Ausland

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

«Qadhafi geniesst es schlicht, seine Macht auszuspielen»

Interview: Stefan Eiselin. Aktualisiert am 28.08.2009 74 Kommentare

Warum dauert die Freilassung der Schweizer Geiseln so lange? Libyen-Expertin Isabelle Werenfels erklärt, wie Qadhafi tickt – und auf was sich die Schweiz noch gefasst machen muss.

1/26 Bizarrer Auftritt: In seinem ersten Fernsehauftritt nach Beginn der Proteste erschien Ghadhafi mit einem Regenschirm und einer Art Jägerkappe über den Ohren, 22. Februar 2011.
Bild: Keystone

   
Die Schweizerin <b>Isabelle Werenfels</b> ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Sie ist Mitglied des Steuerkomitees des Institut de hautes études internationales et du développement in Genf.

Die Schweizerin Isabelle Werenfels ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Sie ist Mitglied des Steuerkomitees des Institut de hautes études internationales et du développement in Genf.

Artikel zum Thema

Die Chronik der Libyen-Krise

  • 26. August 2009
    Tripolis meldet sich zu Wort: Auf der Internetseite der staatlichen libyschen Nachrichtenagentur Jana heisst es, das Allgemeine Volkskomitee – die Regierung Libyens – habe die Vereinbarung mit der Schweiz gutgeheissen.

  • 25. August 2009
    Die Geschäftsleute erhalten am Abend ihre Pässe zurück sowie ein Ausreisevisum. Für die Ausreise fehlt noch die Zustimmung der libyschen Justizbehörde.

  • 25. August 2009
    Am Mittag hebt der grössere der beiden Bundesratsjets in Bern-Belp ab und landet um 15.30 Uhr auf einem Militärflugplatz bei Tripolis.

  • 20. August 2009
    Merz entschuldigt sich in Tripolis für die Verhaftung eines Sohnes des libyschen Staatschefs Gaddafi. Beide Länder unterzeichnen einen Vertrag, der die diplomatische Krise beenden soll. Zur Klärung der Umstände der Verhaftung im Juli 2008 in Genf wird ein unabhängiges Schiedsgericht eingesetzt. Gemäss Merz hat Libyen versprochen, dass die Geiseln das nordafrikanische Land bis zum 1. September verlassen können.

  • Herbst 2008
    Aussenministerin Micheline Calmy-Rey und das EDA versuchen, das Problem zu lösen. Der Botschafter der Schweiz in Libyen macht im Herbst 2008 den Vorschlag, der damalige Bundespräsident Pascal Couchepin solle direkt mit dem libyschen Staatschef telefonieren und verhandeln. Denn Qadhafi lehnte und lehnt ein Gespräch mit der Schweizer Aussenministerin ab – weil diese nicht seinem Rang entspricht. Couchepin wäre dazu auch bereit gewesen. Aber Micheline Calmy-Rey legte sich quer.

  • 15. Juli 2008
    Seit diesem Tag hält Qadhafi die beiden Schweizer Berner Max Göldi (54) – ein ABB-Mitarbeiter – sowie den 68-jährigen Rachid Hamdani als Reaktion auf die Verhaftung seines Sohnes in Libyen fest. Hamdani arbeitet für eine Schweizer Firma in Tripolis. Der Name ist nicht bekannt. Er soll psychisch stark angeschlagen sein. Die beiden Geiseln sitzen in der Schweizer Botschaft fest und können nicht ausreisen.

  • 12. Juli 2008
    Hannibal Qadhafi und seine hochschwangere Frau Aline werden im Genfer Hotel Président Wilson verhaftet. Eine Hausangestellte der beiden hatte die Polizei angerufen und gemeldet, sie würden von den Qadhafis geschlagen und wie Sklaven gehalten. Eine Sondereinheit verhaftet den Sohn des libyschen Revolutionsführers in dessen Suite und führt ihn in Handschellen ab. Die Ehefrau wird in ein Spital gebracht. Das Paar kommt zwei Tage später auf Kaution hin wieder frei.

Frau Werenfels, der Bundesratsjet steht nun schon zwei Tage in Tripolis. Warum dauert die Freilassung so lange?
Erstens dauert in Libyen alles lange. Und wenn Qadhafi involviert ist, ist mit zusätzlichen Wartezeiten zu rechnen. Auch europäische Spitzenpolitiker, wie etwa der deutsche Aussenminister, wissen oft bis zur letzten Minute nicht, ob sie Qadhafi überhaupt zu sehen bekommen und müssen stundenlang auf Termine warten. Zweitens dürfte Qadhafi es schlicht geniessen, seine Machtposition voll auszuspielen. Bei der Freilassung der bulgarischen Krankenschwestern hat es auch Verzögerungen gegeben.

Könnte die Verzögerung wirklich mit dem Ramadan zu tun haben, wie Jean Ziegler vermutet?
Das halte ich für unwahrscheinlich. Natürlich geht während des Ramadans alles etwas langsamer. Aber wichtige Angelegenheiten können auch da schnell geregelt werden. Wenn Qadhafi ein Machtwort spricht, dann passieren die Dinge in Libyen sehr schnell.

