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Wie sich bis zu 200 Milliarden in Luft auflösen

Von Stefan Schnyder. Aktualisiert am 07.10.2011 2 Kommentare

Lange schlossen die EU-Politiker es aus, dass es im Fall Griechenland zu einem Schuldenschnitt kommen wird. Seit Juli ist klar, dass Gläubiger mindestens 21 Prozent ihrer Guthaben verlieren. Und nun zeichnet sich ab, dass sie gar bis zu 50 Prozent abschreiben müssen.

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Eigentlich ist es das Normalste der Welt: Gerät ein Schuldner in einen Zahlungsnotstand, verliert der Gläubiger einen Teil seines Guthabens. In der Griechenland-Krise dagegen sperrten sich die Politiker der Eurozone lan-ge dagegen, dass es zu einem sogenannten Schuldenschnitt kommt. Im Juli ging es dann nicht mehr anders: Die Euroländer einigten sich mit den führenden Banken darauf, dass diese auf 21 Prozent des Nominalwertes der griechischen Staatsanleihen verzichten. Freiwillig.

Schulden von 425 Milliarden

In Zahlen ausgedrückt heisst dies: Der Besitzer von einer Staatsanleihe im Wert von 1000 Euro wird nur noch 790 Euro vom griechischen Staat zurückerhalten. Das tönt harmlos. Doch es geht um riesige Summen: Der griechische Staat hat Schulden von 354 Milliarden Euro, was 425 Milliarden Franken entspricht. So lässt sich errechnen, dass die Gläubiger bei einem Schuldenerlass in diesem Ausmass auf rund 75 Milliarden Euro verzichten müssen.

Doch viele Experten erwarten, dass es nicht dabei bleiben wird: «Ich gehe davon aus, dass die Besitzer von griechischen Staatsanleihen einen höheren Abschlag als 21 Prozent werden in Kauf nehmen müssen», sagt Credit-Suisse-Ökonom Oliver Adler. Er hält es nicht für ausgeschlossen, dass der Abschlag schliesslich zwischen 40 und 50 Prozent betragen wird. Dies würde einem Betrag von 170 bis 210 Milliarden Franken entsprechen. Adler führt zwei Begründungen für seine Annahme an: Der Markt bewerte griechische Staatsanleihen bereits heute mit Abschlägen, die in dieser Grössenordnung lägen oder gar noch grösser seien.

Dass in diese Richtung gearbeitet wird, zeigen laut Adler auch die Aussagen von Wirtschaftsministern aus Euroländern im Anschluss an den Gipfel von Anfang Woche. «Natürlich wird über eine grössere Beteiligung der Banken an dem zweiten Hilfspaket für Griechenland geredet», sagte der deut-sche Finanzminister Wolfgang Schäuble nach den Beratungen der EU-Finanzminister. Über das Ausmass des zusätzlichen Schuldenschnitts wollte er sich indes nicht äussern. Das ist bezeichnend: Über konkrete Zahlen reden die Politiker im Zusammenhang mit der Eurokrise höchst ungerne. Schon gar nicht über absolute Beträge. Zu unvorstellbar sind die Summen, um die es geht.

Das nächste Problem

Die Politiker tun sich jedoch so schwer, von den Banken ei-nen weitergehenden Schuldenschnitt zu verlangen, weil sie befürchten, dass allzu grosse Abschreiber die Banken in ihren Ländern in Schieflage bringen. Die belgisch-französische Bank Dexia musste Anfang Woche vom belgischen und französischen Staat gerettet werden. Die Bank sitzt auf griechischen Anleihen im Umfang von 4,3 Milliarden Euro, aber nur 1,8 Milliarden davon sind mit einem nach unten korrigierten Wert in der Bilanz. Dexia ist bei weitem kein Einzelfall. Die Grafik zeigt, dass französische Banken griechische Staatsanleihen im Umfang von 10Milliarden Euro in ihren Büchern haben. Bei den deutschen Banken sind es 7,6 Milliarden Euro. Deshalb betonte gestern EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, wie wichtig es sei, dass die europäischen Banken frisches Kapital erhalten. Der Internationale Währungsfonds hält eine Kapitalspritze von 200 Milliarden Euro für nötig.

Wie viel Geld die Banken benötigen, weiss niemand genau. Ein Problem liegt darin, dass die Banken die griechischen Staatsanleihen höchst unterschiedlich bewertet haben. «Die Banken haben wegen der vielen Unwägbarkeiten Bewertungsspielräume», sagte der deutsche Bilanzierungsexperte Klaus-Peter Feld gegenüber der «Financial Times Deutschland». Einige Banken schrieben die Anleihen auf den Marktwert – das heisst um bis zu 60 Prozent – ab, andere nahmen Abschreiber im Umfang von 21Prozent vor. Und schliesslich gab es Banken, die auf einem Teil der griechischen Papiere gar nichts abschrieben.

Das Feilschen beginnt

Es steht also fest, dass im Hintergrund ein Feilschen um das neue Ausmass des Kapitalschnitts begonnen hat. Viel wird darüber nicht an die Öffentlichkeit dringen. Denn den Regierungen und den Banken ist die Angelegenheit peinlich. Die Ausgangslage präsentiert sich dabei wie folgt: Fällt der Schuldenschnitt zu klein aus, dann werden die Unsicherheiten weiterbestehen, und die Gefahr eines Staatsbankrotts wird nicht abgewendet. Ist der Schuldenschnitt zu gross, dann kommen viele Banken in Schieflage. Und Griechenland wird fürs Schuldenmachen belohnt.

Erschwert werden die Verhandlungen zudem dadurch, dass alle Vereinbarungen auf Freiwilligkeit basieren. Bei der Herausgabe der Staatsanleihen schrieb der griechische Staat keine Klausel ins Kleingedruckte, wie Verhandlungen bei einem Schuldennachlass abzulaufen haben. Sogenannte «Collective Action Clauses» fehlen. Diese Klauseln bestimmen, welcher Anteil der Gläubiger zustimmen muss, damit ein Schuldenerlass für alle Gläubiger verbindlich ist. Auf der anderen Seite haben die Gläubiger durchaus einen Anreiz, freiwillig mitzumachen. Denn sonst droht im schlimmsten Fall die Zahlungsunfähigkeit Griechenlands. «Das wäre das Szenario mit den weitaus grössten Risiken für alle», sagt CS-Ökonom Oliver Adler. (Berner Zeitung)

Erstellt: 07.10.2011, 07:30 Uhr

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2 Kommentare

Kurt Dubach

08.10.2011, 10:01 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Mal diejenigen zur Kasse bitten, wo Milliarden haben (Griechen 560 Milliarden sind in Ausland Angelegt!) Antworten



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