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Licht ins Dunkel des globalen Landhandels

Von Jürg Steiner. Aktualisiert am 18.05.2012

Reiche Länder sichern sich mit Landkäufen vor allem in Afrika gegen künftige Nahrungsmittelkrisen ab: Eine neue Website, die vom Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern mitentwickelt wurde, liefert erstmals einen globalen Überblick über den heiklen Landhandel.

Geraten durch ausländische Investoren unter Druck: Kleinbäuerinnen in Ostafrika.

Geraten durch ausländische Investoren unter Druck: Kleinbäuerinnen in Ostafrika.
Bild: zvg: Biovision/Peter Lüthi

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Vom Balkon vor den Büros des Interdisziplinären Zentrums für Nachhaltige Entwicklung und Umwelt (CDE) an der Hallerstrasse haben Peter Messerli und Thomas Breu einen weiten Blick. Er geht über die Länggasse auf die Alpen, vor denen der Westwind die Wolken wie vergängliche Kulissen hertreibt. Die Direktoren führen ein Institut, das seit 2010 ein eigenständiges universitäres Zentrum ist, rund 80 Wissenschaftler beschäftigt und den nationalen Führungsanspruch der Universität Bern in der globalen Nachhaltigkeitsforschung verkörpert. In ihrem Business sind Breu und Messerli dem Weitblick verpflichtet.

Sie befassen sich mit ganz grossen Entwicklungsfragen – zum Beispiel diesen: Wer sind Gewinner und Verlierer der Globalisierung? Wie kommt Gerechtigkeit in die Beziehungen zwischen Norden und Süden? Wie gelingt es, bis 2050 eine Weltbevölkerung von 9 Milliarden Menschen zu ernähren und dafür die globale Nahrungsmittelproduktion um 70 Prozent zu steigern?

Neue Transparenz

Antworten auf grosse globale Fragen setzen sich meist aus konkreten Bausteinen zusammen. Ein Team des CDE trägt jetzt mit einer webbasierten Neuentwicklung entscheidend dazu bei, Transparenz in ein obskures Phänomen der Globalisierung zu bringen: die massiven Bodenkäufe in armen Ländern durch Investoren aus reichen Staaten. «Land Matrix» heisst das kürzlich an einer Weltbank-Tagung in Washington lancierte Internetportal, das weltweit über 1200 internationale Investitionsprojekte in Landwirtschaftsland dokumentiert und nach Möglichkeit kartografisch verortet. Mit wenigen Klicks kann man sich nun ein bisher nicht verfügbares globales Verständnis dafür erschliessen, aus welchen Ländern Investorengelder kommen und in welchen Regionen sie in welchem Umfang angelegt werden.

Rund zwei Jahre arbeiteten CDE-Wissenschafter, zusammen mit Forschungspartnern aus Deutschland und Frankreich sowie einer internationalen NGO-Koalition, an der technischen Entwicklung des Portals und der Datenrecherche, finanziell mitgetragen von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) des Bundes. Was jetzt vorliegt, ist laut CDE-Direktor Peter Messerli «der weltweit kompletteste Überblick über internationale Landdeals», der aber alles andere als vollständig sei. Weil viele Investoren extrem auf Diskretion bedacht sind, sei die Datenrecherche ausgesprochen schwierig.

Nicht a priori negativ

82 Millionen Hektaren oder 1,7 Prozent der weltweiten Landwirtschaftsfläche wurden seit 2000 von ausländischen Investoren erworben. Wobei es nicht oberstes Ziel sei, das Ausmass der Landtransaktionen – häufig als Land-Grabbing oder Landaneignung bezeichnet – auf den Hektar genau zu beziffern. «Für uns ist es wichtiger, Muster zu erkennen und zu verstehen, wo Probleme entstehen», sagt Messerli. Und da bringe «Land Matrix» neue Gewissheiten. «Wir können heute klar dokumentieren: Grossflächige Landnahmen in Entwicklungsländern durch ausländische Investoren waren nicht bloss eine stürmische Begleiterscheinung der globalen Nahrungsmittelkrise 2009», sagt Peter Messerli. Sondern sie setzten sich heute auf hohem Niveau fort. «Landerwerb durch ausländische Geldgeber ist nicht a priori negativ», hält Peter Messerli fest, «der Kapitalzufluss kann auch Innovation bringen und notwendigen Wandel fördern.»

Landnahme in Hungerländern

«Land Matrix» zeige nun aber, dass die Landnahmen in den Ländern des Südens oft Konflikte verschärfen, denn: 70 Prozent der von ausländischen Investoren gekauften Landflächen konzentrieren sich auf nur elf Länder. Sieben von ihnen sind afrikanische Staaten, stark vom Hunger betroffen und wirtschaftlich fast ausschliesslich abhängig von kleinbäuerlicher Landwirtschaft. Das bedeutet konkret: Wenn beispielsweise amerikanische, brasilianische oder koreanische Investoren – oft für die Herstellung von Biotreibstoff – im Sudan, in Tansania oder Sambia Land kaufen, bedrängen sie dort direkt die lokale Nahrungsmittelproduktion der Kleinbauern. Und zwar oftmals auf guten Böden, die zur effizienten Nutzung bewässert werden können.

Wasserverbrauch outgesourct

«Ohne Wasser bringen Landnahmen den Investoren wenig», sagt Thomas Breu. Die Jagd nach Land ist auch eine Jagd nach Wasserreserven – in welchen Dimensionen zeigt etwa das Beispiel Südafrika, auf das Breu hinweist. Würde die Landwirtschaft, die heute auf südafrikanischem Bodenbesitz ausserhalb der Landesgrenzen betrieben wird, ins Inland verlegt, stiege der Wasserverbrauch in Südafrika auf fast das Sechsfache des heutigen Niveaus.

Die CDE-Forscher zweifeln nicht daran, dass der Rush auf Ländereien des Südens anhalten wird. «Boden wird immer knapper», sagt Peter Messerli, «eine sicherere Geldanlage kann man sich fast nicht vorstellen.» Beispielsweise für Pensionskassengelder aus dem überalterten Norden. Es könne deshalb nicht darum gehen, die Moralkeule schwingen und Landnahmen unterbinden zu wollen.

Viel eher müsse der Fokus

darauf gelegt werden, das Know-how zu schaffen, wie man solche Landdeals ausgestalten könnte, damit sie in den betroffenen Ländern positive Wirkung entfalten. Absolut verheerend wirkten sich heute etwa die hohen Renditeversprechen aus, die auf Landinvestitionen im Süden abgegeben werden. Sie erhöhten den ökonomischen Druck auf die Produzenten vor Ort derart, sodass etwa ökologische Anliegen häufig komplett unter die Räder kämen.

Die Rolle der Schweiz

Die Schweiz spielt als aktive Unternehmerin in Landwirtschaftsland im Süden eine untergeordnete Rolle. Als Finanzplatz und somit als beteiligte Investorin, sagen Messerli und Breu, sei ihre Bedeutung für die globalen Landdeals aber ungleich grösser. Und deshalb sei es auch strategisch richtig, dass sich das CDE als führendes Schweizer Forschungsinstitut im Nord-Süd-Dialog in dieser Kernfrage der Globalisierung profiliere. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.05.2012, 18:18 Uhr

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