Auto
So träumt Opel vom Aufstieg
20 Jahre ist es jetzt her, dass Opel erst den Senator und dann zehn Jahre später den Omega eingestellt und damit die obere Mittelklasse geräumt hat. Dort, wo die Besserverdiener jetzt mit Autos wie der Mercedes-E-Klasse davonfahren, hat die GM-Tochter früher ein Angebot für das bürgerliche Publikum gemacht und sich als «Mercedes des kleinen Mannes» etabliert. Diesen Zeiten trauern nicht nur Familienväter und Vertreter hinterher – und der Insignia ist trotz seiner Erfolge kein Auto für die Oberklasse.
Das weiss auch der neue Opel-Chef Nick Reilly: «Wenn wir unser Image weiter restaurieren und Opel wieder dorthin führen wollen, wo die Marke einmal war, dann dürfen wir die Klasse oberhalb des Insignia nicht brachliegen lassen», hat er längst erkannt. «Ein neues Flaggschiff im Geist des Senators steht deshalb bei uns sehr wohl auf der Wunschliste», sagte er am Rande des Genfer Salons.
Keine Lust auf Konzern-Plattform
Doch so einfach kann Nick Reilly seinen Wunsch nicht erfüllen. Zwar verkauft sich der Insignia gut und hat sogar mehr Erfolg als der neue Astra. Doch für den nächsten Schritt nach oben würden ein paar Zentimeter mehr Radstand, mehr Blech und stärkere Motoren kaum reichen. Sondern dann bräuchte Opel auch eine neue Plattform, die am besten für Heckantrieb konstruiert wurde. So eine Architektur gibt es zwar im General-Motors-Konzern zum Beispiel für den Cadillac CTS. Doch für die zu erwartenden Stückzahlen wird sich eine Neukonstruktion auf Basis der US-Technik kaum lohnen. Und von der direkten Übernahme anderer Konzernmodelle will Reilly endgültig die Finger lassen. «Da sind in den letzten Jahren viele Fehler gemacht worden», sagt er zum Beispiel mit Blick auf den Geländewagen Antara.
Dass Reilly und seinem Team die Idee vom Aufstieg ernst ist, beweist Opel auf dem Genfer Salon mit der ambitionierten Studie Flextreme GT/E. Sie nutzt zwar die Technik des Opel Ampera, aber während das viertürige Stufenheck nicht viel mehr ist als ein umgetaufter Chevrolet Volt, trägt der deutlich grössere Stromer die Züge von Astra oder Insignia. Kein Wunder, schliesslich ist die Studie das erste Auto, das komplett unter der Regie des vergleichsweise neuen Designchefs Mark Adams entstanden ist. Bei allen anderen Neuheiten der letzten Jahre konnte der Amerikaner an den Hinterlassenschaften seiner Vorgänger nur noch ein wenig retuschieren.
Für sein Schmuckstück hat Adams deshalb ein besonders verführerisches Kleid gezeichnet. Eine flache Schnauze, eine lange Haube, eine sportliche Silhouette und eine stattliche Statur stempeln den Flextreme zumindest während der Messe zum neuen Flaggschiff von Opel. Zum schmucken Design gibt es ein paar aktive Elemente zur Luftführung, mit denen Opel den cw-Wert drücken will. So fahren hinten deshalb zum Beispiel fast 40 Zentimeter lange Leitbleche aus, um Verwirbelungen am Heck zu vermeiden. Zusammen mit ein paar anderen Verbesserungen drückt das den Verbrauch des Elektroautos mit eingebautem Notstromaggregat theoretisch auf 1,5 Liter und den CO2 auf 40 g/km.
«Ampera in Fahrt bringen»
Doch jeder Gedanken an eine Serienfertigung des Flextreme klingt derzeit nach Verschwendung, und auch die Idee von einer konventionellen Limousine oberhalb des Insignia ist nicht viel mehr als ein Gedankenspiel. «Denn zuerst müssen wir viel grössere und wichtigere Baustellen im Konzern in Angriff nehmen», sagt Reilly. «Wir müssen den Ampera so rasch als möglich in Fahrt bringen und zudem ein paar wichtigere Lücken im Produktportfolio schliessen.»
