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«Wir müssen die Bevölkerung so schnell wie möglich entwaffnen»

Von Tomas Avenarius. Aktualisiert am 27.08.2011 2 Kommentare

Ali Tarhouni, der Vizechef des libyschen Übergangsrats, plant für die Zeit nach Ghadhafi. Zudem äussert er sich darüber, wie autonom kämpfende Rebellen unter Kontrolle behalten werden können.

Siegespose: Zwei Rebellenkämpfer haben das Podest in Ghadhafis Palast Bab al-Aziziya übernommen.

Siegespose: Zwei Rebellenkämpfer haben das Podest in Ghadhafis Palast Bab al-Aziziya übernommen.
Bild: Reuters

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Was ist die grösste Herausforderung für Libyens Zukunft nach Muammar al-Ghadhafi?
Wir müssen möglichst rasch die Polizei zurück auf die Strasse bringen. Wir werden 90 Prozent der Polizisten behalten. Verhandlungen darüber laufen schon. Wir werden aber alle entlassen, die Blut an den Händen haben. Dasselbe gilt für die Armee. Wir werden nicht denselben Fehler begehen, der im Irak gemacht wurde, wo alle Sicherheitskräfte entlassen wurden.

Was soll aus den verschiedenen Fraktionen der Rebellen werden, die zuweilen autonom zu kämpfen scheinen?
Wir wollen eine grosse Anstrengung unternehmen, eine wirklich nationale Armee aufzubauen. Wir werden allen Rebellen anbieten, in die Polizei einzutreten oder in die Armee. Unser Ziel ist es, alle Kämpfer wieder einzugliedern, damit keine wilden Milizen entstehen. Ausserdem müssen wir die libysche Bevölkerung so schnell wie möglich wieder entwaffnen. Es sind sehr viele Waffen im Umlauf; Ghadhafi hatte Unmengen Gewehre und Pistolen ausgegeben.

Wie kann das Ausland helfen, um Libyen nach dem Bürgerkrieg zu stabilisieren?
Das Wichtigste ist, dass wir schnell vollen Zugriff auf unser Staatsvermögen bekommen. Das ist unser Geld. Ich betone es: Dieses Geld gehört uns. Es gibt keinen Grund mehr, das Vermögen einzufrieren. Aber bei dieser Gelegenheit möchte ich die internationale Unterstützung loben: Man hat uns im Gegensatz zu anderen internationalen Interventionen geholfen, ohne an den eigenen Nutzen zu denken. Etwa Frankreich: Wir haben keine besonderen Beziehungen; Frankreich ist kein wichtiger Handelspartner Libyens; wir kaufen auch keine Waffen dort. Das gilt auch für Katar oder die Vereinigten Arabischen Emirate. Und für die USA: Sie hätten abwarten können, um sich dann an die Seite des Siegers zu stellen. US-Präsident Barack Obama aber hat seinen Kopf aus der Deckung gestreckt, obwohl er das nicht hätte tun müssen. Er ist ein ehrlicher Mann und steht zu seinen Überzeugungen. Das wissen wir zu schätzen.

Anders Deutschland. Sind Sie noch enttäuscht über die mangelnde Unterstützung aus Berlin?
Enttäuschung ist ein persönliches Gefühl. Gefühle haben zwischen Nationen keinen Platz. Die Deutschen haben das getan, was sie damals für richtig hielten, und sie haben sich später etwas korrigiert. Das Ganze ist erledigt. Wir sollten nach vorne schauen.

Könnte ein Land, dass Ghadhafi Exil gewährt, normale Beziehungen zum neuen Libyen haben? Etwa Algerien?
Kein Land wird Ghadhafi Exil geben. Auch bei Algerien bezweifle ich das. (Siehe Artikel «Der schweigsame Nachbar», die Red.)

Mehr als 40 Jahre Diktatur haben die libysche Gesellschaft deformiert. Was wollen sie dagegen tun?

Wir müssen den Menschen vor allem das Gefühl zurückgeben, dass ihnen Libyen gehört. Fragen Sie mal irgendwen auf der Strasse. Er wird sagen, dass er sich nie als Teil dieses Landes gefühlt hat. Die Libyer waren Fremde in ihrer Heimat. Die Menschen müssen wieder Anteilseigner im eigenen Land werden. Dafür müssen wir den Lebensstandard rasch erhöhen und unser Versprechen erfüllen: Politik muss transparent sein, der Rechtsstaat garantiert werden, im Wirtschaftsleben muss Chancengleichheit bestehen.

Viele sehen den Übergangsrat bereits vom Zerfall bedroht. Droht nach dem Sieg über Ghadhafi die Spaltung des Rebellenrats und des ganzen Landes?
Ob der Osten, Westen oder Süden Libyens – das war für uns nie ein Thema. Ich bin immer erstaunt, dass ausländische Beobachter dies für bare Münze nehmen. Selbst westliche Aussenminister, die mit uns reden, tun so, als ob dieses Problem real sei. Wir haben Regionen, ja. Aber wir sind ein Volk. Auch die Frage der Stämme, die Ghadhafi immer manipuliert hat, spielt für uns keine solche Rolle. Ich weiss von meinen engsten Mitarbeitern nicht, welchem Stamm sie angehören.

Aber der Rat scheint auch politisch gespalten zu sein. Stehen in Libyen Demokraten wie Ihnen Islamisten gegenüber?
Was heisst schon Islamisten? Das ist eine Frage der Definition. Wir sind alle Muslime. Über radikale Elemente wie das Terrornetzwerk al-Qaida muss man sich aber keine Sorgen machen. Natürlich gibt es Konflikte und Meinungsverschiedenheiten. Aber das ist kein Problem, solange wir sie im Dialog und mit friedlichen Mitteln angehen.

Der Präsident des Rats, Moustafa Mohammed Abdul Jalil, ist heute nicht mit Ihnen in Tripolis erschienen. Bedeutet das, dass die Rebellen die Hauptstadt noch nicht kontrollieren und der Übergangsrat bisher nicht Herr der Lage ist im ganzen Land?
Ich als Vizechef des Rats bin hier und arbeite. Auch unser Übergangspremier Mahmoud Jibril wird rasch kommen. Ob Ratspräsident Jalil eine Woche früher oder später kommt, spielt am Ende doch keine Rolle. Er wird kommen. Und er wird in Tripolis das Ende des Ghadhafi-Regimes erklären. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.08.2011, 17:24 Uhr

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2 Kommentare

Lucas Gerig

27.08.2011, 22:04 Uhr
Melden 5 Empfehlung

Tönt sehr vernünftig. Wenn ich die vielen Bilder sehe, mit den wild um sich schiessenden Männern, bin ich immer wieder erstaunt, woher die vielen Waffen und die Munition kommt. Es wird die grösste Herausforderung sein,diese Leute unter Kontrolle zu bringen. Nicht wenige der "Rebellen" sind Opportunisten und dem Plündern und Stehlen nicht abgeneigt, also schlicht bewaffnete Kleinkriminelle .. Antworten


Zelokan Zel

28.08.2011, 17:36 Uhr
Melden 2 Empfehlung

«Wir müssen die Bevölkerung so schnell wie möglich entwaffnen»
Das wäre venünftig...aber wird m. E. kaum durchführbar sein...
Der Bürgerkrieg wird bald in seine nächste Phase übergehen, nämlich der Kampf zwischen den Clans
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