In der Industriewüste gedeiht nur der Front National

In Lothringen stehen die Bergwerke und Hochöfen seit Jahren still. Vom industriellen Niedergang profitiert einzig die französische Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen. Augenschein vor der Wahl in Hayange.

Die Hochöfen stehen still, die ehemaligen Fabriken sind verlottert: Hayange bei Lothringen hat rund 100'000 Arbeitsplätze in der Metallindustrie verloren. Davon profitiert Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen.

Die Hochöfen stehen still, die ehemaligen Fabriken sind verlottert: Hayange bei Lothringen hat rund 100'000 Arbeitsplätze in der Metallindustrie verloren. Davon profitiert Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen. Bild: Keystone

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Am Morgen ist der Tag noch lang für Joliane, die auf der Terrasse vor der «Bar du Marché» sitzt und an ihrem grünen Gläschen Weisswein nippt. Sie schaut wie ihre Freundin geradeaus und schweigt. Nur wenn man sie fragt, wie es hier früher gewesen sei, als die Hochöfen noch in Betrieb waren, kommt Leben in die Rentnerin. «Ja, da brannten die Abfackel-Flammen noch meterhoch über den Kaminen, und der Russ wurde hierher geweht. Manchmal legte sich eine winzige schwarze Schicht über Hayange.»

Heute ist der einstige Eisenpott Lothringens wieder sauber. Sauber und leer. Die riesigen Ungetüme der Eisenhütten im Osten des Ortes, sind geschlossen und rosten vor sich hin. Lothringen hat seit 1990, als das hiesige Minette-Eisenerz nicht mehr wettbewerbsfähig war, rund 100'000 Arbeitsplätze in der Metallindustrie verloren. Noch heute werden in der Branche jährlich vier Prozent Stellen abgebaut, mehr als in Frankreich, das als Industriestandort auch stark gelitten hat.

Im Westen von Hayange werden zwar noch Eisenbahnschienen hergestellt. Seitdem die indische Tata Steel das Werk 2016 an die britische Investmentfirma Greybull verkauft hat, geht dort aber auch die Angst um. Und im Stadtzentrum von Hayange hängen überall Schilder wie «à vendre» oder «à louer» – hier ein ganzes Gebäude zu verkaufen, dort Bürofläche zu vermieten.

Die einstige linke Bastillon

Dafür ist Hayingen, wie der vor hundert Jahren noch deutsche Ort einst hiess, viel sauberer geworden – und das auch aus einem anderen Grund. Neben der «Bar du Marché» droht ein grosses Plakat den Hundehaltern mit 35 Euro Busse, wenn sie den Dreck ihres Vierbeiners liegen lassen. Das ist das Werk von Fabien Engelmann, des neuen Bürgermeisters. Der 37-jährige Vertreter des Front National (FN) regiert direkt gegenüber dem Bistro in dem hässlichen vierschrötigen Rathaus. Die Fliesen sind frisch gebohnert, doch die Zeiger am hohen Uhrturm gehen falsch.

Was Joliane von Engelmann hält, will sie nicht sagen. Den Senioren-Bus, den der klein gewachsene Gewerkschafter eingerichtet hat, findet sie aber sehr bequem. Der frühere Bürgermeister, der Sozialist Philippe David, schimpft am Telefon: «Engelmann verhätschelt die Rentner!» Er muss aber zugeben: «Hayange war traditionell links, meist kommunistisch. Die Verarmung und Verelendung treibt sie in die Arme des Front National.»

Die Linke, die im roten Industrierevier seit jeher das Sagen hatte, war 2014 ohne weitere Umstände aus dem Rathaus gekippt worden, und vielleicht war sie nicht einmal schuld daran. 2011 hatten in Hayange und dem benachbarten Florange die letzten Hochöfen dichtgemacht. Ein Jahr später kamen die beiden Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy und François Hollande vorbei und liessen durchblicken, sie würden die dem indischen Stahlmagnaten Lakshmi Mittal gehörenden Öfen wieder zum Brennen bringen. Es blieb bei den Versprechen, und während sich Hollande von dem «Florange-Trauma» nie mehr erholte, wählten die Wähler von Hayange bei den nächsten Lokalwahlen erbost FN.

Polizeiaufgebot aufgestockt

Seither hat sich vieles geändert in Hayange – nicht nur in Sachen Sauberkeit. Die städtische Polizei wurde von sieben auf 15 Mann aufgestockt und mit Schäferhunden aufgerüstet. Auf dem zentralen Dorfplatz kontrollieren sie gerade eine Gruppe maghrebinischer Jugendlicher. «Recht so», findet an der Bushaltestelle eine Dame in Himmelblau. Auch der Fischhändler Serge schaut über seine Auslage zu. Er erzählt, ein Betrunkener habe die Scheibe seines Geschäftes eingeschlagen.

