«Wer die Lage in Eritrea verharmlost, unterstützt die Propaganda der Diktatur»

Der deutsche Ethnologe Magnus Treiber spricht regelmässig vor Schweizer Fachleuten über die Lage in Eritrea. Im Gespräch kritisiert er Politiker und zeigt auf, welches Schicksal eritreische Flüchtlinge bei einer Rückführung erwarten würde.

Trügerische Idylle: Wer in Eritreas Hauptstadt Asmara lebt, muss sich auf einen Alltag ohne Rechtssicherheit einstellen.

Trügerische Idylle: Wer in Eritreas Hauptstadt Asmara lebt, muss sich auf einen Alltag ohne Rechtssicherheit einstellen. Bild: Bild: Keystone

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Herr Treiber, Sie äussern sich immer mal wieder kritisch dem eritreischen Regime gegenüber. Können Sie noch nach Eritrea reisen?
Magnus Treiber: Ich habe es seit Jahren nicht mehr probiert. Zurückzukehren ist eine grosse Versuchung für mich, aber momentan möchte ich das nicht wagen.

Wieso?
Zwischen 2001 und 2005 war ich für meine Forschung regelmässig vor Ort und habe zu dem, was ich an politischen Geschehnissen mitbekam, den Mund gehalten. Dann habe ich meine Dissertation veröffentlicht und mich entschieden: Ich sage jetzt, was ich sagen will, und gehe dann nicht wieder hin.

Tatsächlich gibt es kaum neutrale Beobachter vor Ort. Das macht die Einschätzung der Verhältnisse schwierig.
Richtig. Aber es gibt seriöse Quellen, Experten beurteilen diese und rekonstruieren so die Lage. Ich war 1995 das erste Mal dort und setze mich seither mit dem Land auseinander. Meine Informanten kenne ich oft sehr lange, ich lasse mir Erkenntnisse von verschiedenen Seiten bestätigen und korrigiere mich, wenn nötig. Doch auch wenn man sehr kritisch ist gegenüber den Zeugenaussagen: Es bleibt genug übrig, um sagen zu können, dass die Lage schlimm ist.

Wie schlimm ist sie?
Man kann von heute auf morgen von der Strasse gefischt werden und verschwinden. In Eritrea leben heisst, ohne Rechtssicherheit zu leben. Sicherheitsapparate in unserem Sinne, eine Polizei etwa, gibt es praktisch keine mehr.

Dafür diverse Geheimdienste, Militärabteilungen und Gefängnisse, die keine Mindeststandards erfüllen. Und: Es gibt den praktisch unbegrenzten Nationaldienst, der keine formellen Kriterien besitzt, wie er geleistet oder beendet wird.

Die Menschen sind Ressourcen des Staates, sie können nicht über ihr eigenes Leben entscheiden. Das UN-Flüchtlingshilfswerk hält daher fest: Aufgrund der allgemeinen Rekrutierung ist eine allgemeine Verfolgungssituation gegeben. Deserteure sind als Flüchtlinge anzuerkennen.

Dennoch wird in der Schweiz über Fluchtgründe und die Lage vor Ort diskutiert.
Diese Debatte war überfällig, Auf der einen Seite gibt es Aktivisten, die etwas für die Flüchtlinge tun wollen oder einen Regierungswechsel anstreben – die verallgemeinern oft das Furchtbare und zeichnen so eine Hölle auf Erden. Auf der anderen Seite kann man aber nach Eritrea gehen, als Tourist oder als politische Delegation, und die Leute sind höflich, das Land beschaulich, niemand sagt ein böses Wort.

Was ist die Wahrheit?
Ich vertrete keine der beiden Seiten. Ich bin nicht in erster Linie Aktivist und habe eine wissenschaftliche Reputation zu verlieren. Also stelle ich fest, dass der normale Alltag in Eritrea tatsächlich existiert. Aber: Er ist extrem brüchig und fragmentiert. Die allgemeine Unsicherheit kann sich für das Individuum jederzeit in eine Hölle verwandeln – wenn man ohne Gerichtsverfahren ins Gefängnis kommt oder wenn ein Familienmitglied verschwindet.

