Auf verlorenem Posten
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Die Kuppel glänzt, das Meerblau der Kacheln schimmert, die Sonnenstrahlen zeichnen die goldenen Ornamente nach. Im Schatten des Mausoleums geht Musab Faraj auf und ab. Er hält ein Gewehr mit einem abgeschlagenen Kolben in der Hand, ein Funkgerät baumelt verloren am Gürtel. Farajs Stimmung ist mehr als verhalten: «Die Regierung bezahlt unsere Miliz nicht mehr. Früher hatten wir eigene Checkpoints im ganzen Stadtteil. Jetzt bleibt uns nur noch der hier.»
Faraj steht auf verlorenem Posten: Von der irakischen Geschichte vergessen, so wie das Königsmausoleum im Bagdader Sunniten-Viertel Adhamiya. Früher machten Monarchen, Staatsmänner und Diktatoren unter der blauen Kuppel ihre Aufwartung. Heute fegen alternde Mausoleumswächter den Staub zwischen den Sarkophagen zusammen, zupfen ab und an das Unkraut zwischen den Steinplatten heraus. Der Sunnit Faraj hat andere Sorgen als die Gräber der Könige: «Die Regierung hat uns die Waffen weggenommen. Wie sollen wir uns verteidigen?»
150 Franken für einen Sohn
Ortswechsel: Daoud Salim steht vom Fussboden auf, geht zur Tür, nimmt ein Tablett in Empfang. Ein Topf dünner Bohnensuppe, kein Brot dabei. Der 72-Jährige lebt in Sadr City, 2-Millionen-Slum und Hochburg der Schiiten. Brackiges Abwasser stinkt aus den Rinnsteinen, Müll verrottet auf den Strassen, klapprige russische Geländewagen holpern als Sammeltaxis durch die Strasse. Salim und seine Frau bewohnen ein einziges Zimmer: 20 Quadratmeter, nackte Fliesen auf dem Boden, in der Vitrine Plastiknippes und andere Erinnerungsstücke eines Lebens an der unteren Grenze.
Salim lebt von den milden Gaben der Nachbarn: das tägliche Essen, das Geld für den Strom. Seine Frau liegt auf einer Decke auf dem Steinboden, wälzt sich von einer Seite auf die andere. «Der Tod unserer Kinder hat sie gebrochen», sagt er, «für den Arzt haben wir kein Geld.» Salims Söhne kamen bei einem Bombenanschlag um. 150 Franken pro Sohn hat er von der Regierung bekommen, in einem Umschlag. Sonst haben sie nichts für ihn getan. «Die Politiker vergessen eines: Wir sind das Volk. Wir haben sie gewählt. Sie müssen für uns arbeiten.»
Verachtung für die Politiker
Noch ein Ortswechsel. Die Galerie von Qasim Sabti. Die grauen Haare reichen bis auf die Schulter, Goldketten hängen am Hals, der Bauch ruht auf dem Gürtel. Der Bagdader Galerist versammelt Maler, Dichter und Musiker um sich, aber könnte statt Skulpturen und Gemälden auch ertragreich Gebrauchtwagen verkaufen. Sabti, zutiefst säkular, reisst eine Dose Bier auf und sagt: «Ein Hund, wer im Ramadan keinen Alkohol trinkt. Wir sind die letzten Mohikaner der Kultur in diesem Land.» Für die Politiker empfindet Sabti nur Verachtung: «Der Kulturminister verbietet den Mädchen Ballettunterricht in der Schule, weil es angeblich unkeusch ist. Ich bleibe Anhänger des alten Regimes.» Seine Bilanz, was die Amerikaner und ihren Krieg für die Demokratie angeht: «Sie haben nicht nur das Regime Saddam Hussein zerstört, sondern das ganze irakische Volk.»
Jede Fahrt dauert Stunden
Begegnungen in Bagdad. Es sind oft widersprüchliche Eindrücke aus einer zerrissenen Stadt, quer durch die Schichten, Parteien und verfeindeten Religions- und Volksgruppen. Ein Fremder kann sich bis heute schwer bewegen in der irakischen Hauptstadt. Manche Stadtteile gelten als sicher, andere nicht. Jede Fahrt dauert Stunden, wegen der Kontrollstellen von Polizei und Armee: Quälend langsam schieben sich die Blechlawinen durchs Zentrum, müde Gesichter hinter den Scheiben der Taxis und Minibusse, die chromblitzenden Kühlerhauben von nagelneuen Geländewagen drängen sich vor. Soldaten und Polizisten beugen sich ins Wageninnere, starren in Gesichter, verlangen Ausweise, öffnen lustlos den Kofferraum. Unter den Helmen rinnt ihnen Schweiss auf die Stirn. Bagdad im Ramadan: Es sind weit über 40 Grad, die Atmosphäre schwankt zwischen äusserster Anspannung und absoluter Erschlaffung. Was nicht allein am Wetter liegt.
