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Allradklassiker im Paragrafensumpf

Von Nina Vetterli-Treml. Aktualisiert am 12.11.2011

Dank neuem Motor erfüllt der Land Rover Defender die verschärften Abgasnormen. Doch ab 2015 muss er einem Nachfolger weichen.

Charakterkopf: Bis 2015 poltert der Land Rover Defender noch durch die City und das Unterholz.

Charakterkopf: Bis 2015 poltert der Land Rover Defender noch durch die City und das Unterholz.
Bild: Land Rover

Land Rover Defender

Modell: 2oder 4-türiger Offroader mit maximal 7 Plätzen.
Modellvarianten: drei Radstände (90, 110 und 130 Zoll); Pick-up, Kombi, Cabrio, Kastenwagen oder Mannschaftstransporter.
Masse: Länge 3,72 bis 5,17 Meter. Breite 2,02 bis 2,18 Meter. Höhe 1,99 bis 2,09 Meter. Radstand 2,36 bis 3,23 Meter.?
Motor: 2,2-Liter-Diesel mit 122 PS.
Fahrleistungen: von null auf Tempo 100 in 15,8 Sekunden bis 17 Sekunden (Defender 130), Höchstgeschwindigkeit 145 km/h.
Verbrauch: 10 Liter bis 11 Liter.
CO2-Ausstoss: 266 g/km bis 295 g/km.
Preis: 39 900 Franken Defender 90 Soft Top.
Infos: www.landrover.ch

Die Studie DC-100 wird als Nachfolger gehandelt. (Bild: Land Rover)

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Tief einatmen. Auch wenn sich im nächtlichen Dickicht gerade ein tiefer Abgrund auftut und dahinter ein Schlammsee wartet. «Don’t panic, you’re driving a Land Rover», lacht der britische Offroad-Instruktor, während er die Medienschaffenden über schottisches Terrain geleitet. Tatsächlich kraxelt der Defender völlig mühelos im Standgas bergab. Gerade als man glaubt, kopfvoran im Schlamm zu landen, setzt er die Räder sicher auf dem Grund auf und wühlt sich durch die braune Brühe, die bis zum Fenster hochschwappt. Wer im Gelände unerprobt ist, erlebt Schreckensmomente. Dabei hat die britische Allradikone in ihrer über 60-jährigen Geschichte gewiss schon ärgere Hindernisse bezwungen.

Seit 1948 gilt der Land Rover – den Defender-Schriftzug erhielt er erst 1983 – als Massstab für Robustheit, als Synonym für die Eroberung unwegsamer Gelände, als Sinnbild für Fernweh. Anders als sein amerikanisches Pendent, der Willys Jeep, ist er kein militärisches Ziehkind, sondern wurde als Werkzeug für die Landwirtschaft konzipiert. Dass sich der Blechwürfel mit der genieteten Alukarosserie, dem Kastenrahmenchassis und den Starrachsen bis ins 21. Jahrhundert halten würde, hätte damals wohl niemand geglaubt.

Neuer Motor fürs neue Jahr

Dabei war es nicht die Anpassung, die dem Defender das Überleben sicherte. Gerade weil die Briten seit seiner Premiere stur am klobigen Design und – abgesehen von einigen Motorüberarbeitungen – an seiner rudimentären Technik festhielten, erreichte er Kultstatus. Jährlich retten rund 25 000 Käufer den Allraddino vor dem Aussterben. Darunter nicht nur Landwirte und Entwicklungshelfer, sondern auch Städter, die ihn für den urbanen Dschungel nutzen. Um den Wagen vor den Behören und dem Aussterben zu schützen, waren allerdings Kunstgriffe nötig. Seit für neue Pkw die Euro-5-Abgasnorm gilt, wird der Defender als Nutzfahrzeug verkauft. Ab 2012 funktioniert dieser Trick allerdings nicht mehr, zumal die Vorschriften auch für Lastwagen verschärft werden. Deshalb erhält er jetzt einen saubereren Dieselmotor. Der neue 4-Zylinder hat nun 2,4 statt 2,2 Liter Hubraum, eine neu programmierte Motorensteuerung und einen Russpartikelfilter. Unverändert bleiben seine 122 PS Leistung und die 360 Newtonmeter Drehmoment, mit denen er sich in der Wildnis behauptet.

Geländewagen ohne Komfort

Neu sind die verbesserte Schallisolierung des Motors sowie die Höchstgeschwindigkeit, die dank anderer Bereifung nun von 132 auf 145 km/h erhöht wurde. Zudem bietet der rustikale Offroader jetzt verschiedene Ausstattungspakete, unter anderem mit Teilledersitzen. Komfort stand auf der Prioritätenliste der Konstrukteure jedoch nicht zuoberst. Eingeklemmt zwischen dem kurzen Fahrersessel und einem steilen, starren Lenkrad, sitzt man so bequem wie in einem Schraubstock. Das störrisch bockende Fahrwerk und der grosse Wendekreis tun ihren Rest, um die Nehmerqualitäten des Fahrers auf die Probe zu stellen.

Umso mehr Spass bietet der Defender im Gelände. Wer mit dem 6-Gang-Schaltgetriebe, der Geländeuntersetzung und der Differenzialsperre zu arbeiten weiss, bezwingt jeden Hügel, jede Pfütze und jeden noch so schlammigen Pfad. Wenn er trotzdem stecken bleibt, zieht er sich per Seilwinde selber aus dem Dreck. Doch trotz neuem Motor währt die Zukunft des Defender nicht lange. Wenn die Vorschriften für Emissionen und Fussgängerschutz 2015 abermals verschärft werden, hat die bewährte Konstruktion ausgedient. Definitiv.

DC-100 als möglicher Nachfolger

Auf der diesjährigen IAA in Frankfurt zeigte Land Rover im September deshalb bereits einen möglichen Nachfolger. Die Studie DC-100 zitiert den kantigen Look des Klassikers und verspricht mit kurzen Überhängen, viel Bodenfreiheit, Allradantrieb und jeder Menge futuristisch anmutender Hilfen mindestens so gute Offroad-Tugenden.

Was davon in Serie geht, ist ungewiss. Zunächst zählt die Botschaft, dass der Defender nicht ohne Nachfolger bleibt. Die Studie sei bei potenziellen Kunden gut angekommen, betont PR-Manager Dave Roynon. Mit den hartgesottenen Defender-Fans sei künftig aber nicht zu rechnen. Schliesslich wehrten sich diese in der Vergangenheit selbst gegen kleinste Modernisierungen – etwa in den 80ern, als es um elektrische Fensterheber ging.

Doch es bleiben ja noch einige Jahre, um sich vom Klassiker zu verabschieden. Und weil gut 75 Prozent der rund zwei Millionen gebauten Defender noch immer im Einsatz sind, dürften Traditionalisten nach 2015 zumindest auf dem Occasionsmarkt auf ihre Kosten kommen.

Nina Vetterli-Treml fuhr den Defender am 8./9. November auf Einladung von Jaguar Land Rover Schweiz in Schottland. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2011, 01:57 Uhr

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