Schmitz und die Scheintoleranten

Aus geordneter Toleranz erwächst das Chaos: Am Schauspielhaus Zürich lässt Lukas Bärfuss eine Firma kopfstehen. Denn «Frau Schmitz» will sich nicht auf ein Geschlecht festlegen.

Verwirrt: Frau Schmitz (Friederike Wagner) bringt ihren Chef Rolf (Markus Scheumann) völlig aus dem Konzept.

Verwirrt: Frau Schmitz (Friederike Wagner) bringt ihren Chef Rolf (Markus Scheumann) völlig aus dem Konzept. Bild: zvg

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Im Werk in Jaipur gab es einen Ausfall, der pakistanische Zulieferer droht wegzufallen. Eine ­Katastrophe – und nur eine kann die Firma retten: Frau Schmitz (Friederike Wagner). Wobei: Die pünktliche und ansonsten unauffällige Mitarbeiterin ist biologisch gesehen keine Frau, sondern kleidet sich wie eine. Mann ist stolz darauf, dass dies in der Firma akzeptiert ist, für HR-Frau Mara (Carolin Conrad) sind Menschen jenseits der Norm «gut für das Reizklima».

Aber ein Mann in Frauenkleidern will man dem Pakistani dann doch nicht zumuten. Dort sei man in Sachen Akzeptanz noch nicht so weit, findet Rolf, der Chef (Markus Scheumann). So fliegt Frau Schmitz in Männerkleidern zur Verhandlung. Die Gespräche verlaufen hervorragend. Schmitz findet offenbar Gefallen an ihrer neuen Rolle – und kehrt in Männerkleidern ins Büro zurück. Damit brüskiert sie die Kollegen.

Um die Toleranz betrogen

Frau Schmitz geht es wie Menschen, die sich in jungen Jahren mit ihrer gleichgeschlechtlichen Liebe outen und sich später doch für eine klassische Familie entscheiden: Das Umfeld fühlt sich um seine Toleranzleistung betrogen. Stellt Schmitz sich mit ihrer wiederentdeckten Männlichkeit in den Dienst der Firma, wie Rolf sagt? Oder verleugnet sie sich, wie Nerd Julius (Milian Zerzawy) findet, der ihr eben noch schleimig seine Liebe gestanden hat? Derweil findet Schmitz in HR-Frau Mara eine neue glühende Verehrerin.

Doch als sie ein paar Tage später wieder in ihren unauffälligen Frauenkleidern zur Arbeit kommt, sind sie alle vor den Kopf gestossen, wittern eine Guerillataktik, fühlen ihre eigene Geschlechteridentität hinterfragt und greifen panisch zur plastischen Chirurgie.

Selbst verliert Schmitz nicht viele Worte, und so wird ihr Verhalten über ihren Kopf hinweg verhandelt. Zuletzt soll Schmitz wieder in ­Pakistan verhandeln. Und plötzlich steht die (behauptete) Intoleranz der dortigen Gesellschaft der Engstirnigkeit in der Firma in nichts mehr nach.

Bärfuss und Frey

Bärfuss ist Chefsache: Nach «Malaga» (2010) und «Die schwarze Halle» (2013) ist «Frau Schmitz» der dritte Bärfuss, bei dem Intendantin Barbara Frey in Zürich ­Regie führt. Sie tut dies mit ein­fachen Mitteln. Auf der leeren Bühne sind die neun Protagonisten auf einer Stuhlreihe platziert (Bühne: Bettina Meyer).

Szene um Szene wird das involvierte Personal per Scheinwerfer hervorgehoben. Viel mehr passiert nicht. Das wirkt gegen Ende der 100 Minuten etwas statisch, funktioniert aber dennoch. Weil Bärfuss seinen Figuren glasklare, dichte und wohlformulierte ­Sätze in den Mund legt – und die Schauspieler ihre Rollen so gut verinnerlicht haben, dass sie auch sitzend die nötige Spannung halten.

Mit einer Rochade lässt Frey die Verwirrung von der Firma ins Publikum übergreifen: Sie steckt am Ende Lambert Hamel anstelle von Friederike Wagner in Frau Schmitz’ Frauenkleider. Wie ist nun genau das Geschlecht nach dieser ominösen Operation, die eine tiefe Narbe im Gesicht der vom Glück verlassenen Protagonistin hinterlässt?

Beeindruckend, wie Bärfuss Themen wie Gender und Toleranz leicht und mit Witz auf die Bühne stellt.

Bärfuss’ Firmenbelegschaft besteht aus allesamt leicht schrulligen bis plakativen Charakteren, die um Halt in ihrem Weltbild bemüht sind. Doch dieses wird von Szene zu Szene mehr erschüttert. Beeindruckend, wie Bärfuss Themen wie Geschlechteridentität und falsche Toleranz mit Leichtigkeit und Witz auf die Bühne stellt. Zum Premieren­applaus gabs im Pfauen Bravos.

Nächste Vorstellung: Heute, 20 Uhr. Bis 31. 12., Pfauen, Zürich.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 24.10.2016, 11:19 Uhr

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