«Wir machen die alten Fehler»
Von Christof Münger. Aktualisiert am 05.01.2010 30 Kommentare
Guido Steinberg: Terrorexperte an der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Sein neues Buch «Im Visier von al-Qaida» ist im Oktober 2009 erschienen.
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Nach den Briten und Amerikanern haben auch die Franzosen ihre Botschaft in Sanaa geschlossen. Was bahnt sich im Jemen an?
Die Lage hat sich nicht verändert. Seit zwei Jahren wird die lokale al-Qaida stärker. Neben jemenitischen Zielen greift sie innerhalb des Jemen die USA, Grossbritannien und deren Alliierte an. Es hat 2008 bereits einen Anschlag auf die US-Botschaft gegeben. Dieser Konflikt geht weiter.
Ist al-Qaida zurück auf der Bühne?
Sie war gar nie weg. Neu ist, dass die jemenitische Filiale versucht hat, einen Anschlag in den USA zu verüben. Dass es ihr gelang, solche Fähigkeiten zu entwickeln, ist besorgniserregend.
Wie gefährlich ist diese Filiale?
Die Gefahr der jemenitischen al-Qaida ist nicht so bedeutsam wie jene, die vom pakistanischen Ableger ausgeht. Letztere hat am meisten Erfahrung mit der Organisation von Anschlägen über Kontinente hinweg.
Ist die al-Qaida von 2010 eine zentral gesteuerte Organisation oder eine Hydra mit zahlreichen Köpfen?
Beides. Al-Qaida schafft es, verschiedene Modelle unter einem Dach zu vereinen. Das macht al-Qaida auch so stark. Die Kernorganisation in Pakistan verfügt über Hunderte Kämpfer. Auch in Afghanistan ist sie verankert. Dazu kommen Organisationen, die sich al-Qaida nennen, aber eigenständig operieren, im Irak oder im Maghreb. So entsteht der Eindruck einer weltweit tätigen Organisation. Aber nicht alles, wo al-Qaida draufsteht, wird auch von al-Qaida kontrolliert.
Welche Rolle spielt der Jemen?
Er ist ein wichtiges Kampf- und Rückzugsgebiet. Angeblich soll sich Al-Qaida-Personal aus Pakistan in den Jemen zurückgezogen haben, weil der Druck der USA dort zu gross geworden war. Doch al-Qaida ist vor allem für die jemenitischen Aktivisten attraktiv.
Also eine nationale al-Qaida?
Nein. Sie ist eine jemenitisch-saudiarabische Organisation und 2006 angewachsen, als viele saudische Aktivisten vor Anti-Terror-Massnahmen in ihrer Heimat in den Jemen flohen. Die Grenze ist durchlässig, und al-Qaida kann in beiden Ländern Kämpfer rekrutieren.
Welche Rolle spielen dabei die jemenitischen Guantánamo-Rückkehrer?
Die Gefängnisse im Jemen, wohin sie gebracht werden, sind sehr unsicher. Im Februar 2006 kam es zu einem grossen Ausbruch, bei dem viele ehemalige Guantánamo-Häftlinge entkamen. Möglich wurde er durch Korruption, Stammesverbindungen oder Sympathien der Sicherheitskräfte. Die geflohenen Häftlinge stellen heute die Führung der jemenitischen al-Qaida.
Wurden diese Rückkehrer in Guantánamo radikalisiert?
Nein, aber in der Hierarchie der al-Qaida sind sie durch ihren Guantánamo-Aufenthalt aufgestiegen. Guantánamo ist karrierefördernd, Leiden im Gefängnis eine Qualifikation.
Soll US-Präsident Barack Obama Guantánamo dennoch schliessen?
Er steht im Wort, was die Schliessung Guantánamos betrifft. Doch es wäre unverantwortbar, diese jemenitischen Gefangenen in den Jemen zurückzuschicken. Dort kommen sie wohl frei.
Hat die Terrorabwehr überhaupt eine Chance?
Die Terroristen haben den Vorteil, dass sie nur einmal erfolgreich sein müssen. Doch die Abwehr ist nicht erfolglos: Wir haben es zunehmend mit Einzeltätern zu tun, die nicht so gut vorbereitet sind, dass ihre Anschlägen gelingen. Das relativ niedrige Niveau der terroristischen Planung in den letzten Jahren geht auf die Anti-Terror-Massnahmen zurück. Andererseits geht die Entwicklung in Afghanistan und Pakistan in die andere Richtung. Al-Qaida scheint ihre Ressourcen dort zu konzentrieren. Dabei profitiert sie von den Fehlern der westlichen Terrorismusbekämpfung.
Welche Fehler meinen Sie?
Der Irak-Krieg und alle Überreaktionen auf den 11. September: die Einrichtung von Guantánamo, die Folterskandale in Abu Ghraib und in Bagram, die Entführungen von Terrorverdächtigen, die fortdauern. Das macht es Rekruteuren der Jihadisten leicht zu argumentieren, dass es sich um einen Krieg des Westens gegen den Islam handelt.
Hat man die Lehren daraus gezogen?
Nein, wir machen im Jemen die alten Fehler. Wir setzen wieder nur auf repressive Terrorismusbekämpfung. Wenn man eine Regierung wie jene des Jemen stützt, kann man kurzfristig Sicherheitsgewinne erzielen. Al-Qaida wird in den kommenden Monaten geschwächt. Aber das Problem ist spätestens in drei Jahren wieder da. Um dies zu vermeiden, wäre eine Reform des politischen Systems nötig.
Was heisst das konkret?
Zunächst müssten Obama und der Westen die jemenitische Regierung dazu bringen, den Bürgerkrieg im Norden am Verhandlungstisch zu beenden. Die Rebellen sind zu stark, um militärisch besiegt zu werden. Ausserdem sind die Forderungen der Separatisten im Süden berechtigt. Die Vereinigung des Jemen war eine feindliche Übernahme. Diese offenen Fragen sind viel gravierender als al-Qaida. Sie ist nicht das grösste Problem des Jemen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.01.2010, 06:57 Uhr
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30 Kommentare
@edy gerber simples beispiel: der westen ist der arme kontinent. die arabischen länder die wohlhabenden. diese starten gegen europa eine grossoffensive um uns ihren standart zu bringen, unsere ressourcen für ihren reichtum zu missbrauchen und unsere staatsform als gefährlich betrachten. dann wären sie natürlich der erste der die arabischen länder verstehen würde und ihnen die hand reicht. Antworten
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