Izzat al-Shabander, Gefolgsmann der Regierungspartei, sieht die Dinge gelassen. Der Politiker sitzt in seiner klimatisierten Villa, schneidet im Fastenmonat Ramadan schon mittags um zwölf eine kubanische Zigarre an. «Ja, politisch befinden wir uns seit sechs Monaten in einer Sackgasse. Aber wir haben einen Vorschlag an den politischen Gegner geschickt. Wenn er annimmt, geht es ganz schnell.» Was in dem Kompromisspapier steht, sagt Shabander nicht: Fakten kommen in den Parteibüros und Privathäusern von Männern wie Shabander selten auf den Tisch.
Ein Krieg mit 100'000 Toten
Nur die Ausgangslage lässt sich schlüssig zusammenfassen: Im März haben die Iraker ein Parlament gewählt. Die Wahl hat kein klares Ergebnis gebracht. Es gibt zwei grosse, fast gleich starke Parteienbündnisse, die wegen des Führungsanspruchs ihrer Chefs seit sechs Monaten nicht zusammenkommen. Das Rechtsstaat-Bündnis des früheren Premiers Nouri al-Maliki hat zwar zwei Sitze weniger bekommen, aber die Oppositionsfraktion Iraqiya kommt deshalb noch lange nicht an die Macht. Einziger Ausweg scheint eine Einheitskoalition, die alle Parteien und Volksgruppen einbezieht. Nur: Die Politiker wollen nicht.
Derweil regiert der alte Premier weiter; kommissarisch. Maliki mag nach Stimmen knapp verloren haben. Aber er sitzt sicher in seinem Palast. Er hat sich vor der Wahl die schlagkräftigsten Einheiten der Sicherheitskräfte zugewiesen. Die US-Truppen werden weniger, das gibt ihm mehr Gewicht. Draussen in Bagdad geht das Leben trotz allem weiter, mehr schlecht als recht: Es gibt kaum Strom, zu wenig Wasser, keine Jobs. Und keine Sicherheit: Der Terror der al-Qaida nimmt wieder zu. Das ist der Stand der irakischen Innenpolitik sieben Jahre nach dem Sturz der Saddam-Diktatur, einem Krieg mit gut 100'000 Toten.
Jeder misstraut jedem
Zwei Abgeordnete der irakischen Opposition sitzen auf der Terrasse eines 5-Sterne-Hotels in Amman. Luftlinie sind es tausend Kilometer von Bagdad bis in die jordanische Hauptstadt. Die Politiker versüssen sich im Nachbarland das Ramadan-Fastenbrechen mit ausgesuchten Speisen, betreiben zwischen den Bissen Politik: «Das Wichtigste ist, eine zweite Amtszeit Malikis zu verhindern», sagt Djamal Karboli. «Das kann dauern.» Sein Kollege Mithal al-Alusi nickt. Die Oppositionspolitiker sind Gegner Malikis, gehören zu Iraqiya. Auch wenn ihr Bündnis die Wahl knapp gewonnen hat: Zu sagen haben sie bisher nichts. Aber sie haben schöne Häuser in Jordanien, leben gut von ihrem 26 000-Franken-Parlamentarierlohn. Zurück in ihr Land wagen sie sich derzeit nicht. Alusi sagt: «Maliki hat Dossiers gegen uns alle angelegt. Er könnte uns festnehmen lassen.»
Das Abendessen auf der Terrasse in Amman mag kein Beweis sein für das Scheitern der Demokratie im Irak. Aber es ist Indikator für den Zustand eines politischen Prozesses, der keiner mehr ist. Joost Hiltermann, Kenner des Irak, beschreibt das Dilemma so: «Was die Dinge blockiert, ist die Furcht aller, dass der Sieger im Koalitionspoker dann alle Macht an sich reissen wird.» Kurz: Das Misstrauen zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden, den verfeindeten Volksgruppen, verhindert weiterhin jeden Fortschritt bei der Regierungsbildung und beim Aufbau des Landes.
