Zwischen Zukunft und Vergangenheit
Davon hätte der Schweizer Emigrant Louis Chevrolet, der am 3. November 1911 in den USA die Chevrolet Motor Company gründete, nie zu träumen gewagt. Von der Situation nämlich, dass seine Marke genau 100 Jahre später in der Schweiz mit zwei neuen Fahrzeugen auf den Markt kommt, die so verschieden sind wie Tag und Nacht. Mindestens.
Zum einen mit der Neuauflage des legendären Musclecars Camaro. Der polierte in den 60er-Jahren mit seinem brachialen Auftritt und der Kraft seines V8-Motors das Markenimage von Chevrolet auf Hochglanz. Und verlieh ihm über die Jahre Kultstatus, erst in den USA und später weltweit. Zum andern, und im totalen Gegensatz zum spritdurstigen Camaro, wartet Chevrolet zeitgleich mit dem zukunftsweisenden Elektroauto Volt auf. Zukunftsweisend deshalb, weil der Volt, zusammen mit seinem GM-Schwestermodell Ampera von Opel, das erste Serien-Elektroauto auf dem Markt ist, das mit einem Benzinmotor als Range Extender – Reichweitenverlängerer – ausgerüstet ist.
«Zwei Autos für die Nische»
Die Amerikaner wagen mit der gleichzeitigen Lancierung der beiden Modelle im November also einen mutigen Spagat zwischen Spritschleuder und Sparmeister. Das eine Auto eine Ikone der Vergangenheit, das andere die neue Ikone der Elektro-Zukunft? So jedenfalls könnte es sich Jens Hauer, Chef von Chevrolet Schweiz, vorstellen: «Unser Musclecar Camaro und der Volt sind beides Nischenmodelle, die Kunden mit sehr ausgeprägten Bedürfnissen und Erwartungen entsprechen. Wir wären nicht überrascht, wenn es dem Volt mit der Zeit auch gelingen würde, zur automobilen Ikone zu werden.»
Hauer hat denn auch schon das passende Bild vor Augen, wie seine beiden Modelle bei Herr und Frau Schweizer im Idealfall zum Einsatz kommen: «Den sparsamen Volt fährt man unter der Woche und der Camaro kommt am Wochenende für die sportliche Ausfahrt zum Einsatz.»
Eine Marke, zwei Welten
Wir haben vergangene Woche bei den Probefahrten in der Schweiz versucht, diese Idee umzusetzen. Dabei sind wir am Vormittag mit dem Volt lautlos und fast emissionsfrei durch die Landschaft gefahren und haben uns am Nachmittag dem Cruisen mit dem Camaro-Cabriolet hingegeben. Und wir geben zu: Diese Kombination hat ihren Reiz.
Der über Nacht an der Steckdose aufgeladene Volt lässt einem mit seinem geräuschlosen Antrieb ohne Gewissensbisse durch die Landschaft kurven. Denn nach jeder Bergabfahrt und mit dosiertem Bedienen des Gaspedals bleibt seine Reichweite über längere Zeit auf gleich hohem Niveau. So fühlt sich also das sparsame Fahren der Zukunft an. Erst nach 77 gefahrenen Kilometern haben wir seinen Akku geleert. Dann springt sein Zusatzgenerator in Form des 1,4-Liter-Benziners an. Wiederum kaum hörbar liefert er ohne Unterbruch die für den Elektroantrieb notwendige Energie und zerstreut für die nächsten rund 500 Kilometer jegliche Bedenken, mit dem Volt rasch eine Steckdose aufsuchen zu müssen. Eigentlich schade, können sich im kommenden Jahr nur knapp 130 Käufer von diesen Fahrzeugqualitäten überzeugen. Denn Jens Hauer hat für die Schweiz vom Werk in den USA nur dieses Kontingent zugesprochen bekommen: «Ich gehe davon aus, dass die Nachfrage höher ist als unser derzeitiges Angebot.»
Gleich optimistisch ist der Chevrolet-Boss beim Camaro, der als Coupé exakt 2000 Franken weniger kostet als der Volt. Vom Camaro will Hauer in der Schweiz nächstes Jahr 150 Stück absetzen. Dass vom neuen Camaro bisher bereits rund 120 Stück direkt aus den USA in die Schweiz importiert wurden, stört ihn dabei nur noch am Rande. Der als Kampfansage an die Konkurrenz zu verstehende Preis von 48 490 Franken ist ein Argument für den Camaro. Das andere erfahren wir während unserer Fahrt im offenen Musclecar. Das tiefe Brabbeln seines 8-Zylinder-Motors im Ohr und den Fahrtwind im Haar gleiten wir durch die Landschaft und fühlen uns in die guten alten 60er zurückversetzt. Das Feeling, hinter dieser mächtigen Motorhaube der Stilikone Camaro zu sitzen, mit der Macht über 432 Pferde unter der Haube, ist dem Mythos Musclecar unbestritten eigen. Dass wir bei unserer Fahrt knapp 16 Liter Treibstoff pro 100 Kilometer verbrennen, gehört leider ebenso dazu und fühlt sich beim besten Willen nicht mehr zeitgemäss an.
Aber für den Alltag und zur Beruhigung des Gewissens steht ja das Elektroauto Volt in der Garage. Denn was vor hundert Jahren für den Chevrolet-Gründer nicht mal im Traum möglich war, machen seine Nachfolger heute zur Realität: das Nebeneinander von Vergangenheit und Zukunft.
(Tages-Anzeiger)Chevrolet Camaro Convertible
Kategorie: 2-türiges Cabriolet mit 4 Sitzen.
Masse: Länge 4836 mm, Breite 1917 mm, Höhe 1378 mm, Radstand 2852 mm.
Kofferraum: 287 bis 328 Liter.
Motor: V8-Motor mit 432 PS (318 kW) bei 5900 U/min, maximales Drehmoment von 569 Nm bei 4600 U/min.?
Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h in 5,4 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 250 km/h. Verbrauch: 14,1 Liter auf 100 Kilometer (offizielle Werksangaben).
CO2-Ausstoss: 329 Gramm pro Kilometer.
Auslieferung: ab November 2011.?
Preis: 54 490 Franken. Das Coupé gibts ab 48 490 Franken.
Infos: www.chevrolet.ch
Chevrolet Volt
Kategorie: 5-türige Limousine mit 5 Sitzen.
Masse: Länge 4489 mm, Breite 1787 mm, Höhe 1439 mm, Radstand 2685 mm.
Kofferraum: 310 bis 1005 Liter.
Motor: Elektroantrieb mit 150 PS (111 kW), maximales Drehmoment von 370 Nm.
Fahrleistungen: 0 bis 100 km/h in 9 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit 160 km/h.
Verbrauch: 1,2 Liter auf 100 Kilometer (offizielle Werksangaben).
CO2-Ausstoss: 27 Gramm pro Kilometer.
Auslieferung: ab November 2011. Preis: 50 490 Franken.?
Infos: www.chevrolet.ch
Erstellt: 11.10.2011, 11:25 Uhr
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