Vom Raumschiff Enterprise ins Mercedes-Cockpit
Von Dieter Liechti. Aktualisiert am 19.01.2010
Manchmal nerven sie wirklich, die Stimmen des Navigationsgeräts, die einen oft gleich dreimal darauf hinweisen, dass man bei der nächsten Kreuzung links abbiegen muss. Mit Vorliebe meldet sich die Stimme auch dann, wenn im Radio das Resultat meines Lieblingsclubs, des Chelsea FC, verkündet wird, oder wenn mal die Smashing Pumpkins oder Radiohead den musikalischen Alltagstrott unserer Radiostationen stören.
Das nervt wirklich. Vor allem die Tatsache, dass die Stimmen nicht auf meine Kraftausdrücke reagieren oder sich für die Störung entschuldigen. Nein, sie bleiben immer gleich. Egal, ob ich das Ziel auf dem schnellsten Weg erreicht habe, oder mich die Stimme quasi zu einem U-Turn (180-Grad-Wende) auffordert, weil ich trotz der mehrmaligen Hinweise bei der Kreuzung halt doch rechts statt links abgebogen bin.
Mehr als 1000 Wörter
Doch das Fehlen jeglicher Emotionen in den Stimmen der Navigationsgeräte hat System und technische Hintergründe. Denn bei den Aufnahmen im Tonstudio werden pro Sprache über 1000 Wörter, sogenannte «Takes», einzeln gespeichert und codiert, sodass der Computer unterwegs sekundenschnell und situationsgerecht auf das jeweils notwendige Kommando zugreifen und es bei Bedarf mit anderen Informationen komplettieren kann.
Da komme es für den Sprecher darauf an, stets mit der gleichen Intonation zu sprechen, heisst es bei Mercedes-Benz: «Damit die Informationen spontan und natürlich klingen, wenn das System im Auto aus verschiedenen akustischen Versatzstücken seine Ansagen formuliert. Dabei setzt man in Stuttgart in erster Linie auf weibliche Stimmen. Nur die türkischen Autofahrer glauben offenbar einem Mann mehr als einer Frau.
Jede wichtige Sprache hat in den neusten Navigationssystemen von Mercedes-Benz eine eigene Stimme – Englisch sogar zwei, weil man in diesem Fall zwischen traditioneller britischer und eher salopper amerikanischer Aussprache unterscheidet.
«CSI New York» und Mercedes
Die italienische Schönheit Ornella Muti, oder Lara Croft, die coole und schöne Heldin aus «Tomb Raider» sind zwei der berühmtesten Namen in der Biografie von Gabriele Libbach. Beiden Filmheldinnen gab die Hamburgerin in den vergangenen Jahren mehrmals ihre deutsche Stimme. Heute hört man Gabriele Libbach in erster Linie in der TV-Serie «CSI New York», wo sie die deutschen Texte der Detektivin Stella Bonasera spricht.
Seit der Marktpremiere der C-Klasse 2007 ist die freundliche Stimme von Gabriele Libbach an Bord aller neuen Mercedes-Pws mit Navigationssystem gespeichert. Das bedeutet: Tagtäglich vertrauen ihr mehrere Hunderttausend Autofahrer, wenn es darum geht, den richtigen Weg zum Ziel zu finden. Auch bei der Sprachbedienung, die Mercedes-Benz bei den modernen Systemen Audio 50 APS und Comand APS serienmässig liefert, plaudern deutschsprachige Autofahrerinnen und Autofahrer mit Gabriele Libbach.
Ihre ersten Sprecherhonorare verdiente sich die Deutsche bereits als Teenager. «Damals war ich 12 und habe vor allem Knabenstimmen synchronisiert – das passte irgendwie für mich.» Später wurde sie für Hörspielklassiker wie «Commander Perkins» engagiert und synchronisierte auch in der TV-Kultserie «Raumschiff Enterprise» eine Nebenrolle.
Tänzerin, Sängerin, Bankerin
Gegenüber solchen Rollen sind Navi-Texte wie «Demnächst links abbiegen» oder «Bitte in die mittlere Spur einordnen» das sprachliche Kontrastprogramm der Lehrerin. «Aber das ist ja das Schöne an diesem Beruf – es gibt immer wieder neue, interessante Aufgaben», sagt sie.
Ebenso interessant ist das Leben der französischen Stimme Christine Ott: Ihre Karriere begann 1977 in den weltberühmten Pariser Variétés Lido und Moulin Rouge, wo sie fünf Jahre lang zweimal täglich auf der Bühne stand. «Als Gogo-Girl mit Federboa, Strass und Pailletten», erzählt die Französin. «Das war eine harte Schule – aber es hat sich gelohnt.»
Die Italienerin Cristina Mambretti verfügt über eine grosse Stimme: Sie hat Gesang studiert und macht sich derzeit in ihrer Heimat als Sängerin für klassische Musik und für Jazz einen Namen. Mit Eric van Aro, dem Sohn von Caterina Valente, singt sie auf dem Album «Desert Motel», und mit dem Schweizer Marco Cortesi trat sie beim weltbekannten Jazz-Festival in Montreux auf.
Ganz ohne Gesangserfahrung ist Claire Ashworth: Die Engländerin ist Teamleiterin einer Grossbank in London. Eine Bankerin mit schöner Stimme? «Ja, so wird es sein», meint sie. Jedenfalls hat man sie aus einer riesigen Gruppe anderer Bewerberinnen ausgewählt. «Das habe ich meinen Eltern zu verdanken», so Ashworth. «Sie haben mich als Teenager genervt und immer gepredigt, ich soll deutlich und vor allem akzentfrei sprechen.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.01.2010, 10:29 Uhr
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