Malen, Geld und eine hübsche Gattin: Das Rezept gegen den Terror

Aktualisiert am 20.01.2010

Saudiarabien versucht, ehemalige Guantánamo-Häftlinge in die Gesellschaft zu integrieren. Mit sanften Methoden und auch mit Geld. Denn wenn der Staat nicht zahlt, macht das die al-Qaida.

(Quelle: Youtube)

Mutmassliche saudische Terroristen, die aus dem Guantánamo-Lager in die Freiheit entlassen werden, landen in einer Anstalt, die weltweit einzigartig ist. In einem Rehabilitationszentrum, 30 Kilometer vor den Toren der Hauptstadt Riad, sollen die Guantánamo-Heimkehrer auf ihre Rückkehr in die Gesellschaft vorbereitet werden. Das Mohammed-bin-Nayef-Zentrum für Beratung, Behandlung und Betreuung ist zwar mit Stacheldraht umzäunt. Im Innern erinnert aber nichts an ein Gefängnis. In der Anstalt gibt es Sportplatz, Swimming-Pool, Fernsehräume und Moschee. Dies berichten Journalisten der «Süddeutschen Zeitung» und der Zeitung «Tagesspiegel», die sich vor Ort umgeschaut und über die Therapie für ehemalige Guantánamo-Insassen recherchiert haben.

«Um diese Leute zu entradikalisieren, müssen wir ihr Vertrauen gewinnen und ihnen helfen, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen», erklärt Abdulraham al-Hadlaq die Leitidee, wie der «Tagesspiegel» schreibt. Er hat sich weltweit einen Namen gemacht als Vordenker einer sanften Resozialisierung von Terroristen. Meist stammen die Radikalisierten aus extrem grossen Familien, haben keinen vernünftigen Beruf und ein dürftiges religiöses Wissen.

Unterricht über wahren Islam

Die therapeutische Arbeit leisten interdisziplinäre Teams mit Psychologen, Islamgelehrten, Sicherheitsexperten und Sozialarbeitern. Ein wichtiges Thema ist die religiöse Aufklärung. «Im Zentrum der al-Qaida-Ideologie steht ein verzerrter Islam. Also unterrichten wir die Leute über den wahren Inhalt unserer Religion», sagte der Leiter des Zentrums, Scheich Ahmed Hamid Jelani, im Gespräch mit der «Süddeutschen Zeitung». In der Behandlung der früheren Terroristen kommen gängige Therapieformen wie Malkurse und Gesprächstherapie zur Anwendung.

Wichtig für die Integration sei auch, die Familien der Guantánamo-Rückkehrer miteinzubeziehen. «Jeder Aussteiger wird verheiratet, bekommt ein Auto, und seine Sippe muss künftig auf ihn aufpassen», wird in den Medienberichten ein westlicher Diplomat zitiert. Bahnt sich bei einem von ihnen Ärger an, etwa wenn plötzlich ein Geldcouvert mit Absender «von deinen Mujahedin-Brüdern» unter der Haustüre liegt, sollen die Familienangehörigen das sofort dem Reha-Personal oder der Polizei melden.

Grosszügige Starthilfe

Der Staat zeigt sich grosszügig. Er finanziert jedem Ex-Kämpfer eine Wohnungseinrichtung. Zudem zahlt der Staat ein Jahr Miete sowie eine monatliche Sozialhilfe von 550 Euro bis der Rückkehrer Arbeit gefunden hat. Bei einer Heirat kommen 7000 Euro als Mitgift dazu, wie der «Tagesspiegel» schreibt. Das Geld spielt offenbar eine grosse Rolle: «Wir stehen in direkter Konkurrenz zu al-Qaida. Wenn wir nicht zahlen, machen sie es», sagt ein Mitarbeiter des saudischen Innenministeriums.

Die sanfte Methode, ehemalige Jihadisten zu integrieren, führt zu beachtlichen Erfolgen, wie Abdulraham al-Hadlaq, Leiter des Rehabilitationscamps, sagt. Elf Insassen sind bisher wieder zu al-Qaida zurückgekehrt und haben sich wahrscheinlich in den Jemen abgesetzt. Fünf weitere wurden wieder verhaftet, fünf sind untergetaucht. «Damit liegt die Quote knapp unter 20 Prozent – immer noch um Längen besser als in jeder amerikanischen Haftanstalt», sagt Hadlaq.

Experte zieht positives Fazit

Das saudische Experiment untersuchte Christopher Boucek vom Carnegie Endowment for International Peace. In seinem Bericht spricht er von vielversprechenden Resultaten: «Rund 1400 der 3000 Personen, die an einer derartigen Therapie teilnahmen, änderten ihre Einstellung und konnten bereits wieder in die Gesellschaft integriert werden. Der Rest war entweder noch im Programm, wurde rückfällig oder verweigerte die Zusammenarbeit.»

Gemäss den Aussagen der Experten kann die Mehrheit der Insassen auf den rechten Weg zurückgebracht werden. Es gibt aber prominente Ausnahmen: Said Ali al-Shihri, im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet gefangen genommen, wurde nach sechs Jahren von Guantánamo in das Rehabilitationszentrum bei Riad überstellt. Heute gilt er als die Nummer eins von al-Qaida im Jemen. Und er soll für den versuchten Terroranschlag auf ein Passagierflugzeug in Detroit am ersten Weihnachtstag verantwortlich sein. (vin)

Erstellt: 20.01.2010, 17:39 Uhr

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