Wie oft kannst du dein Kind begraben, ohne verrückt zu werden?
Soll ich die ersten Knochen, die gefunden werden, beerdigen oder zuwarten, bis das Skelett vollständig ist?: Mutter an der Potocary-Gedenkstätte nahe Sreberenica. (Bild: Keystone)
Gewaltige Aufgabe: Experten müssen mehr als 8100 Opfer identifizieren. (Bild: Keystone)
ICMP
Die Internationale Kommission für Vermisste Personen (ICMP) hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Schicksal Vermisster nach Kriegen und Bürgerkriegen aufzuklären. Neben der Hauptaufgabe Bosnien ist sie unter anderem im Irak, in Chile, Kolumbien und den Philippinen tätig und half auch nach dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 und der Tsunami-Katastrophe 2004 bei der Identifizierung der Opfer. Archäologen, Anthropologen und Wissenschaftler anderer forensischer Disziplinen versuchen die Überreste der Toten aufzuspüren, zu bergen und ihnen durch DNA-Vergleiche ihre Identität zurückzugeben.
Gegründet wurde die ICMP mit Sitz in Sarajevo 1996 auf Initiative des damaligen US-Präsidenten Bill Clinton beim G-7-Gipfel in Lyon. Vorsitzender war zunächst US-Staatssekretär Cyrus Vance. Heute ist es James Kimsey, Präsident der Kimsey-Stiftung. Kommissare sind unter anderen der frühere niederländische Ministerpräsident Wim Kok und Königin Nur von Jordanien. Finanziert wird die Organisation aus Zuschüssen, Spenden und Beiträgen der beteiligten Länder, darunter auch Deutschland.
Beerdigen sie also gleich die ersten Knochen, die gefunden werden? Oder warten sie, vielleicht jahrelang, bis das Skelett vollständig ist?
Viele haben sich entschieden, gleich die ersten Knochen zu bestatten. Dann wird ein weiteres Skelett-Teil entdeckt, und sie müssen das Grab wieder aufmachen. Monate später finden die Forscher ein weiteres Teil, dann noch eins - und jedes Mal, so sagen die Frauen, ist es wieder wie eine neue Beerdigung.
Die Identifizierung der sterblichen Überreste durch die Internationale Kommission für Vermisste Personen (ICMP) ist eine gewaltige Aufgabe: Mehr als 8100 Männer und Jungen wurden getötet, als im Bosnienkrieg bosnisch-serbische Einheiten im Juli 1995 die UN-Schutzzone Srebrenica überrannten.
Die Truppen des Generals Ratko Mladic verscharrten die Leichen in dutzenden Massengräbern. Unter anderem wegen dieses Massakers muss sich der damalige Präsident der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, vor dem UN-Tribunal in Den Haag verantworten. Sein Militärchef Mladic ist noch flüchtig. Neu identifizierte Überreste der Opfer werden gewöhnlich jedes Jahr am 11. Juli, dem Jahrestag des Massakers, in einer Gedenkstätte beigesetzt.
Welcher Name auf dem Grabstein?
Zehn Jahre, nachdem Habiba Masic einen Tropfen Blut zur DNA-Analyse abgegeben hatte, gelang den Fachleuten eine Identifizierung. Die Nachricht riss alle Wunden wieder auf. Der Mann im Labor teilte mit, man habe 90 Prozent der Überreste ihres Mannes gefunden. Sie seien auf vier verschiedene Massengräber verteilt gewesen. «Und die Kinder?», habe sie gefragt, erinnert sich Masic. «Der Mann sagte nichts mehr, und ich wusste, da stimmt etwas nicht.»
Man sagte ihr, von einem ihrer Buben gebe es keine Spur, doch von dem anderen sei ein kleines Teil gefunden worden. Das Problem war nur, dass sich nicht feststellen liess, von welchem. «Es hat mir den Atem verschlagen», sagt die Mutter. «Es hat mir die Sprache verschlagen.» Nun kann sie das kostbare Fragment nicht bestatten, denn was soll auf dem Grabstein stehen? Sadem Masic, 1976 - 1995? Oder Sadmir Masic, 1977 - 1995?
