Offene Gesellschaft ist die treffende Antwort auf den Terror

London-Korrespondent Jochen Wittmann über die britischen Reaktionen auf den Anschlag.

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Die Flagge am Palast von Westminster, der das britische Parlament beherbergt, stand am Donnerstag auf halbmast. Politiker im Unterhaus, Polizisten vor dem neuen Hauptquartier von Scotland Yard und ganz normale Bürger an anderen Orten im Königreich standen um 9.33 Uhr für eine Schweigeminute still und gedachten der Opfer des Terroranschlages, der London am Mittwoch heimgesucht hatte. Man gab sich einem Moment der Trauer hin. Aber danach war die Reaktion der Briten ein trotziges «Weiter so». Angst will man sich nicht machen lassen. Denn man weiss: Der Terrorismus hat nicht gesiegt, wenn er nicht terrori­sieren kann.

Das dürfte die beste Antwort auf den Terror sein, den eine offene Gesellschaft formulieren kann. Man kann der britischen Premierministerin Theresa May nur beipflichten, wenn sie gestern im Unterhaus, dem Ziel des Attentäters, erklärte, dass die Werte, die das Parlament symbolisiert – wie freie Rede, Menschenrechte, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit –, «von allen freien Menschen in der ganzen Welt» geteilt werden und sich angesichts der Bedrohung durch den Terror durchsetzen werden.

Und doch wird manch einen so etwas wie Furcht beschleichen. Der Terror war hausgemacht. Der Täter war britisch. Ein Anschlag, wie er ihn durchführte, könnte jederzeit wieder stattfinden, denn die Mittel, die der Terrorist einsetzte – ein Auto, zwei Messer –, sind leicht zu beschaffen. Zusätzlich braucht es noch die Bereitschaft, bei dem Angriff sein Leben opfern zu wollen. Das Selbstmordattentat als perverse Variante des Heldentods: Doch es gibt nach Erkenntnis der Sicherheitskräfte Hunderte von britischen Muslimen, die radikalisiert genug wären, in die Fussstapfen des Attentäters zu treten und selbst den Märtyrertod zu sterben.

Am wirksamsten helfen kann dagegen Observation und Aufklärung durch Geheimdienste und Polizei. Bisher waren sie in dieser Hinsicht ziemlich erfolgreich. In den letzten dreieinhalb Jahren, so konnte sich Mark Rowley, der Antiterrorchef der Londoner Polizei, brüsten, habe man dreizehn Terroranschläge vereiteln können. Die Kooperation mit den europäischen Kollegen hat dabei eine zentrale Rolle gespielt. Gerade wenn es um Heimkehrer aus dem Syrien-Krieg geht, ist der Informationsfluss vom Kontinent für britische Ermittler äusserst wichtig.

In dieser Hinsicht dient der Anschlag von London als eine Mahnung an die Briten, im Zuge der kommenden Brexit-Verhandlungen nicht auch den Ausstieg Grossbritanniens aus der europäischen Sicherheitsarchitektur zu riskieren. Die Zusammenarbeit beim System des Europäischen Haftbefehls etwa oder die Kooperation durch Europol wären durchaus gefährdet, sollten sich in den Verhandlungen die Hardliner durchsetzen. Vielen Brexit-Fanatikern ist etwa der Europäische Haftbefehl zutiefst verhasst, gibt er doch hoheitliche Kompetenzen an ausländische Institutionen ab.

Dabei sollten die Briten sich nur daran erinnern, wie schnell und unbürokratisch die Amtshilfe lief, als zum letzten Mal ein schwerer Terroranschlag London heimsuchte. Einer der Nachahmungstäter der Terrorattacken vom Juli 2005 flüchtete nach Italien, konnte aber rasch zurück nach Grossbritannien ausgeliefert werden. Es liege in britischem Interesse, befand kürzlich ein Report des Oberhauses, «die engstmögliche Polizei- und Sicherheitskooperation beizubehalten». (Berner Zeitung)

Erstellt: 23.03.2017, 20:01 Uhr

Jochen Wittmann
ausland@bernerzeitung.ch

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