«Ich werde nicht abhauen»
Interview: Vincenzo Capodici. Aktualisiert am 06.01.2011 4 Kommentare
Zur Person
Lotti Latrous
Die Schweizerin Lotti Latrous hat ihr Leben den Menschen in den Slums von Abidjan (Elfenbeinküste) verschrieben. Sie betreibt drei medizinische und soziale Einrichtungen. Diese tragen den französischen Namen der Hoffnung: Centre Espoir.
Die 57-Jährige hatte in Saudi-Arabien, Nigeria und Ägypten gelebt, bevor sie 1994 nach Abidjan kam, wohin ihr Ehemann zum Leiter eines Nestlé-Betriebs berufen worden war. Sie war in den Slums von Abidjan mit dem Elend von Tausenden Afrikanern konfrontiert. Empört über so viel Not, entschloss sie sich, das Ambulatorium Centre d'Espoir aufzubauen. Im September 2002 eröffnete sie das Sterbespital Centre Espoir d'Eux für an Aids erkrankte Menschen. Ende 2005 kam das Waisenhaus Centre Espoir Trois hinzu.
Am 8. Januar 2005 wählte sie das Schweizer Volk anlässlich des «Swiss Awards» zur Schweizerin des Jahres 2004. Für ihr soziales Engagement erhielt Latrous auch den Adele-Duttweiler-Preis und weitere Auszeichnungen. Latrous lebt in Adjouffou, einem Slum, der sich neben dem Flughafen von Abidjan befindet. (vin)
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Frau Latrous, die Elfenbeinküste steckt seit der Präsidentenwahl in einer schweren Krise. Es hiess sogar, dass ein Bürgerkrieg drohe. Wie schätzen Sie die Situation ein? Ist es wirklich so dramatisch?
Eine Regierungskrise ist immer dramatisch. Ein drohender Bürgerkrieg erst recht. Was für mich persönlich schwierig ist, ist die Tatsache, dass durch die Berichterstattung in Europa meine Freunde, und natürlich auch meine Familie, in Angst um mich leben. Immer wieder muss ich besorgte Mails beantworten. Und immer wieder sagen, dass ich eben nicht so schnell wie möglich «abhauen» werde, wie es mir empfohlen wird, sondern da bleiben werde.
Wie haben Sie die letzten drei, vier Wochen erlebt?
Ich bin in Abidjan und mache hier nach wie vor meine Arbeit. Die Menschen brauchen uns. Jetzt erst recht.
Haben Sie Angst? Und wie gehen Sie mit der ungewissen Zukunft um?
Die ungewisse Zukunft, wie Sie es formulieren, lasse ich auf mich zukommen und vor allem lasse ich mich nicht verrückt machen von etwas, das vielleicht gar nie passieren wird. Das ganze ivorische Volk betet, die ganze Welt betet, damit es Frieden gibt. Nein, ich habe keine Angst. Ich habe Vertrauen.
Hat das Ambulatorium «Centre d'espoir un», eine Ihrer drei Einrichtungen in Abidjan, mehr Arbeit wegen der Unruhen?
Das kann ich so nicht sagen. Was aber sicher anders ist, ist die Tatsache, dass jede Konsultation länger dauert. Die Menschen wollen mehr und länger reden. Das empfinde nicht nur ich so, das geht auch allen meinen inzwischen sechzig Mitarbeitern so.
Befürchten Sie negative Folgen für Ihre Einrichtungen?
Ich befürchte gar nichts. Ich lasse alles auf mich zukommen, mache mir meinen Alltag nicht noch beschwerlicher, indem ich mich andauernd frage, was morgen sein wird. Ich lebe in der Gewissheit, dass es immer so kommt, wie es kommen muss.
Sind die Spendengelder aus der Schweiz gesichert, falls in der Elfenbeinküste das Chaos ausbrechen sollte?
Unsere Spendengelder befinden sie bei einer Schweizer Bank. Seit Jahren schon transferieren wir immer nur die Summe, die wir monatlich ausgeben. Wir brauchen im Moment mehr Geld als normalerweise, weil wir mehr Reis einkaufen, um es unter der Bevölkerung zu verteilen und auch mehr Medikamente gratis abzugeben.
Wie beurteilen Sie die Zukunft Ihrer Hilfswerke? Müssen Sie sich noch mehr engagieren?
Was kann ich schon über die Zukunft sagen? Die Zukunft ist überall ungewiss. In Afrika erst recht. Wir leben heute! Nicht gestern und nicht morgen. Heute. Und zum Thema Engagement kann ich nur sagen: Würde ich das nicht jeden Tag wollen, mich noch mehr zu engagieren, wäre ich hier keinen Schritt weitergekommen. Aber das geht nicht nur mir so. Ohne Engagement geht im Leben nichts oder zumindest nicht viel.
Glauben Sie, dass im Land wieder einigermassen Ruhe einkehrt?
Ich glaube nicht. Ich hoffe! Und das aus ganzem Herzen.
Wollen Sie den Menschen in der Schweiz noch etwas sagen?
Ich bin hier, um das Leben der Menschen etwas angenehmer zu gestalten. Ihnen Hoffnung zu geben und dort zu helfen, wo unsere Hilfe gebraucht wird. Das werden wir hoffentlich noch lange tun können. Wichtig ist mir, und nur aus diesem Grund gebe ich dieses eine Interview, dass die Menschen in der Schweiz wissen, dass es uns nach wie vor gibt und ich dort bin, wo ich hingehöre: zu Hause, in Adjoffou. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.01.2011, 21:31 Uhr
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