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«Libyen wird auch nach Ghadhafis Fall nicht zur Ruhe kommen»

Interview: Marc Brupbacher. Aktualisiert am 28.08.2011 13 Kommentare

Die Rebellen rücken nach Tripolis vor. In der Hauptstadt demonstrieren Tausende gegen Ghadhafi. Ist das sein Ende? Nahost-Kenner Arnold Hottinger und Strategie-Experte Albert Stahel im Interview.

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«Es dauerte so lange, weil sich die Rebellen zuerst besser organisieren mussten»: Arnold Hottinger, Nahostexperte.

«Ghadhafis Familie will nicht sterben»: Sicherheitsexperte Albert A. Stahel.

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Steht Ghadhafi kurz vor dem Fall?
Hottinger: Noch nicht, er hat ja auch noch die Möglichkeit, sich in die Region Fezzan zurückzuziehen. Tripolis ist aber noch nicht gefallen. Ich glaube, er wird bis zum blutigen Ende weiterkämpfen. Ich vermute, all die Gerüchte über Verhandlungen, dienen nur dazu, Zeit zu gewinnen. Schlussendlich aber wird Ghadhafi unterliegen. Aber das könnte noch lange dauern, vielleicht Monate.

Stahel: Ja, Ghdhafi steht kurz vor dem Fall. Bis jetzt war es ein langsamer Abnützungsprozess des Regimes. Nun beschleunigt sich alles. Entscheidend dabei war der Einsatz der Berber-Stämme im Südwesten.

Den Rebellen gelangen in den letzten Wochen und Tagen grosse Terraingewinne. Jetzt beginnt der Sturm auf Tripolis. Warum hat sich vorher monatelang – trotz Nato-Luftschlägen – kaum etwas bewegt?
Hottinger: Es dauerte so lange, weil sich die Rebellen zuerst besser organisieren mussten, dies geschah mit Hilfe von ausländischen Militärberatern. Aber auch die Rebellen im Westen, die Berber aus dem Jebel Nufus, sind für die Fortschritte verantwortlich. Sie haben eine eigene Kampftradition. Sie sind eher in der Lage, einen offensiven Krieg zu führen, als die Zivilisten von Benghazi und Misurata. In Misurata haben sich die Bürger sehr tapfer geschlagen, jedoch in einem defensiven Krieg, was weniger Koordination und Strategie voraussetzt, als ein Angriff.

Stahel: Der Nato-Luftkrieg wurde zuerst mit einer ungenügenden Anzahl von Kampfflugzeugen geführt. Nachdem die Briten und Franzosen Kampfhelikopter einsetzten, gab es deutliche Fortschritte. Die nächste Phase war der Einsatz von US-Kampfdrohnen, deren Bestand jetzt nochmals erhöht wurde. Zu beachten ist, dass dieser Luftkrieg einem Abnützungskrieg glich, der mittlerweile den grössten Teil des Arsenals von Ghadhafi vernichtet hat.

Ein Offizier der libyschen Geheimdienste hat behauptet, in Tripolis stünden 70 Prozent der Bevölkerung hinter Ghadhafi. Wie beurteilen Sie diese Aussage?
Hottinger: Der genaue Anteil ist schwer abzuschätzen, niemand kann das genau wissen. Klar ist, es gibt viele Anhänger Ghadhafis in Tripolis. Dort sitzen all jene Personen, die von dem Regime profitierten und nun die Rache der Bevölkerung fürchten müssen.

Stahel: Die Aussage könnte zutreffen. Dies hängt mit der wechselnden Loyalität der arabischen Stämme zusammen.

Wird es eine Schlacht um Tripolis geben, oder wird Ghadhafi schnell aufgeben?
Hottinger: Es wird gewiss eine Schlacht geben. Ghadhafi wird nicht aufgeben. Er wird seinen Leuten befehlen, für ihn zu sterben. Sie werden diese Befehle erst dann nicht mehr befolgen, wenn sie erkennen, dass sie nicht mehr gewinnen können. Dies zu erkennen, ist aber schwierig. Das gelang bisher nur hohen Funktionären, welche Propaganda und Wirklichkeiten zu unterscheiden vermögen.

Stahel: Zwei Szenarien sind denkbar. Ghadhafi flieht oder er kämpft bis zum Ende. Ich halte das erste Szenario für wahrscheinlicher. Grund: Seine Familie will nicht sterben. Dann darf man auch das Asylangebot der Südafrikanischen Union nicht vergessen.

Was kommt danach? Glauben Sie an ein freies und demokratisches Libyen?
Hottinger: Der Übergang zu einer funktionierenden Demokratie wird schwierig werden. Das sieht man in Tunesien und Ägypten. Es muss aber versucht werden. Man darf nicht aufgeben, auch wenn es nicht gleich auf Anhieb klappt. Frankreich benötigte gut 50 Jahre auf dem Weg von der Revolution bis zu einem funktionierendem demokratischen System.

Stahel: Libyen wir nicht zur Ruhe kommen. Eine Einigkeit unter den arabischen Stämmen wird nur unter schwierigen Umständen zu erreichen sein. Dazu kommen noch die Berber. Sie haben genug von der jahrhundertelangen Unterdrückung durch die Araber. Sie werden auf ihre Mitwirkung am zukünftigen Libyen beharren. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.08.2011, 13:05 Uhr

13

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13 Kommentare

Ronnie König

21.08.2011, 13:39 Uhr
Melden 24 Empfehlung

Der zweitletzte Satz ist von Bedeutung. Die Berber sehnen sich schon sehr lange nach Freiheit. Sie haben den Glauben/Islam von den Arabern übernommen, doch den Rest wollen sie nicht. Schon gar nicht deren Herrschaft. Ich kenne ein paar Berber. Sie sind anders. Und wollen eine Zukunft, die sie endlich selber gestalten können. Ein altes Kulturvolk, das die Greuel von früher noch nicht vergessen hat! Antworten


Bernd Chansr

21.08.2011, 16:01 Uhr
Melden 19 Empfehlung

So klingt die Situation bei Fokus-online
Der Kampf gegen den libyschen Machthaber Gaddafi konzentriert sich immer mehr auf die Hauptstadt Tripolis. Die Rebellen sind dort angekommen, die Nato fliegt einen Angriff nach dem anderen. Auch die deutsche GSG 9 mischt in Libyen mit. ...
Ich denke die Betonung sollte hier bei Nato liegen - die die Bevölkerung beschützen, nich war?
Angriffskrieg?
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