Die wütenden Söhne reicher Väter
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 04.01.2010
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Die Studie sorgte international für Aufruhr. Denn was der Princeton-Ökonom Alan B. Krueger und die Orientalistin Jitka Maleckova herausfanden, widerspricht nicht nur einer viel verbreiteten Volksmeinung, sondern auch den Programmen vieler Politiker. Terroristen sind keine Söhne von Bettlern und Tagelöhnern, sondern stammen oft aus reichen Familien.
Der Befund von 2003 passt bestens auf Umar Abdulmutallab. Als Sohn eines nigerianischen Ex-Ministers hatte er genug Geld und ausgezeichnete Privatschulen besucht. Vor Weihnachten versuchte er nun einen amerikanischen Passagierjet in die Luft zu jagen. Abdulmutallabs Schicksal gleicht dem von Al-Qaida-Führer Osama Bin Laden. Auch dessen Vater war wohlhabend und einst saudischer Bauminister. Oder der 9/11-Terrorist Mohammed Atta, der als Sohn eines Rechtsanwalts in Hamburg studiert hatte sowie der Hamas-Märtyrer und Ingenieur Yahya Ayyasch. Auch die Mitglieder der deutschen RAF, der nordirischen IRA und der türkischen Volksbefreiungsarmee, die zu zwei Dritteln einen Universitätsabschluss hatten, wie die Soziologen Charles Russell und Bowman Miller 1983 festgestellt hatten.
«Ein politisches, kein ökonomisches Phänomen
Krueger und Maleckova ziehen ein deutliches Fazit: «Mitglieder der militanten Hizbollah oder palästinensische Selbstmordattentäter kommen mindestens so oft aus wohlhabenden Familien und haben ein hohes Bildungsniveau, wie sie aus benachteiligten, ungebildeten Schichten stammen.» Ihr Essay «Education, Poverty and Terrorism: Is There a Causal Connection?» (Bildung, Armut und Terrorismus: Gibt es einen Kausalzusammenhang?) erschien im Herbst 2003 im «Journal of Economic Perspectives». Sie haben dafür fast 285 Interviews mit Terroristen im Nahen Osten ausgewertet.
Krueger und Maleckova widersprechen den bekannten Erkenntnissen der Ökonomie von Verbrechen, wie sie selber feststellen. «Die Literatur zur Ökonomie von Verbrechen gibt Grund zur Annahme, dass Armut und Bildungsmangel mit illegaler Aktivität, vor allem Eigentumsdelikten, zusammenhängt», schreiben die Forscher mit Verweis auf die zahlreichen Studien zu Motiven von Kriminellen. «Doch obwohl Terrorismus dem Verbrechen verwandt scheint, sagt diese Forschung diesbezüglich nicht unbedingt einen ähnlichen Zusammenhang voraus.» Während also Menschen eher stehlen oder betrügen, wenn sie wenig Geld, ein tiefes Bildungsniveau und düstere Zukunftsaussichten haben, trifft das für Terroristen nicht zu.
Freiheit schützt vor Terrorismus
Die Schlussfolgerung, welche die Forscher aus ihren Ergebnissen ziehen, ist so einfach wie durchschlagend: «Terrorismus ist ein politisches, nicht ein ökonomisches Phänomen.» Und wie jedes politische Engagement setze auch diese gewalttätige Form ein «Minimum an Interesse, Können und Überzeugung voraus – alles Eigenschaften, die eher auftreten, wenn Menschen ein gewisses Mass an Bildung und Einkommen haben und sich nicht nur um das wirtschaftliche Überleben kümmern müssen.»
Dazu passt, was Krueger und Maleckova noch festgestellt haben: Viel entscheidender als die wirtschaftliche Lage ist die Ausprägung der Freiheitsrechte in einem Land. «Bei gleichem Einkommensniveau sind Staaten mit grösseren zivilen Freiheitsrechten weniger gefährdet, ein Hort für internationale Terroristen zu werden», stellen sie fest. Je eher Menschen ihre eigenen Ansichten entwickeln, über ihr Leben frei entscheiden und sich organisieren dürfen, desto weniger wahrscheinlich werden sie zu Terroristen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.01.2010, 20:43 Uhr
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