Kann es sein, dass Qadhafi die Situation wieder zu seinen Gunsten nutzt und so seine Macht demonstriert?
Darum scheint es mir in erster Linie zu gehen. In seiner Aussenpolitik geht es grundsätzlich sehr stark um symbolische und reale Machtdemonstrationen. Man darf nicht vergessen: Nach 2003 war Qadhafi in einer schwierigen Position. Die arabische Welt hat auf ihn heruntergeschaut, weil er sich den westlichen Forderungen gebeugt hatte. Seither scheint es ihm besonders wichtig zu sein, seiner Bevölkerung, der arabischen Welt, aber auch Freunden und Bewunderern in Afrika und Lateinamerika, man denke etwa an Hugo Chávez, zu zeigen, dass er nicht zu Kreuze gekrochen ist. Er will demonstrieren, dass er seine Verhandlungsmacht gegenüber dem Westen durch die Kehrtwende gestärkt hat.

Trauen Sie Qadhafi die Einhaltung des Vertrags mit der Schweiz zu?
In den Grundzügen ja - aber nicht unbedingt in jedem Detail. Dass er Verträge grundsätzlich einhalten kann, hat er bei der Offenlegung seiner ABC-Waffenprogramme und bei den Lockerbie-Entschädigungen gezeigt. Allerdings gab es da auch Verzögerungen und teilweise Nachverhandlungen. Ich halte im Falle der Schweiz Nachforderungen durchaus für möglich. Bei der Freilassung des Lockerbie-Attentäters hat sich auch gezeigt, dass er sich nicht an die Zusage hielt, diesen nicht gross zu feiern.

Hat Qadhafi mit dem Deal einen PR-Erfolg erzielt? Wie wird er ihn ausschlachten?
Zweifellos. Es ist anzunehmen, dass solcher Erfolge ihn ermutigen, in zukünftigen Konflikten mit anderen europäischen Staaten ebenso dreiste Forderungen zu erheben. Allerdings dürfte er es da etwas schwieriger haben, vielleicht sogar mehr Respekt zeigen. Denn: Sich mit einem EU-Staat anzulegen, heisst, sich mit der ganzen EU anzulegen. Da sind aber seine wichtigsten Ölabnehmer und überhaupt Handelspartner vereint. Ob er sich da einen grösseren Konflikt leisten kann, ist fraglich. Allerdings verhalten sich England, Italien und andere Staaten seit geraumer Zeit gegenüber Libyen auch wie das Kaninchen vor der Schlange. Ich frage mich aber schon, ob Qadhafi nicht doch etwas weniger hoch gepokert hätte, wenn die Schweiz zur EU gehören würde.

Wie ist denn der Ruf der Schweiz im arabischen Raum? Hat die Affäre ausserhalb Libyens Beachtung gefunden?
In den arabischen Zeitungen waren lediglich kleine Meldungen zu lesen. Qadhafi wird in der arabischen Welt nicht mehr sonderlich ernst genommen. Er ist zumindest bei den Herrschern höchst unbeliebt, unter anderem, weil er sie kritisiert. Einem Teil der arabischen Intellektuellen und Oppositionellen ist er suspekt, weil sie die harsche Repression in Libyen verurteilen. Es ist aber nicht auszuschliessen, dass da und dort in der arabischen Welt ein Triumphgefühl zu verspüren ist, dass man einem reichen, westlichen Staat eins auswischen konnte. Das ist eine Art Reflex, der sich mit der kolonialen Vergangenheit erklären lässt.

Wie würden Sie denn Qadhafi umschreiben: ein brutaler Despot, ein genialer Unterhändler, ein Verrückter, ein Mann, der mit ungewöhnlichen Methoden das beste für seine Landsleute will?
Ich halte ihn für einen brutalen und gerissenen Despoten mit einer ausgesprochen exzentrischen Ader. Er hat tatsächlich einige Anliegen, die stark in einem antiimperialistischen, antikolonialen und auf einem Blickwinkel der Drittweltländer fussenden Weltbild gründen. Letzteres führt – zusammen mit seinem schrägen Auftreten – dazu, dass er selbst bei einigen westlichen Intellektuellen noch als Kult gilt. Dabei wird leider übersehen, dass er sein eigenes Volk brutal unterdrückt und vor allem in Afrika immer wieder als Brandstifter fungiert hat, etwa indem er Figuren wie Charles Taylor oder Mugabe mit Waffen oder Geld versorgt. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.08.2009, 10:44 Uhr

74

74 Kommentare

Christoph Geiser

27.08.2009, 19:40 Uhr
Melden

Schweizer Parlamentarier werden ungeduldig.... Ausgerechnet die Bürokratenchefs bekommen nach drei Tagen nervöse Zuckungen. Wie Ulrich Wenger richtig bemerkt hat, gilt in arabischen Ländern ein anderes Zeitempfinden. Tee trinken, abwarten und nicht gleich die Angstneurose aktivieren. Antworten


Erwin Marti

27.08.2009, 14:41 Uhr
Melden

Frau Isabelle Werenfels, grossartig! Endlich einmal eine Expertin. War Sie seit einem Jahr Beraterin unserer Aussenministerin in bezug auf Libyen? Hatte die Bundesrätin nicht auch den besten Fachmann in diesen Gebieten, den Botschafter von Muralt? Was hat Sie mit ihm gemacht? Es erstaunt mich, wie unsere Politiker, leider zu viele, auf Sachverstand verzichten können und zwar immer die Falschen Antworten



Ausland

Populär auf Facebook Privatsphäre

Telefonbuch

Marktplatz

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

FÜR IHRE FREIZEIT

Für Ausgehtipps in der Region, nutzen Sie einfach unsere Agenda.