Kassenzettel als Glückslos

Der angeschlagene EU-Anwärter Serbien will die chronisch leere Staatskasse füllen: Eine neue Staatslotterie soll die Nation der säumigen Steuerzahler zu grösserer Abgabenfreude animieren.

Eine Kassierin gibt Rückgeld: In Serbien soll eine Staatslotterie Konsumenten dazu motivieren, jeweils auch den Kassenzettel mitzunehmen.

Eine Kassierin gibt Rückgeld: In Serbien soll eine Staatslotterie Konsumenten dazu motivieren, jeweils auch den Kassenzettel mitzunehmen. Bild: GettyImages

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Noch ist Serbiens neues Glücksspiel gar nicht angelaufen. Doch schon jetzt rühren Medien und Regierungspolitiker unaufhörlich die Werbetrommel für die 2017 beginnende Steuerlotterie. «Der Staat führt euch nach New York und ins Disneyland», vermeldet freudig die Belgrader Zeitung «Blic». Fünf fiskalische Kassenzettel mit dem Vermerk der abgeführten Mehrwertsteuer sollen zur Teilnahme an dem neuen Glücksspiel berechtigen.

Während die Nation der säumigen Steuerzahler die ausgelobten Preise wie eine Wohnung in Belgrad, Autos, Reisen, TV-Geräte oder Staubsauger zum eifrigen Sammeln der Kassenbons animieren dürfte, ist den Organisatoren der Steuerlotterie vor allem am Kampf gegen die Schattenwirtschaft gelegen.

Internationale Unterstützung

Angesichts der chronisch leeren Staatssäckel hat die Regierung des angeschlagenen EU-Anwärters 2017 und 2018 zu Jahren des Kreuzzugs gegen die Schattenwirtschaft erklärt: Die neue Lotterie soll die steuersäumigen Serben dazu ermuntern, bei Einkäufen oder Dienstleitungen mehr als bisher auf Ausstellung fiskalischer Rechnungen zu beharren.

Bis 2020 solle der Anteil der Schattenwirtschaft an Serbiens Bruttosozialprodukt von derzeit 30 Prozent auf 26,5 Prozent gedrückt werden, erläutert Verwaltungsministerin Ana Brnabic das Ziel. Mit einer Erhöhung der Steuer- und Abgabenmoral könnten sich dem Staat nicht nur Milliarden an neuen Mitteln erschliessen, sondern sich auch die Qualität staatlicher Leistungen verbessern, so die Argumentation Belgrads.

Organisiert wird das Glücksspiel von der staatlichen Lotterie und Serbiens Finanzverwaltung, unterstützt wird es durch Bereitstellung der Preise auch von internationalen Partnern: Von der Weltbank und die Europäische Entwicklungsbank über die Belgrader EU-Mission bis hin zu Usaid oder der deutschen Entwicklungsgesellschaft GIZ reicht die Liste der Spender und Unterstützer.

Für die Steuerlotterie steht das Modell eines EU-Mitglieds Pate: In der Slowakei erhöhte sich das Steueraufkommen dank eines ähnlichen Projekts in vier Monaten um 500 Millionen Euro.

Sonderpreise für Gemeinden

Auch Gemeinden, deren Bürger sich als besonders eifrige «Steuerpatrioten» und Kassenzettelsammler erweisen, sollen mit Sonderpreisen bedacht werden. Doch eine langfristige Erhöhung der Steuermoral der Serben lässt wohl nur mit einer drastischen Reduzierung und Vereinfachung der Abgabenlast erreichen.

Während Belgrad ausländische Grossinvestoren gerne mit Subventionen und Steuerbefreiungen zu ködern sucht, klagen vor allem kleinere Selbstständige in Serbien über den horrenden Verwaltungswust und wirtschaftlich kaum zu stemmende Sozialabgaben, die sie oft lieber schwarz als versteuert arbeiten lassen.

Auch dass die Finanzverwaltung einige windige Industrie-kapitäne und Tycoons trotz immenser Steuerschuld ungeschoren lässt, während sie Steuerrückstände kleinerer Betriebe unbarmherzig bis in den Bankrott pfändet, erhöht keineswegs die Steuermoral. Selbst Unternehmen in Staatsbesitz taugen in Sachen Zahlmoral nur bedingt als Vorbild.

Gerade öffentliche Unternehmen nehmen es mit der Abführung der fälligen Abgaben nicht immer genau – und finden sich regelmässig in der Spitzengruppe der von den Medien publizierten Ranglisten säumiger Steuerzahler. Zumindest mit dem Aufruf zur Teilnahme an der neuen Steuerlotterie finden Serbiens sorgengeplagte Steuereintreiber offenbar Gehör.

Die Bürger sollten davon absehen, ihre gesammelten Kassenzettel schon jetzt an die Finanzverwaltung zu schicken, so der hilflose Aufruf der Lotterieorganisatoren: Das Glücksspiel beginne erst im Januar. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.10.2016, 11:07 Uhr

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