Wird denn die Diskussion in Deutschland ähnlich emotional geführt wie in der Schweiz?
Nein. Diese Idee, dass alles gelogen sein könnte, hat hier nicht Einzug in den politischen Diskurs gehalten. Vielleicht, weil es in Deutschland nicht die grösste Flüchtlingsgruppe ist. Vielleicht auch, weil es eine Lobby gibt, die deutlich sagt: Die Lage in Eritrea legitimiert die Flucht.

Ein Bericht des dänischen Justizministeriums hat für Aufregung gesorgt. Er suggeriert, das Regime plane Reformen, die eine Rückkehr der Flüchtlinge ermöglichen.
Der Bericht ist manipulativ. Erstens wurden vor allem Vertreter von Botschaften oder Organisationen befragt, die in Eritrea quasi eingemauert leben. Die wissen wenig über das Leben der Menschen. Zweitens wird im Bericht immer wieder der Londoner Soziologe Gaim Kibreab mit der Aussage zitiert, Flüchtlinge seien nach Eritrea gereist und sicher zurückgekehrt.

Der Satz wird von ihm selbst relativiert: Es habe sich nur um wenige Ausnahmen gehandelt. Trotzdem wird bewusst die Wahrnehmung geschaffen, alle Flüchtlinge könnten zurückreisen. Das zeigt: Die Einschätzung der Lage wird durch die Innenpolitik der Zielländer geprägt.

Passend dazu fordert die SVP ein Abkommen mit Eritrea. Das Regime plane eine Amnestie für Deserteure und könne diese daher zurücknehmen.
Wer die Situation in Eritrea verharmlost, verfolgt dieselbe Argumentationslinie wie die Propaganda der Diktatur. Man sagt einerseits, denen geht es schlecht, die müssen schauen, dass jeder mithilft beim Aufbau des Landes. Andererseits werden Berichte über die schlimmen Zustände vor Ort als Lügen abgetan. Da sieht man, wie die Schweizer Debatte an die Interessen des Regimes andockt.

Tatsächlich gibt es aber eritreische Flüchtlinge, die in ihr Heimatland zurückkehren.
Wollen Eritreer vom diplomatischen Service im Ausland Gebrauch machen, müssen sie die 2-Prozent-Steuer zahlen. Dann können sie eine Erklärung der Selbstbezichtigung unterschreiben und einen Pass kaufen.

Die Rückreise ist Flüchtlingen verboten. Wie viele machen von dieser Möglichkeit Gebrauch?
Viele können es nicht sein, denn die Angst überwiegt klar. Auch wenn jemand zurückkehrt, um sich etwa um Familienmitglieder zu kümmern, reist die Person oft unter grosser Furcht. Klar abgrenzen muss man davon aber die Leute, die zwar als Flüchtlinge gelten, aber dem Regime nahestehen. Agenten der Regierung reisen selbstbewusst zurück.

Womit müssten eritreische Flüchtlinge rechnen, falls sie von der Schweiz zurückgeschickt würden?
Weil alles dort so unsicher ist, ist auch das nicht klar. Es gibt aber bekannt gewordene Rückführungen aus Malta und Ägypten – die Leute sind in den übelsten Gefängnissen gelandet. Der Fall Robel Goniche etwa ist gut dokumentiert.

Er wurde 2002 aus Malta abgeschoben, kam ins Gefängnis auf der Insel Nakura und wurde dann bei einer Massenflucht aus dem Gefängnis Adi Abeito erschossen. Würden jetzt Massen abgeschoben, gäbe es aber erstmals gar nicht genug Platz in der Haft. Man müsste also vermutlich Insassen entlassen, um neue einzusperren. Im allerbesten Fall würde nicht jeder ins Gefängnis kommen.

