Fahren jenseits aller Haftung
Von Peter Wälty. Aktualisiert am 02.03.2010
Man liebt oder man hasst ihn – den Porsche Cayenne, der mit der Klimadebatte zum Lieblings-Feindbild der SUV-Gegner geworden ist. Das wird dem Panamera nie passieren. Der fast 5 Meter lange 4-Türer wird immer aussehen wie ein mit Kind und Kegel beladener Familienwagen, den ein gut situiertes, aber sportliches Familienoberhaupt gerade ins verschneite Oberengadin steuert. Da man dazu die Alpenpässe Julier oder Albula überqueren muss, veranstaltet Porsche – so möchte man vermuten – den Event «Panamera Snow & Ice» in Lappland.
Das ist nicht ganz richtig. Wie wir sehen werden, ist ein Fahrtraining auf Eis jedem zu empfehlen, der gelegentlich Auto fährt. Hinderlich könnten allenfalls die Kurskosten von rund 4000 Euro (ohne Reise) sein, die man für die 4 Tage im lappländischen Ivalo zu berappen hat. Als Schreibkraft wird man von Porsche Schweiz zu dem Training eingeladen. Der Anlass dauert aber dann auch nur einen Tag. Und der beginnt eher unangenehm.
Denn es ist 17 Grad minus in Ivalo, einem Ort 300 Kilometer nördlich des Polarkreises. Mit den Windböen, die über den gefrorenen Pasasjärvi-See – auf dem sich die Parcours befinden – fegen, wird das im Handumdrehen zu gefühlten 25 Grad unter null. Ein mit Daunenjacke und Thermounterwäsche isolierter Mensch vollführt bei derlei Aussentemperaturen die merkwürdigsten Tänze.
Aber das ist der Mensch. Ständig beklagt er sich, am liebsten über klimatische Bedingungen: zu heiss, zu kalt, zu nass zu trocken. Die Maschine hingegen verrichtet klaglos ihren Dienst. Der Morgen ist kristallklar und trocken, hinter dem Birkenwald steigt eine rot glühende Scheibe auf, und der tiefgekühlte Porsche Panamera springt ohne die geringsten Zicken an. Unter dem für mich befremdlichen Gurgeln des V8-Motors (ein echter Porsche hat nun mal 6 Zylinder, und die liegen flach) bewegen wir uns auf die Eisfläche. «Sie ist sichere 70 Zentimeter dick», heisst es.
Physikstunde on the Rocks
Seit vergangenem Herbst sind drei verschiedene Modelle des Panamera im Angebot: Der S mit Hinterradantrieb, der 4S mit Vierradantrieb und beide mit 400 PS. Oder der Allrad-Turbo mit 500 PS. Im Mai folgt der Panamera mit einem 300 PS starken V6-Motor. Doch wir fetzen mit den fetten Aggregaten über die Parcours auf dem vereisten See. Was auf den ersten Blick aussieht wie der teuerste Erwachsenenspielplatz aller Zeiten, ist in Tat und Wahrheit ein sehr spannendes kinetisches Experiment – vorausgesetzt, man interessiert sich ein wenig für Physik.
Was passiert eigentlich in einer Kurve? Neben der Gravitationskraft spielen drei relevante Kraftvektoren eine Rolle: Die Traktions-, die Reibungs- und die Zentrifugalkraft. In aller Regel obsiegt das Team Traktion/Reibung über die Zentrifugalkraft. Passiert dies nicht, hat das meistens unangenehme Folgen. Man verliert nämlich die Herrschaft über das Auto. Da aber auf Eis die Haftreibung trotz 255er-Spike-Reifen sehr gering ist, kämpfen Traktion und Reibung in der Kurve ständig mit der Fliehkraft. Man befindet sich also permanent im automobilen Ausnahmezustand. Und der besteht physikalisch aus dem diagonalen (resultierenden) Vektor des Parallelogramms aus Traktions- und Zentrifugalkraft. Das erlebt man als gleichzeitige Seit- und Vorwärtsverschiebung des Fahrzeugs. Man nennt es driften, wenn der Kontrollverlust kontrolliert ist, und Aus-der-Kurve-fliegen, wenn es als unangenehme Überraschung erlebt wird.
Steuern mit dem Gaspedal
Dabei ist es interessant zu erleben, wie der Heckantrieb im Unterschied zum Allrad reagiert. Die meisten Sportwagen stehen mit einem Heckantrieb am Start. Damit ist ein präzises Einlenken gewährleistet, denn Traktion und Lenkung finden an getrennten Orten statt. Der Nachteil indessen besteht darin, dass das ungelenkte Heck, die Steuerung übernehmen kann. Nämlich dann, wenn das in der Kurve beschleunigte Gewicht des Wagens die Haftreibung der Hinterachse aushebelt.
Der Wagen bricht hinten aus. Will man in dieser Situation das Fahrzeug auf der Spur halten, muss man ziemlich schnell Gegensteuer geben. Das hat die paradoxe Situation zur Folge, dass man in einer Linkskurve nach rechts steuert. Auf Eis passiert dies beim Panamera mit Heckantrieb schon bei vergleichsweise geringem Tempo. Der Kurvenradius wird in dieser Situation praktisch durch das Gaspedal bestimmt.
Sicherheit oder Spass
Der Allradler ist da viel gutmütiger, er neigt zum Untersteuern. Das heisst, dass das Auto von Beginn weg weniger stark einlenkt, aber auch weniger anfällig auf Übersteuerung ist. Mit einem Allradauto fährt man eine Kurve auf dem Eis praktisch ohne Gegensteuer. Hat man zudem das Porsche Stability Management PSM zugeschaltet, kann eigentlich nicht mehr viel passieren. Der Wagen regelt die Kurvengeschwindigkeit von alleine. Ganz ehrlich: Spass macht das keinen.
Muss es aber auch nicht. Denn eine noch viel grössere Spassbremse ist die Vorstellung, man würde dieselben Kapriolen seines Wagens auf Asphalt erleben, wo die Haftung der Reifen ganz andere Kurventempi ermöglicht. Zum Leidwesen jedes unvorsichtigen Autofahrers nimmt die Zentrifugalkraft nämlich im Quadrat zur Geschwindigkeit zu. Das bedeutet: Bei doppelter Geschwindigkeit sind die Fliehkräfte viermal so hoch, und viermal verheerender sind demzufolge allfällige Konsequenzen.
Ausnahmezustand simuliert
Auf Glatteis zu fahren, ist etwa, wie auf dem Mond Tennis zu spielen: Alles passiert vergleichsweise langsam. Man hat genügend Zeit, auf das zu reagieren, was einem die Fahrphysik gerade zumutet. Dabei macht das Fahrzeug nichts, was es nicht auch auf Asphalt tun würde – aber eben wesentlich gemächlicher. Insofern haben wir in Ivalo gewissermassen den Ausnahmezustand simuliert und gelernt, wie man im Ernstfall richtig reagiert. Und das hilft mit Sicherheit nicht nur bei einer Reise ins Oberengadin. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.03.2010, 08:20 Uhr
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