Neben einer Reihe strategischer Entscheidungen bei den leichten Nutzfahrzeugen denkt Reilly dabei vor allem an einen neuen Kleinwagen unterhalb des Corsa. «Zwar haben wir da den recht erfolgreichen Agila», räumt Reilly ein. Aber nahe am Van gezeichnet und vor allem nur nach praktischen Kriterien konstruiert, trifft der vor allem den Geschmack von Familien. Junge Leute interessieren sich kaum für den kleinsten Opel. Ausserdem wird diese Kooperation mit Suzuki wohl nicht in die Verlängerung gehen, wenn die Japaner jetzt unter die Fittiche des VW-Konzerns rücken.
Neuer Mini schon 2012?
«Wir wollen ohnehin einen grösseren Teil des weltweit wachsenden Kuchens», sagt der selbstbewusste Opel-Chef mit Blick auf den Zwergenaufstand in der Innenstadt und den Erfolg von Autos wie dem Fiat 500 oder dem Renault Twingo. «Ausserdem wäre so ein Fahrzeug die ideale Basis für einen elektrischen Stadtflitzer.» Der könnte nur mit Akkus und ohne Range Extender ausgerüstet zwar nicht ganz so weit fahren wie der Ampera. Aber dafür liesse sich so ein Auto viel günstiger anbieten und damit in deutlich grösseren Stückzahlen verkaufen, rechnet Reilly vor und gibt diesem Thema die höchste Priorität: Schon 2012, so hofft der Opel-Chef, könnte der kleine Bruder des Corsa deshalb auf den Markt kommen und ein, zwei Jahre später dann auch der elektrische Mini.
«Uns fehlt ein Kompakt-SUV»
Was Reilly und seinem Team sonst noch zum Glück fehlt, ist ein Kompakt-SUV, der gegen VW Tiguan oder Ford Kuga antreten könnte. Den Antara als Misserfolg bezeichnen, das will er nicht. «Aber ein kleineres Crossover-Modell würde uns sicher guttun», räumt er ein und bringt dafür die Plattform des Astra ins Gespräch.
Auf der allerdings wird es in den nächsten Monaten ohnehin noch ein paar Neuheiten geben. Schliesslich folgen auf den Fünftürer zum Jahreswechsel der sportliche Dreitürer sowie der für Europa so wichtige Kombi. Und das ursprünglich im Sparrausch einmal gestrichene Cabrio hätte Reilly für das Markenimage auch gerne wieder.
Ausserdem wird es 2011 dann auch Zeit für den neuen Zafira, der ein bisschen grösser und ein bisschen geräumiger wird. Er behält allerdings nicht nur sein variables Sitzkonzept, sondern auch seine konventionellen Klapptüren. Weder die revolutionären Flexdoors des neuen Meriva noch die Schiebetüren wie beim frisch aufgelegten Konkurrenten Sharan hatten eine Chance, so Entwicklungschefin Rita Forst. «Davon haben wir uns hier keine Vorteile versprochen.»
Auch der Calibra ist ein Thema
Und wenn all das erledigt ist und nebenbei auch der prekäre Kassenstand ausgeglichen wurde: Ist die Zeit dann reif für einen neuen grossen Opel, Mr. Reilly? «Vielleicht», sagt der Opel-Chef und spielt mit einem anderen Gedanken. Denn mindestens genauso gerne hätte er einen Nachfolger für den Calibra im Programm. Fürs Image wären beide Autos gleich wichtig und fürs Geschäft wahrscheinlich beide gleichermassen verzichtbar. Deshalb fällt Reilly die Entscheidung zwischen diesen Alternativen schwer. «Nur gut, dass wir da noch ein bisschen Zeit haben.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 11.03.2010, 09:13 Uhr
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