Die Rückkehrer kämen frei?
Nein, sie müssten wieder in den Nationaldienst eintreten. Mit einer Rückschaffung würde man den Leuten also das neu erkämpfte Leben nehmen. Die Menschen haben so lange gehofft und so viel geopfert, damit sie jemand sein dürfen, damit sie, ganz banal, ein eigenes Leben aufbauen können. Wenn man ihnen das wegnimmt, zerstört man sie. Ich glaube nicht, dass viele das wegstecken könnten.

Kann man das als Grundmotivation für die Flucht verstehen? Die Hoffnung, sich ein neues Leben aufzubauen?
Ja. Andernfalls lebt man 30, 40 Jahre im System, weiss nicht, ob man am nächsten Tag noch da ist, kriegt nicht genug, um eine Familie zu gründen. Wer bleibt, muss auch immer mit der Schuld leben, nichts aus seinem Leben gemacht zu haben. Gleichzeitig muss man, um relativ ungestört in Asmara zu leben, einen Deal mit dem Staat eingehen und sich etwa als Spitzel anwerben lassen.

In der Schweiz wird die Diskussion um Eritrea auch vom hiesigen Honorarkonsul geprägt, der – als Schweizer Bürger – das Regime verteidigt. Kennen Sie ihn?
Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich kann etwas über seinen Typus sagen. Die Revolution in Eritrea hatte ein Entwicklungsideal, von dem sich ein bestimmtes intellektuelles Milieu in der westlichen Welt angezogen fühlte.

Man war beim Unabhängigkeitskampf euphorisch dabei und hat die damalige Eritreische Volksbefreiungsfront des heutigen Präsidenten Isayas Afewerki unterstützt. Aus dieser Unterstützerszene stammt auch der Honorarkonsul. Menschen wie er sind persönlich geprägt von der Revolution.

Sie müssten sich also irgendwann schmerzhaft vom Regime distanzieren und sagen: Das ist jetzt eine Diktatur, wir haben die Falschen unterstützt. Oder aber sie machen weiter und versuchen, die Geschehnisse zu rechtfertigen. Es scheint, als hätte der eritreische Honorarkonsul in der Schweiz diesen Weg gewählt.

Was ist am Vorwurf dran, dass die jüngere Generation vor allem aus wirtschaftlichen Gründen migriert ?
Eritrea ist tatsächlich verarmt. In den vergangenen zehn Jahren ist sehr viel an Lebensqualität verloren gegangen. Wer also in Europa ankommt, schaut, dass er schnell einen Job findet, um Geld nach Hause zu schicken. Das schliesst aber politische Fluchtgründe nicht aus.

Weist das Ausmass der Migration darauf hin, dass dem eritreischen Diktator Isayas Afewerki die Kontrolle entgleitet?
Das ist sicher so. Die Grenzsoldaten haben zwar immer noch den Schiessbefehl, aber diese Massenauswanderung wäre nicht möglich, wenn die Kontrolle noch so wäre wie vor zehn Jahren. Andererseits profitiert die Regierung auch von der Migration. Einerseits, weil die Leute, die draussen sind, ihren Familien Geld schicken.

Die Regierung muss also nicht für die Menschen sorgen, und Brotaufstände werden unwahrscheinlicher. Dann profitiert sie aber auch direkt. Der Kommandeur der Westgrenze zum Sudan etwa soll am militärischen Schmuggel mit Menschen beteiligt sein. Er könnte dieses Geschäft nicht betreiben, wenn der Präsident es nicht billigen würde.

Fördert die Regierung also die Flucht ihrer Einwohner?
Nein, der Profit ist ein Nebeneffekt. Im letzten September sind 13 Jugendliche erschossen worden, die fliehen wollten. Die unerlaubte Ausreise ist der wichtigste Grund für Gefängnisstrafen in Eritrea.

