Plötzlich liegt Bern im Amazonasgebiet

Der legendäre Naturforscher Emil August Göldi, vor 100 Jahren gestorben, hinterliess dem Naturhistorischen Museum Bern Tausende teilweise skurril anmutender Präparate. Wer in den Museumskeller steigt, hat ein tropisches Erlebnis.

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Den Amazonas findet man in Bern in einem Keller, in dem es 15 Grad kühl ist und grau. Mit einem Zahlencode öffnet Manuel Schweizer, Ornithologe und ­wissenschaftlicher Kurator am Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern, die Türe im dritten Untergeschoss, die einen Alarm auslöst, wenn sie zu lange unverschlossen bleibt.

Man geht vorbei an einem fahrbaren Tisch, auf dem sich Dutzende in Gläser eingelegter ­Frösche stapeln, die ein Kollege Schweizers eben von einer Ex­pedition in ­Borneo nach Hause gebracht hat, weiter in einen grauen Lagerraum mit einer ­langen Reihe schiebbarer Schränke. Man wähnt sich einem Aktenkeller einer Bank, stünden nicht hinten in einer Ecke ein Kaffernbüffel und ein Kudu, die wehmütig an die Wand starren, und nur ein paar Schritte weiter lauert am Boden sprungbereit ein Jaguar.

Im Untergeschoss des Naturhistorischen Museums lagern bei konstanter Temperatur über 86 000 Wirbeltiere (zählt man die Wirbellosen hinzu, sind es zwischen drei und vier Millionen Präparate), von denen nur ein Bruchteil je in einer Ausstellung dem Publikum gezeigt wird.

Alles ist tot. Alles lebt. Wenn Manuel Schweizer, einen leuchtend farbigen Ara in der Hand, die opulente Story des legendären Naturforschers Emil August ­Göldi erzählt, von dem in diesem Keller 14 000 eigenhändig im Amazonasgebiet gesammelte und präparierte Tierkadaver stammen, dann erzählt er auch eine Geschichte über die Entwicklung des Lebens in einer der dynamischsten Zonen der Erde.

Furchtloser Pionier

Der Toggenburger Zoologe Göldi wanderte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Brasilien aus, und nach einigen Umwegen wurde er zum Direktor des Naturhistorischen Museums der Millionenstadt Belém – portugiesisch für Bethlehem – berufen, die mitten im riesigen Mündungsgebiet des Amazonas liegt. Göldi brach, meist per Schiff, von Belém aus zu unzähligen Expeditionen in den undurchdringlichen Dschungel auf und machte sein Museum zu einem Pionierort der Amazonas-Erforschung.

Gerne lud Göldi Forscherkollegen aus aller Welt in seine feuchtwarme zweite Heimat ein. Allerdings überlebten das nicht alle, weil etwa das Gelbfieber grassierte, dessen Übertragung durch Mücken Göldi ebenfalls wissenschaftlich zu verstehen versuchte. Furchtlos stiess Göldi in abgelegenste Gebiete vor, und er wurde sogar zur Schlüsselfigur eines Krieges. Als sich Brasilien und die Kolonialmacht Frankreich um das wegen Goldfunden interessant gewordene Amazonasgebiet Amapa stritten, schaltete Göldi den Schweizer Bundesrat als Vermittler ein.

Direkter Draht nach Bern

Brasilien kam dank Göldis diplomatischer Tätigkeit zu Territorialgewinnen und dankte dem Schweizer Expat, indem es ihn unsterblich machte: Sein Museum im Bundesstaat Pará heisst bis heute Museu Paraense Emilio Goeldi. Der Forscher selber fand während seiner staatsmännischen Nebentätigkeit den Draht nach Bern, wo er nach seiner Rückkehr aus Brasilien Zoologieprofessor wurde und 1917 – vor genau 100 Jahren – mit nur 53 Jahren starb.