Albtraum für Forensiker
Während des Krieges hatten die UN das von Serben belagerte Srebrenica zur Schutzzone für Zivilpersonen erklärt. Als Mladics Soldaten die Enklave überrannten, suchten die Menschen im UN-Stützpunkt im Vorort Potocari Schutz. Die niederländischen UN-Friedenssoldaten dort waren in der Unterzahl und gaben keinen einzigen Schuss ab. Sie sahen zu, wie sämtliche Einwohner zusammengetrieben wurden. Männer und Jungen wurden weggeschleppt, erschossen und verscharrt. Um das Verbrechen zu vertuschen, öffneten serbische Soldaten später mit Bulldozern die Massengräber und schaufelten die Toten um an neue, heute «sekundäre» Massengräber genannte Plätze. Dabei wurden die Leichname in Stücke gerissen, so dass die Überreste eines Menschen auf mehrere Orten verteilt sein können.
Die ICMP habe «einen Mann an fünf verschiedenen Stellen gefunden; er kam in elf verschiedenen Leichensäcken zu uns», berichtet Kathryn Bomberger, die Leiterin der ICMP mit Sitz in Sarajevo. Sie findet, dass die gigantische Vertuschungsaktion allein schon als Kriegsverbrechen gelten sollte. Für die Wissenschaftler jedenfalls ist sie ein Albtraum. «Das ist das grösste forensische Puzzle, das es auf der ganzen Welt gibt», sagt Bomberger.
Mladic tanzt
Zu Beginn der Arbeit in Bosnien vor über einem Jahrzehnt fanden die meisten Pathologen, Anthropologen und andere Forensiker, dass sie etwas Unmögliches versuchten. Nie zuvor hatte jemand versucht, so viele Überreste zu finden, zu exhumieren, zu identifizieren und in vielen Fällen wieder zusammenzusetzen, um sie den Angehörigen zu übergeben. Doch nach und nach machten sie Fortschritte.
Beim Identifizierungsprojekt Podrinje der ICMP in Tuzla liegen reihenweise blaue und weisse Leichensäcke, 3.500 insgesamt. Jeder enthält ein paar Knochen von einem oder mehreren Opfern, die darauf warten, identifiziert und beerdigt zu werden. Hier liegen vielleicht auch Überreste von einem der Söhne der Habiba Masic. Mladic ist sich offenbar irgendwo in Serbien untergetaucht.
«Und wenn es nur ein einziger Knochen ist»
Kaum vorstellbar, dass irgendjemand Habiba Masic beneidet. Doch Rufeida Buhic tut es. Die 68-Jährige hat ihren Mann zu Kriegsbeginn verloren. Ihr 17-jähriger Sohn Razim wurde von Serben gefangengenommen, als er aus Potocari zu fliehen versuchte. Ein Überlebender berichtete ihr, Razim sei als einer der ersten erschossen worden. Seine Leiche wurde nie gefunden.
Buhic kehrte in ihr Haus zurück, wo sie vor dem Krieg zusammen gewohnt hatten. «Hier haben sie gelebt, haben gearbeitet», sagt sie. «Hier will auch ich leben.» Wenn die Nachbarn sie den ganzen Tag in Haus und Garten schuften sehen, «dann sagen sie: Du arbeitest viel zu viel. Aber ich sage ihnen: Ich bin nicht allein. Die beiden sind bei mir und helfen mir.»
Rufeida Buhic kann nachts nicht schlafen. Medikamente nützen nichts. Oft besucht sie ein Nachbarhaus, wo der Freund ihres Sohnes wohnte und wo Razim einmal gemessen hat, wie gross er ist. Sie geht dorthin, nur um sich die Kerbe im den Türrahmen anzusehen: 1,95 Meter.
Immer wieder sieht sie auf ihr Mobiltelefon. «Jedes Mal, wenn es klingelt, denke ich, sie rufen an und sagen, dass sie ihn gefunden haben», sagt die Mutter. «Und wenn es nur ein einziger Knochen ist.» (mbr/ap)
Erstellt: 10.07.2009, 14:17 Uhr
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