Sobald die Flüchtlinge aber im Ausland sind, wechseln sie aus Sicht der Regierung die Kategorie. Aus Republikflüchtigen werden Mitglieder der Diaspora. Sie können nun Geld nach Hause liefern und – falls sie Familie oder Besitz in Eritrea haben – erpresst werden.

In der Schweiz fällt auf, dass viele Männer aus Eritrea ankommen. Wo sind die Frauen?
Das hat mit den Widrigkeiten der Migration zu tun. Aus dieser Ecke der Welt migrieren Frauen oft als Zweite. Sie warten ab und kommen nach, wenn die Männer den Weg erfolgreich gegangen sind. Manchmal kommen sie auf irregulärem Weg, manchmal können sie legal nachreisen.

Eritreische Flüchtlinge in der Schweiz tun sich schwer mit der Arbeitssuche. Gibt es da einen Zusammenhang zum autoritären Regime in der Heimat?
In Eritrea ist es heute fast unmöglich geworden, ein eigenes Geschäft aufzubauen. Unternehmergeist gibt es nicht mehr. Das war aber nicht immer so. Bis in die 90er-Jahre galten Eritreer als Leute, die wissen, wie man ein Geschäft führt – ihre Werkstätten waren im benachbarten Ausland berühmt.

Was kann die Schweiz bei der Integration besser machen?
Ich denke, dass die meisten Flüchtlinge arbeiten möchten und könnten, wenn sie stressfrei wären. Die Diaspora der 80er-Jahre hat sich ja einigermassen gut integriert. Heute aber sind die Neuankömmlinge oft blockiert, weil Familienmitglieder in der Migration sind.

Zudem kommen viele unbegleitete Jugendliche, fast noch Kinder. In der Migration lernen sie herumzusitzen und zu warten, manche kommen mit Kriminalität in Kontakt. Diese jungen Leute muss der Staat abholen, bevor die Migration zur Schule ihres Lebens wird. Sie müssen ins Bildungssystem integriert werden. Und man muss in soziale Arbeit investieren, die sie an die Hand nimmt und Vertrauen aufbaut. Das kostet, doch der Gewinn liegt auf der Hand.

Müssten denn nicht die westlichen Nationen ein Interesse daran haben, die Situation in Eritrea zu verändern?
Die Sache ist komplex. Schauen Sie, was in Syrien, Libyen oder im Irak passiert ist. Da wurden Diktatoren entfernt, die Opposition wurde unterstützt, und am Schluss war es schlimmer als vorher. Und natürlich ist der Westen jetzt schon involviert.

Isayas Afewerki wird etwa durch die EU gestützt, die ein grosses Hilfspaket schnürt. Es gibt Arbeitsbeziehungen zwischen dem Westen und dem Regime – man scheint den Diktator vorzuziehen, der Stabilität vermittelt.

Tatsächlich gibt es in der Eritrea-Beobachterszene niemanden, der sagt: Bei einem Machtwechsel wird alles gut. Verschwindet der Präsident, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt. Vielleicht sogar zum Bürgerkrieg. (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.08.2015, 09:41 Uhr

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Zur Person

Magnus Treiber gilt als einer der wenigen Eritrea-Experten im deutschsprachigen Raum mit Felderfahrung. Auch weil er sich mit Kritik am eritreischen Regime und an der Opposition nicht zurückhält, ist er ein gefragter Redner in der Schweiz. Bereits Anfang Jahr referierte er mehrmals an Weiterbildungsveranstaltungen im Migrationsbereich, im August und im September wird er in Bern, Olten und Freiburg auf Einladung der Schweizerischen Flüchtlingshilfe über die Lage in Eritrea sprechen. Der 41-Jährige promovierte 2005 am ethnologischen Institut der Universität München mit einer Arbeit zu Freizeitmilieus und Lebensentwürfen junger Menschen in der eritreischen Hauptstadt Asmara. Er lehrte an den Universitäten München, Bayreuth sowie Addis Abeba und ist Mitarbeiter am Felsberger Institut. (Bild: zvg)

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