«Mich fasziniert, mit welcher Entschlossenheit und Konsequenz sich Göldi der Artenforschung verschrieb», sagt Manuel Schweizer. Göldi führte ein Leben im Risikomodus: Anstelle eines ruhigen Wissenschaftler­lebens in der Schweiz exponierte er sich im unsteten Brasilien und im damals noch weitgehend unerforschten Urwald.

Gefaltete Flamingos

Die 14 000 Tierpräparate – vom Jaguar bis zum Moskito – die der akribische Sammler Göldi noch zu Lebzeiten nach Bern schaffen liess, seien «nach wie vor von grossem wissenschaftlichem Interesse», sagt Experte Schweizer. Als Laie schaudert einen, wenn man die skurril zusammengefalteten Flamingos sieht oder die sauber aufgereihten Bälge regenbogenfarbiger Urwaldvögel, die Göldi präparierte. Im Prinzip legte Göldi ein Archiv der Biodiversität an, das heutigen Artenforschern bei ihrer detektivischen Arbeit als Referenz dient.

Erst kürzlich, so Schweizer, hätten Wissenschaftler der Universität Lausanne an von Göldi präparierten Vögeln eine DNA-Probe genommen. Modernste Technologie kann dazu führen, dass man heute neue Arten findet, die Göldi mit seinen Mitteln noch gar nicht erkennen konnte. Ornithologen beispielsweise sind mitunter mit hochempfindlichen digitalen Aufnahmegeräten unterwegs und identifizieren so feinste Unterschiede im Gesang von Vögeln, die auf neue, bisher übersehene Arten hindeuten können. An Göldis Präparaten können solche Befunde überprüft werden.

Göldi hatte weniger technische Mittel, um neue Tierarten zu finden, aber auch weniger bürokratische Hindernisse: Er bediente sich in der Natur und tötete Tiere zum Zweck der Forschung. Heute läuft die Artenforschung unter strengsten Auflagen. Besonders für Auslandexpeditionen, sagt Schweizer, der oft in Zentralasien forscht, sei der bürokratische Aufwand enorm. Selbst wenn heute den Tieren für die Artenforschung meist nur Blut genommen wird und sie danach wieder freigelassen werden. In der Schweiz, wo Hauskatzen allein in einem durchschnittlichen Frühlingsmonat 300 000 Vögel jagen, muss jedes Gesuch für eine Blutentnahme bei einem Vogel einer Expertenkommission vorgelegt werden.

Ausgestorben vor Entdeckung

Wenn Artenforscher noch immer neue Arten finden ­– ist die globale Biodiversität wirklich gefährdet? «Das ist kein Widerspruch», sagt Schweizer. Die Artenvielfalt sei rückläufig, «aber trotzdem entdeckt man immer noch neue Arten». Allein im Amazonas wird nach Zahlen des WWF jeden dritten Tag eine bisher unbekannte Art identifiziert. Das Amazonasbecken ist auch deshalb extrem artenreich, weil es durch die verhältnismässig junge Andenfaltung immer in Bewegung sei. Manchmal genüge der veränderte Verlauf eines Flussarms zur Bildung einer neuen Art. Was man aber auch weiss: Viele Arten sterben aus, noch bevor sie entdeckt werden.

«Die Natur», sagt Manuel Schweizer, «steht nie still.» Veränderung ist die einzige Konstante. Auch das erzählt Göldis historische Sammlung toter Tiere im Keller des Berner Museums über das Leben auf dieser Welt.

Amazonas in Bern. Themenmonat im Naturhistorischen Museum Bern. Heute Mittwoch,ab 14 Uhr: Tierzeichnen ­ Tiere des Amazonas. Werkstatt für Gross und Klein ab 7 Jahren. Morgen Donnerstag, 19 Uhr: Amazonas – von den Anden zum Atlantik. Bildervortrag der Abenteurer Alex Brümmer und ­Peter Glöckner. Weitere Veranstaltungen: www.nmbe.ch (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.02.2017, 09:22 Uhr

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