So gut wie ihr Vater, aber sehr viel mutiger
Von Jacqueline Hénard, Paris. Aktualisiert am 18.11.2008
Irgendwie ist es wie im Märchen. Der alte Hase der Parteipolitik kann sich wenden, wohin er will – immer hat Bertrand Delanoë eine Frau vor der Nase. Rechts Ségolène, links Martine. Was tun? Haken schlagen, eine Kunst, die er meisterhaft beherrscht, wie der Bürgermeister von Paris jetzt bewiesen hat: Er rufe seine Anhänger auf, bei der Urwahl des neuen Parteivorsitzenden «massiv» für Martine Aubry zu stimmen, schreibt er in einem Brief, der am Montagabend verschickt wurde. Tags zuvor hatte Delanoë noch mit demselben Aplomb auf der Tribüne des Parteitags erklärt, er wolle sich auf keinen Fall an den Diadochenkämpfen um den Posten des Ersten Sekretärs beteiligen. Nun also doch.
Damit hat Martine Aubry, rein rechnerisch gesehen, gute Chancen, in wenigen Tagen das Erbe von François Mitterrand, Lionel Jospin und François Hollande anzutreten. Delanoës Anhänger stellen ein Viertel der Parteimitglieder, genau wie die von Aubry. Wenn sie ein paar Stimmen bei den Parteilinken gewinnt und alle Apparatschiks, die ihr beim Kongress in Reims begeistert zugejubelt haben, in ihren Ortsverbänden fleissig um Stimmen werben, wird Aubry gewinnen – und Ségolène Royal in der zweiten Runde aus der Bahn werfen.
In Wirklichkeit sind die Dinge bei den französischen Sozialisten so verschlungen wie der Gordische Knoten. Die Parteiführung ist ein zerstrittener, untereinander verfeindeter Haufen, in dem Allianzen so schnell auseinanderfallen können, wie sie entstanden sind. Verständlich ist das nur für Insider. Denn es geht weniger um Richtungsfragen als um gewachsene Animositäten – vorwiegend unter älteren Männern, die ungern einsehen, dass sie wohl keine Aussichten mehr haben auf das Amt, das vielleicht nach dem Parteivorsitz winkt: den Posten des Staatspräsidenten, den die zwei Damen fest im Blick haben.
Ein bulliges Persönchen
Wer ist diese Martine Aubry, die sich jahrelang in ihre nordfranzösische Wahlheimat zurückgezogen hatte? Geboren ist die Bürgermeisterin von Lille in Paris, im August 1950 – vier Monate nach dem Bürgermeister von Paris, Bertrand Delanoë, der in Tunis zur Welt kam, und drei Jahre vor der Regionalpräsidentin von Poitou-Charentes, die in Dakar das Licht der Welt erblickte. Obwohl sie schon 58 Jahre alt ist, fangen viele Porträts von Martine Aubry immer noch mit der Bemerkung an, sie sei die Tochter von Jacques Delors. «Sie ist so gut wie ihr Vater», spöttelte ein Ministerkollege schon vor zehn Jahren, «aber sie ist wenigstens ein richtiger Kerl!»
Der Sozialist und ehemalige EU-Kommissionspräsident Delors war zur grossen Enttäuschung seiner Partei 1995 nicht zur Präsidentschaftswahl angetreten, obwohl er als Favorit galt. Später, 1997, wollte er Aussenminister in der Regierung des sozialistischen Premierministers Lionel Jospin werden. Das ging aber nicht, weil Jospin seine Tochter Martine zur Super-Sozialministerin bestimmt hatte. Kurze Zeit hatte Aubry eine beigeordnete Familienministerin namens Ségolène Royal unter sich, mit der sie sich schon damals herzlich schlecht verstand.
Aubry ist ein bulliges Persönchen, die manches mit der schönen Royal gemein hat. Beide sind streng katholisch erzogen worden. Beide haben die Technokratenschule ENA absolviert, die Frankreichs politische Elite stellt – Aubry mit glänzenden Ergebnissen, Royal im Mittelfeld. Beiden wird von ihren Gegnern ein ausgeprägtes Sektierertum und permanente Angst vor Verrat vorgeworfen: «Wer nicht für sie ist, ist gegen sie», heisst es über Aubry.
Nach der grossen Wahlniederlage der Sozialisten 1993 gründete sie einen politischen Verein namens «Face», der ihr rund um die Themen Armut und Ausgrenzung einen eigenen Spielraum und neue Netzwerke verschaffte. Das war zwar weniger personenbezogen und zielgerichtet als Royals Internet-Sympathievereine, trug ihr aber ganz ähnliche Kritik ein: Sie wolle bloss die Basis erobern und gegen den Parteiapparat ausspielen.
Weniger sprunghaft als Royal
Als Ministerin hat Martine Aubry französische Sozialgeschichte geschrieben – mit einem Projekt, das eigentlich von Dominique Strauss-Kahn stammt. Die 35-Stunden-Woche war seine Idee, was kaum noch jemand weiss. Die ehemalige Managerin Aubry – zwei Jahre lang war sie stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Stahlkonzerns Péchiney – hat die Arbeitszeitverkürzung bloss unerbittlich durchgefochten, zum Entsetzen ihrer Freunde in der Unternehmerschaft, die sich anfangs über die Nominierung Aubrys zur Sozialministerin gefreut hatten. Auch die Gewerkschaften waren nicht durchwegs begeistert von der Reform.
Nach der äusserst knapp gewonnenen Wahl zur Bürgermeisterin von Lille (2001) zog Martine Aubry sich aus der Regierung und der nationalen Politik zurück – ein wenig wie Royal, die sich nach der verlorenen Präsidentschaftswahl nicht für die Nationalversammlung aufstellen liess. In Lille, der alten, krisengeschüttelten Arbeiterstadt, machte Aubry Kärrnerarbeit mit höherem Ziel. Die Wiederwahl im März dieses Jahres geriet zum Triumph (66 Prozent), auch dank eines Zweckbündnisses mit den Zentristen. Der Stimmenanteil bei der Bürgermeisterwahl ist unter französischen Verhältnissen so etwas wie das Mass für das Gewicht, das ein Politiker auf nationaler Ebene beanspruchen kann.
Aubry ist weniger sprunghaft als Royal. Ihre Flirts mit der Zivilgesellschaft sind vergessen und verziehen. Der Apparat der Partei, die zu grossen Teilen aus Berufspolitikern besteht, glaubt ihr gern, dass sie die linke Tradition aufrechterhalten, Programmarbeit alten Stils machen und die Sozialisten nicht zu einem modernen Sympathisantenverein umkrempeln will. Das ist Aubrys Chance. Ob diese Linie die Sozialisten vor dem Niedergang retten kann, steht auf einem anderen Blatt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.11.2008, 21:29 Uhr
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