In Israel wird ums Judentum gestritten
Von Susanne Knaul, Jerusalem. Aktualisiert am 23.06.2010 8 Kommentare
Wenn es eines Tages Frieden zwischen Israel und den Arabern gebe, so sinnierte einst der Religionsphilosoph Yeshayahu Leibowitz, dann werde ein noch schlimmerer Konflikt aufflammen. Ein Konflikt, den die Israeli untereinander ausfechten. Am vergangenen Wochenende kämpften die Charedim, die ultraorthodoxen Juden, gegen den weltlichen Staat. Auslöser war der Streit zweier anderer Gruppen: der Aschkenasim, aus Mittel- und Osteuropa eingewanderten Juden, und der Sefarden oder Orientalen, die meist aus Nordafrika oder dem Jemen stammen. Während sich die rassischen Unterschiede von Generation zu Generation verwischen, spitzt sich der Kampf zwischen Gottesrecht und Rechtsstaat zu.
Rassistische Untertöne
Die Botschaft der 120'000 Charedim, die sich letztes Wochenende versammelten, lautete: «Nein zum staatlichen Rechtssystem». Der oberste Gerichtshof Israels hatte kurz zuvor eine Gruppe ultraorthodoxer Ehepaare zu zwei Wochen Haft verurteilt wegen «ethnischer Trennung». Sie hatten sich der gerichtlich angeordneten Aufnahme sefardischer Mädchen in der Schule ihrer Töchter widersetzt.
Die Charedim leben in der Regel in eigenen Wohnvierteln in Jerusalem, in religiösen Siedlungen im Westjordanland oder in Bnei Brak, einer Kleinstadt bei Tel Aviv. Sie nutzen ein eigenes System von Institutionen und unterscheiden sich schon äusserlich mit dem langen schwarzen Mantel und dem Hut, den die frommen Juden einst im Schtetl in Osteuropa trugen, deutlich vom Rest der israelischen Gesellschaft. Sie befolgen die jüdischen Schriften strikt und widmen sich im Idealfall lebenslang dem Lernen. In der Knesset, dem Parlament in Jerusalem, sind sie mit der Agudat Israel vertreten.
Judentum «von jeher rassistisch»
Die Forderung der Charedim, es müsse in Israel die Halacha, das jüdische Recht, gelten, bezeichnet Chagai Dagan, Experte für jüdisches Denken, als «Unsinn»: «Die Halacha ist zum Grossteil im 12. und im 16. Jahrhundert entstanden und eignet sich nicht, um einen modernen Staat zu regeln, der auch eine Strassenverkehrsordnung oder ein Steuerrecht braucht.»
Der Konflikt an der Mädchenschule, der zur Verurteilung der «rassistischen» Eltern führte, überrascht Dagan nicht. Das Judentum sei «von jeher rassistisch», nur dass sich «früher der Rassismus gegen die Nichtjuden richtete, während heute die ultraorthodoxen Aschkenasim eine rassistische Agenda gegenüber den Sefarden verfolgen».
Front gegen den Rechtsstaat
Die Shas-Partei, die sich 1984 von der Agudat Israel abspaltete, hatte kein anderes Ziel, als ein alternatives Erziehungssystem zu jenem der aus Europa stammenden Charedim aufzubauen. Am gleichen Strang ziehen die beiden ultraorthodoxen Gruppen nur im Kampf gegen den gemeinsamen Feind, das weltliche Establishment. Rabbi Ovadia Jossef, Mentor der Shas, schloss sich diese Woche den Warnungen der aschkenasischen Charedim an: Wer sich an ein weltliches Gericht wende, erklärte er, «hat keinen Anteil an der kommenden Welt».
Die Drohung richtete sich gegen die Eltern der sefardischen Schülerinnen, die bis vor den obersten Gerichtshof gingen, um deren Aufnahme an der Mädchenschule zu erzwingen. «Hände weg von unserer Erziehung», rief ein Anführer der Massendemonstration. Die Menge quittierte es mit Jubel.
Der Anfang der Trennung
Mit vereinter Kraft untergraben die beiden Gruppen die Rechtsstaatlichkeit und beissen damit die Hand, die sie füttert: Der Staat finanziert nämlich die ultraorthodoxen Privatschulen, auf deren Lerninhalte er praktisch keinen Einfluss hat. So entstehen zwei parallele Wertesysteme, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hier Rechtsstaat, Demokratie und Pluralismus, dort der unbedingte Gehorsam gegenüber dem Rabbiner und seiner Auslegung der jüdischen Texte. Die Kluft zwischen den Charedim und dem Rest der Gesellschaft wächst stetig. Selbst viele orthodoxe Juden können mit dem religiösen Extremismus wenig anfangen.
Israels erster Regierungschef, David Ben Gurion, habe einen grossen Fehler gemacht, «als er die Charedim vom Militärdienst befreite und die Finanzierung ihrer Jeschiwot (Thoraschulen) bewilligte», sagt Dagan. Es sei der Anfang der Trennung «zwischen Lernenden und Arbeitenden» gewesen. «Die Charedim mussten sich nicht in die zivile Gesellschaft integrieren, sondern konnten in ihrem Ghetto bleiben.» Der einzige Weg, daran etwas zu verändern, «ist, ihnen den Geldhahn zuzudrehen».
Erfolg dank weltlicher Agenda
1999 zog erstmals eine Partei – die Shinui – in die Knesset ein, welche die Entmachtung der Religiösen im Staat forderte. Vier Jahre später war sie drittgrösste Partei, verschwand allerdings kurz darauf wieder komplett von der Bildfläche. Tommy Lapid, Parteichef und damals Justizminister unter Ariel Sharon, verliess die Regierung, weil er die Zahlung von einigen Millionen Franken an ultraorthodoxe Einrichtungen nicht mittragen wollte.
Auch der jetzige Aussenminister Avigdor Lieberman von der nationalzionistischen Partei Israel Beitenu verdankt seinen Erfolg einer weltlichen Agenda. Lieberman geht es um eine gerechtere Verteilung von Pflichten und Rechten im Staat und um die Möglichkeit der zivilen Heirat. Denn sämtliche familienrechtlichen Belange unterstehen in Israel bis heute religiösen Gerichten.
Rechtsstaat ist ernsthaft bedroht
Doch auch mit Liebermans Partei als Koalitionspartner gelang es Regierungschef Benjamin Netanyahu nicht, eine rein weltliche Koalition zu bilden, welche die nötigen Reformen in die Wege hätte leiten können. «Das grosse Problem ist, dass der Staat immer grössere Summen in die religiöse Erziehung steckt und damit ein Monster nährt – seit Jahrzehnten», sagt Ben-Dror Yemini, ein auf religiöse Fragen spezialisierter Journalist. Der Rechtsstaat sei ernsthaft bedroht.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.06.2010, 23:16 Uhr
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8 Kommentare
"Das Judentum sei «von jeher rassistisch», nur dass sich «früher der Rassismus gegen die Nichtjuden richtete..." Genau, wie z.B. zehn Gebote, das Gebot der Nächstenliebe oder das Verbot der Unterdrückung der Fremden. Zutiefst rassistisch. "...bezeichnet Chagai Dagan, Experte für jüdisches Denken, als «Unsinn»!" Diese Bezeichnung des "Experten" passt perfekt zu seinen eigenen Aussagen. Antworten
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