«Auf die Entschädigung der Versicherung warte ich immer noch. Die Arbeitslosen hier erhalten ihr Geld bedeutend schneller», meint der aus Italien zugewanderte Händler, der seit 40 Jahren im Ort Meeresprodukte feilhält. Heute bleiben allerdings die Klienten aus. «Hayange hatte mal 20'000 Einwohner, als die Minen und Hochöfen noch in Betrieb waren; jetzt sind es noch 16'000.»

Auch Metzger Izzet, seit 33 Jahren am Rathausplatz ansässig, kämpft um seine Existenz. Allerdings nicht aus Kundenmangel. Der beleibte Türke mit den Lachfältchen zeigt eine Busse über 135 Euro. «Der Bürgermeister will uns vertreiben, weil meine Metzgerei ‹halal› ist, islamkonform. Sehen Sie dort die Fenster dort oben im Rathaus? Von dort aus beobachten sie mich, und wenn ich meinen Wagen kurz im Parkierverbot vor der Metzgerei abstelle, schicken sie die Polizei.»

«Die Linke hat die Arbeiter aufgegeben»

Im ersten Stock des Rathauses freut sich Bürgermeister Engelmann: «Die beiden Hallal-Metzgereien des Ortes haben immer weniger Kunden.» Der klein gewachsene Ex-Marxist, der aus seiner Homosexualität kein Hehl macht und aus der kommunistischen Gewerkschaft CGT gefeuert wurde, als er zu den Frontisten überlief, steht zu seinen antiislamischen Initiativen.

Einmal im Jahr organisiert er ein «Fest des Schweins», bei dem Wurst und Wein auf dem Menu stehen. Dabei ist «Fabien», wie ihn viele seiner Mitbürger nennen, überzeugter Vegetarier. Er wird deshalb sogar von der Tierschützerin Brigitte Bardot unterstützt, deren Bild das Bürgermeisterbüro schmückt, neben dem Konterfei von Marine Le Pen.

Und wie kommt Engelmann von der militanten CGT zum FN? «Die Linke hat die Arbeiter aufgegeben», erklärt er. «Der Front National kämpft ebenfalls für sozialen Schutz, Service Public und Protektionismus, aber darüber hinaus auch gegen die Immigration, die zum Sozialdumping führt.»

Engelmann räumt ein, dass er auf lokaler Ebene wenig für die Arbeiter und die – 14 Prozent – Arbeitslosen im Ort tun könne. «Aber wir hoffen auf Marine Le Pen.» Tags darauf fährt der Bürgermeister mit einem Car voller Anhänger nach Metz, 30 Kilometer südlich gelegen, wo die Präsidentschaftskandidatin des FN auftritt. 4000 Anhänger sind ausser sich, wenn Le Pen gegen die «wilde Globalisierung» und deren Inkarnation, die «Finanz-EU», wettert. Sie weiss, dass hier täglich Tausende über die nahe Grenze nach Luxemburg oder Deutschland fahren, wo es noch Arbeit gibt. Aber sie bestreitet, dass sie die Grenzen schliessen wolle; sie schlägt im Gegenteil ein erleichtertes Grenzgänger-Statut vor. Das gelebte Europa ist offenbar doch nicht so schlimm.

«Intelligenten Protektionismus»

Eine Politik gegen die De-Industrialisierung Lothringens hat die FN-Chefin auch nicht anzubieten. Trotzdem lässt sie Hollande, den «Verräter von Florange», gnadenlos ausbuhen. Und sie gibt sich noch sozialer als der Sozialist, will das Rentenalter von 62 auf 60 Jahre senken und dafür neue Sozialhilfen und staatliche «Kaufkraftprämien» schaffen.

Die in den Umfragen führende Kandidatin erklärt weiter, Frankreich müsse aus dem Euro aussteigen und den Franc abwerten, um wieder eine Exportnation zu werden. Kein Wort davon, dass dies alle Importe verteuern würde - zumal Le Pen diese massiv besteuern will. «Intelligenten Protektionismus» nennt sie das, ohne zu überlegen, ob die Handelspartner Frankreichs Gegenmassnahmen ergreifen würden. Getroffen würden zuerst die einfachsten Franzosen, darunter viele FN-Wähler. Leute wie Jolaine, die nicht nach Metz gefahren ist. Warum auch – die Flammen der Hochöfen hätte dies auch nicht mehr zum Leben erweckt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 18.04.2017, 10:53 Uhr

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