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«Regime hat keine Skrupel, Tausende Menschen zu opfern»

Interview: Claudio Habicht. Aktualisiert am 28.12.2009

Die Lage im Iran spitzt sich zu: Die Demonstranten stellen die Islamische Republik Iran zunehmend infrage, sagt der Orientalist Hamid Hosravi*. Präsident Ahmadinejad bleibe nur eine Antwort – Gewalt.

1/18 Teheran im Fieber: Die Opposition will nichts weniger als die Demokratie.
Bild: Keystone

   
«Das Regime fordert eine Radikalisierung der Protestbewegung»: Hamid Hosravi.

«Das Regime fordert eine Radikalisierung der Protestbewegung»: Hamid Hosravi.

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Im Iran starben am Wochenende bei Protesten gegen das Regime bis zu 15 Menschen. Droht nun eine offene Rebellion?
Die Proteste der iranischen Bevölkerung sind in eine neue Phase eingetreten: Forderte die Bevölkerung nach der Präsidentschaftswahl-Farce vom Juni Neuwahlen, geht es den Demonstranten jetzt um grundlegende Änderungen im Staat. Die Proteste wenden sich nicht mehr primär gegen Präsident Ahmadinejad, sondern gegen den obersten religiösen Führer Khamenei.

Wird damit die gesamte Islamische Republik Iran infrage gestellt?
Ja. Anfänglich hatte die zersplitterte Protestbewegung teilweise Hoffnung auf Reformen innerhalb der bestehenden Staatsform, nun ist sie von dieser Position abgerückt. Innerhalb der verschiedenen Machtsegmente des Staates findet eine starke politische Erosion statt.

Wie wird sich die Regierung dagegen wehren?
Das Regime fordert eine Radikalisierung der Protestbewegung heraus und sieht darin seine Chance. Ein religiös legitimiertes Regime hat keine Skrupel, für seinen Machterhalt Tausende Menschen zu opfern.

Was werden die Demonstranten tun?
Die Bevölkerung versucht, die Grenzen ihrer Möglichkeiten auszuloten. Das ist ein sehr gefährliches Spiel – obwohl es verständlich ist, dass die jungen Demonstranten Schlagstöcke und Tränengas nicht unbeantwortet lassen können. Genau hier liegt das Geheimnis des Erfolges: Solange die Demonstrationen friedlich und gewaltfrei bleiben, haben sie mittelfristig eine Chance, sich zu einer breiten Bürgerbewegung mit ernsthaften Erfolgsaussichten zu entwickeln.

Protestieren mehr Iraner als noch letzten Sommer?
Die Wurzeln der Protestbewegung liegen in der städtischen Mittelschicht, also bei Akademikern, Angestellten, Lehrern und Studenten. Zwei Drittel der Iraner leben in Grossstädten, allein in Teheran wohnen über 20 Prozent der gesamten iranischen Bevölkerung. Sie fordern mehr politische Partizipation, Meinungsfreiheit sowie gesicherte Privatsphäre. Angesichts der massiven Wirtschaftskrise im Iran, der Verteuerung der Lebensmittel, Arbeitslosigkeit und Inflation sind auch andere Schichten der Bevölkerung empfänglicher für solche Forderungen und beziehen Position gegen das Regime.

Was sollte der Westen Ihrer Meinung nach tun?
Die iranische Bevölkerung wartet seit Jahren vergeblich darauf, dass der Westen die Protestbewegungen unterstützt und das Regime verurteilt. Doch daran ist der Westen nicht interessiert: Vielmehr haben die Herstellung von Stabilität in Afghanistan und Irak sowie die Sicherung der Erdölfelder in dieser Region Priorität. Das haben auch die iranischen Machthaber erkannt, wie deren Hinhaltetaktik bei den Atomgesprächen zeigt.

*Hamid Hosravi ist Iran-Kenner und unterrichtet am Orientalischen Seminar der Universität Zürich. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.12.2009, 15:58 Uhr

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