tradition hat: die Volksabstimmung. Dabei nutzen die Bürger auch mal die Gelegenheit, «denen in Bern oben» zu zeigen, «wo der Bartli den Most holt». So hat etwa das Ja zur Minarettinitiative zwar gezeigt, dass ein Missbehagen gegenüber dem Islam besteht. Aber mit dem Verbot von muslimischen Kirchentürmen wird dieser Sorge keinerlei Rechnung getragen.

Neuerdings hat eine Sitte Einzug gehalten, die ebenfalls eine Ventilfunktion erfüllt, der aber nichts Positives abzugewinnen ist: die Hasskommentare im Internet. Während bei der Fasnacht das Gemeinschaftserlebnis im Vordergrund steht, können in den sozialen Medien Individuen ihrer Wut und ihrem Hass gegenüber Exponenten des öffentlichen Lebens freien Lauf lassen. Im Vergleich zu diesen Einzelmasken besteht bei der Fasnacht wenigstens eine gewisse soziale Kontrolle. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.03.2017, 09:42 Uhr

Politik, Geschichte, Provinz und Grenzen: Darum geht es samstags in den «Echtjetzt?»-Kolumnen von Peter Meier, Stefan von Bergen, Gregor Poletti und Andreas Saurer.

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