Die al-Qaida hat aufgerüstet
US-Präsident Barack Obama wird heute Abend in Washington eine Rede halten. Der Inhalt lässt sich auch ohne die Fähigkeiten eines Hellsehers erahnen. Obama wird sagen: «Der Krieg im Irak ist vorbei. Wie jede souveräne, unabhängige Nation hat das Land jetzt das Recht, seinen eigenen Weg zu gehen.» Das klingt gut. Es legt nahe, dass das Land nach dem Sturz der Diktatur auf dem richtigen Weg ist. Dass die USA ihre Aufgabe trotz ihres mutwillig vom Zaun gebrochenen Kriegs erfüllt haben. Das wird die Wähler in Kansas und Idaho freuen. Sie wollen, dass ihr Präsident Wort hält, die Soldaten vom Ende der Welt endlich heimholt.
Den wahren Zustand des Landes wird Obamas Ansprache kaum widerspiegeln. Der Krieg, der angeblich vorbei ist, hat die irakische Regierung veranlasst, für die kommenden Tage die höchste Sicherheitsstufe auszurufen: Al-Qaida im Irak will den Fastenmonat Ramadan zum Fanal für «die Leugner der Religion» machen. Die Terrorgruppe bemüht sich, Wort zu halten: Verkehrspolizisten, unbewaffnet, hinterrücks erschossen mit Schalldämpfern auf den Pistolen. Ermordete Richter, Autobomben, Selbstmordattentate: 26 Rekruten starben vor einem Armeebüro, als sich ein Al-Qaida-Mann in die Luft sprengte. Danach erschossen die Militanten 16 Polizisten, verbrannten ihre Leichen in ihren Jeeps, pflanzten die schwarze Al-Qaida-Flagge neben den Wracks auf. Kurz darauf eine zweite Welle: zwei Dutzend Autobomben in 13 Städten an einem Tag, dazu Schüsse aus dem Hinterhalt, 56 Tote. Al-Qaida posaunte: «Die Banner des Siegs wehen über dem Land.» Ein Ende des Kriegs? Oder doch nur ein neuer Krieg?
Angst vor dem Abzug
Noch ein Ortswechsel: die hoch gesicherte US-Botschaft in Bagdad. Die diplomatische Mission ist die grösste aller US-Vertretungen weltweit. Inzwischen ist sie auf die Ausmasse des Vatikans angewachsen. Besucher werden mit einer kleinen Elektrobahn im Schritttempo über das Botschaftsgelände gefahren. Botschafter James Jeffrey, grauer Anzug, Brille, schlohweisses Haar, grauer Anzug, ist Obamas politischer Statthalter im Irak. Der Diplomat wägt seine Argumente fast sichtbar im Kopf ab, bevor er etwas Zitierbares sagt: «Das Potenzial für Gewalt ist noch immer gross – wobei es sich um reine Terrorakte handelt. Diese Attacken stellen ein beträchtliches Risiko für den politischen Prozess in diesem Land dar.» Der Botschafter wäre nicht Botschafter, würde er die schärferen Kanten seiner Aussage nicht nachträglich glätten: «Das ändert nichts daran, dass die Sicherheitslage weit besser ist als vor ein, zwei Jahren. Das bestätigen alle Statistiken.»
Statistiken beschäftigen sich mit dem, was sich ereignet hat. Sie sagen wenig über das, was noch kommen kann. Wäre Mustafa Adel da, würde er den Botschafter vielleicht fragen: Der Terror gefährdet den politischen Prozess? Welchen politischen Prozess, bitte? Aber Adel steht in seinem Laden im Stadtteil Khadamiya, schaufelt billige Süssigkeiten in Papiertüten, legt halb zerrissene Geldscheine in die Schublade unter dem Ladentisch: Mal sind es 500 Dinar, mal 1000 – Beträge, die sich leicht in Rappen umrechnen lassen, ohne Franken bemühen zu müssen. Von dem Geld muss der 25-Jährige die Ladenmiete zahlen, den Strom, die Wasserpumpe, seine Familie ernähren. Für Adel ist Politik einfach: «Als die Amerikaner das Sagen hatten, ging es uns besser. Jetzt haben die Iraker die Macht, und uns geht es schlechter.» Dass die US-Truppen abziehen, macht ihm Angst: «Sie sollten bleiben. Sind sie weg, fängt das Morden wieder an.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.08.2010, 22:25 Uhr
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