Eine Legende wird 60
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Zum 60. Geburtstag des SL hat das Mercedes-Museum den ältesten noch existierenden W194 komplett restauriert. Das Mercedes-Benz Classic Center in Fellbach hat sämtliche Teile des vollständig demontierten Fahrzeugs untersucht und, wenn nötig, nach höchsten Massstäben an Originalität und Qualität wieder instand gesetzt. Eine klare Vorgabe war, die Substanz und Patina in jeder Hinsicht zu erhalten; zugleich sollte das Fahrzeug wieder möglichst so aussehen wie 1952.
Nur geringe Abweichungen
Der filigrane Gitterrohrrahmen, eines der ungewöhnlichen Merkmale der ersten 300 SL, wurde nach modernsten Methoden vermessen. Das Ergebnis: Die Abweichungen liegen auch nach 60 Jahren in vertretbarem Toleranzbereich. Hier zeigt sich der Vorteil der «persönlichen» Geschichte der Nummer 2. Denn das Fahrzeug wurde zwar im Renngeschehen von 1952 genutzt, jedoch nie als Rennfahrzeug, sondern ausschliesslich als Trainings- und Ersatzwagen, beispielsweise beim Preis von Bern für Sportwagen. Und auch Unfälle hat dieser SL nie erlebt.
Jetzt erstrahlt die Nummer 2 wieder im schönsten Glanz – und ist so laut, wie sie damals halt war. Der Motor dreht wunderbar hoch, doch die Bremsen sind wie einst – quasi nicht vorhanden. Kaum vorstellbar, wie die Rennfahrer damals mit 230 km/h über die Pisten rauschten. Zudem ist auch das Fahrverhalten eher problematisch, die Hinterachse neigt auch aus nichtigen Anlässen zum Ausbrechen. Aber schön, wunderschön ist er halt trotzdem, dieser Flügeltürer.
Eine Einladung leitete die SL-Geschichte ein
Die Geschichte des legendären Sportwagens begann 1952 mit folgender Einladung: «Sehr geehrte Schriftleitung! Der neue Mercedes-Benz-Sportwagen Typ 300 SL (Super-Leicht) wird in dieser Woche erstmalig Versuchsfahrten in der Öffentlichkeit durchführen. Aus diesem Anlass übersenden wir Ihnen anliegend die technischen Daten dieses Fahrzeugs und ein Foto.» So kündigte Mercedes in einer Pressemitteilung am 10. März 1952 das Debüt des 300 SL (Baureihe W194) an. Zwei Tage später wurde das Fahrzeug auf der Autobahn Stuttgart–Heilbronn, der heutigen A 81, ausgewählten Journalisten vorgestellt.
Der Nachkriegssportwagen
Es war ein aussergewöhnlicher Wagen, der da den Journalisten gezeigt wurde, den sie auch fahren durften. 1950, fünf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, denkt man in Stuttgart wieder über Motorsport nach, aber es ist eigentlich nichts vorhanden, was erfolgsversprechend sein könnte. Der einzige einigermassen kraftvolle Motor arbeitet im M186, später besser bekannt geworden als «der Adenauer», ein 3-Liter-Reihensechszylinder, der auf 115 PS kommt. Die Ingenieure entlocken der Maschine aber ziemlich problemlos 170 PS.
Das Problem ist: das Aggregat ist schwer. Auch das ebenfalls aus der 300er-Limo übernommene Getriebe ist schwer. Und weil man nichts anderes hat, müssen auch die Achsen vom Adenauer übernommen werden. Und die sind auch schwer. Es lässt sich also nur noch am Chassis und der Karosserie Gewicht sparen. Mercedes nimmt die Idee eines leichten Rohrrahmens wieder auf; es entsteht ein leichter, aus sehr dünnen Rohren zu lauter Dreiecken zusammengesetzter, extrem verwindungssteifer Gitterrohrrahmen, der nur auf Druck und Zug beansprucht wird; er wiegt nur 50 Kilogramm.
Viel Zeit in den Aluminium-Aufbau investiert
Mit dem Aluminiumaufbau geben sich die Karosseriebauer besonders viel Mühe. Der Wagenkörper gerät dank des Motors, der in einem Winkel von 50 Grad nach links schräg eingebaut wird und über eine Trockensumpfschmierung verfügt, und der Windschlüpfigkeit sehr niedrig, schnörkellos, mit flachem Bug, intuitiv strömungsgünstig geformten Rundungen, eingezogenen Scheinwerfern.
Um einem Gitterrohrrahmen hohe Stabilität zu geben, muss er im Bereich der Fahrgastzelle möglichst breit gestaltet sein. Dies führt zu den spektakulären und später so berühmten Flügeltüren. Der Türausschnitt beginnt bei den ersten Fahrzeugen an der Gürtellinie. Die Türen, tief ins Dach eingeschnitten, öffnen nach oben und erinnern dabei an ausgebreitete Flügel.
Erste Probefahrten auf dem Nürburgring
Der Ur-300 SL, Fahrgestell-Nummer W 194 010 00001/52, absolviert die ersten Probefahrten im November 1951 auf der Solitude-Rennstrecke vor den Toren Stuttgarts, auf dem Nürburgring und dem Hockenheimring; später wurde er, wie es so lapidar heisst, «im Werksbesitz» verschrottet. Insgesamt werden für die Saison 1952 zehn Fahrzeuge der Baureihe W 194 gebaut.
Das Jahr 1952 verläuft für die Mercedes-Benz-Rennabteilung dann sehr erfolgreich. Die Plätze zwei und vier bei der Mille Miglia, Dreifachsieg beim Sportwagenrennen in Bern, Doppelsieg bei den 24 Stunden von Le Mans und Vierfachsieg beim Sportwagenrennen auf dem Nürburgring. Und auch das härteste Rennen jener Jahre, die Carrera Panamericana Mexiko, beenden Karl Kling/Hans Klenk sowie Hermann Lang/Erwin Grupp mit einem Doppelsieg
Optimierte Form, gesteigerte Motorleistung
Der 300 SL wird für die Saison 1953 überarbeitet. Die Karosserie besteht nun aus Magnesiumblech, das noch leichter ist als Aluminium. Sie gewinnt im Windkanal, besonders im Bugbereich, durch eine optimierte Form nicht nur ein neues Gesicht, sondern auch eine bessere Durchströmung des Motorraums. Auch die Motorleistung steigt, zuerst von 170 auf 185 PS. Unter anderem dank Benzineinspritzung kommt der Sechszylinder schliesslich auf eine Leistung von 215 PS. Die Hinterachse ist zur Eingelenk-Pendelachse mit tief liegendem Drehpunkt weiterentwickelt. Das Getriebe ist nach dem Transaxle-Prinzip an die Hinterachse angeflanscht, was eine ausgewogene Gewichtsverteilung bringt. Der Radstand ist um 100 Millimeter gekürzt. Das Fahrzeug rollt auf 16-Zoll-Rädern, der Einsatz von Scheibenbremsen wird zumindest überlegt.
Zum Renneinsatz kommt dieser weiterentwickelte Typ 300 SL zwar nicht, der intern als W 194/11 oder liebevoll aufgrund der Frontgestaltung als «Hobel» bezeichnet wird. Doch seine Karosseriegestaltung mit dem eckigen Kühler, den kompakteren Massen und Lüftungskiemen und auch der Motor nehmen 1953 bereits den Serien-Sportwagen 300 SL der Baureihe W 198 vorweg, der 1954 vorgestellt wird.
Weitere Berichte und Bilder zu Klassikern auf Radical-Classics.com. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 15.03.2012, 11:59 Uhr
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