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«Sex ist ein Ausleben von Macht»

Von Nina Merli. Aktualisiert am 16.08.2011 32 Kommentare

Mit CDU-Politiker Christian von Boetticher hat nun auch Deutschland seinen Politiker-Sex-Skandal. Was ist los mit den Machtmännern? Ein Experte erklärt, warum sie sich derart kopflos benehmen.

1/11 Christian von Boetticher
Der CDU-Politiker Christian von Boetticher wischt sich am Sonntag (14.08.11) in Kiel bei der Bekanntgabe seines Rücktritts mit einem Taschentuch eine Träne aus dem Auge: Er verzichtet wegen einer früheren Beziehung zu einer Minderjährigen auf Parteivorsitz und Spitzenkandidatur.
Bild: Keystone

   

Politik-Psychologe Dr. Thomas Kliche (Hochschule Stendal, D).

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Versuchte Vergewaltigung, Umgang mit Prostituierten, Sex mit einer Minderjährigen oder wilde Sex-Orgien – Politiker scheinen dieses Jahr nichts auszulassen, was ihrer Karriere schaden könnte. Nach Dominique Strauss-Kahn, Silvio Berlusconi, Anthony Weiner ist nun ein weiterer Politiker in die Libido-Falle getappt: Der Deutsche CDU-Politiker Christian von Boetticher hatte über die Social-Media-Plattform Facebook eine heute 17-jährige junge Frau kennengelernt und eine Affäre mit ihr begonnen – diese «Amour fou» hat ihn nun seine politische Karriere gekostet, am Sonntag gab von Boetticher unter Tränen seinen Rücktritt bekannt.

Bernerzeitung.ch/Newsnet sprach mit Politikpsychologe Thomas Kliche.

DSK, Anthony Weiner, Silvio Berlusconi und zuletzt von Boetticher – die Liste von mächtigen Männern, die sich kopflos benehmen, ist lang. Warum benehmen sich intelligente Männer derart «unvernünftig»?
Sie träumen von ewiger Jugend. Das Alter rückt nahe, sie haben die Macht gekostet, alles ist ihnen gelungen, aber der Körper schrumpelt. Sex ist ein Ausleben von Macht, das einen besonderen Traum gestattet: attraktiv zu sein oder jedenfalls sich als Partner so attraktiv machen zu können, dass schnuckelige Frauen Interesse finden. Also die jungen Männer auszustechen, die so viel muskulöser, geschmeidiger und potenter sind. Und das kann man bei der Gelegenheit auch noch teilweise öffentlich machen, wie Berlusconi es zur Image-Pflege zu nutzen versucht hat. Nebenbei: Da spielen auch immer andere Motive mit. Berlusconi hat mit seinen Orgien ja eine ganze politische Kaste unter seinen Einfluss gebracht, also erpressbar gemacht – ganz machttaktisch, ganz rational.

Weiner und jetzt auch von Boetticher haben gemeinsam, dass sie Social-Media-Plattformen genutzt haben, um Frauen kennenzulernen. Aber ist nicht gerade das Internet eine «Gefahrenzone», weil man digitale Spuren hinterlässt?
Politiker nutzen diese Plattformen zur Eigenwerbung und zur Orientierung, wie die Menschen so ticken. Die Spuren sind dabei unproblematisch, solange sie sich ausserhalb der Elektronik korrekt aufführen.

Hat die virtuelle Welt einen realitätsverzerrenden Einfluss?
Aber ja, drastisch und schleichend. Kinder, die mehr fernsehen, haben weniger Fantasie, Problemlösungsfähigkeiten, soziale Kompetenzen und Einfühlungsvermögen. Jede Stunde im Internet hält uns von realen Kontakten und Erfahrungen ab, die ungleich komplexer sind. Zugleich sind wir im Internet dem Selbstbetrug und Betrug unseres Gegenübers erst mal ausgeliefert, weil dieser die Selbstdarstellung dosiert und ausfüllt, ohne dass wir viel korrigieren oder prüfen können.

Kommt es eigentlich oft vor, dass mächtige Männer mit sehr jungen Frauen ein Verhältnis haben? Gibt es dazu eine psychologische Erklärung?
Das kommt und kam immer vor. Kindheit und Jugend sind als kultureller Schutzraum von der bürgerlichen Gesellschaft des 17. und 18. Jahrhunderts entwickelt worden. Im Mittelalter wurden Frauen weit früher verheiratet als heute. Die Gesellschaft unterstellt in solchen Fällen heute einen Tausch von Status gegen Attraktivität, und das stimmt auch mit der evolutionspsychologischen Deutung überein. Die stützt sich z. B. auf die Silberrücken-Beziehungen bei Primaten. Das ist aber etwas einfältig und verfehlt die Komplexität und die kulturelle Bedeutung von Beziehungen. Tatsächlich gewinnen beide Seiten auch an Identität, sie bewerkstelligen Gender. Der Mann zeigt seine Fähigkeit, sein Nahfeld zu kontrollieren, die Frau kann gerade in der Zuwendung eines erfahrenen Mächtigen erleben, dass sie als Mensch so reich ist, dem anderen etwas zu geben.

Ein weiteres «Muster», das auffällt, ist das öffentliche Reue- und Schuldbekenntnis wie etwa im Fall von Weiner oder zuletzt von Boetticher. Ist das der heutige Weg, um sich zu rehabilitieren?
Die Schuldbekenntnisse nützen wenig, wenn zwei Eindrücke bleiben wie bei von Boetticher: Erstens kann es sich um Überwältigung handeln, wenn ein ressourcen- und einflussreicher Mensch einen jungen, unerfahrenen Menschen mit seinen sozialen Kompetenzen herumkriegt. Zweitens weist die Benutzung anderer Menschen auf mangelnde Integrität hin. Wenn sich einer von einer angeblichen Liebe trennt, weil die politische Karriere lockt, wie von Boetticher 2010, dann kann die Liebe nicht so gross sein.

Welche Chancen hat ein Politiker, sich nach einem derartigen Skandal wieder in die Arbeitswelt zu integrieren?
Kommt auf den Einzelfall an. Die Führungsetagen und auch die Politik haben enorm viele unterschiedliche Rollen, nur wenige sind öffentlich. Von den meisten hochkarätigen, fleissigen Abgeordneten und ihrer Bienenarbeit in den Ausschüssen erfahren wir fast nie etwas. Also der Umweg über professionelle Kompetenzen und Spezialwissen.

Sind mächtige Männer generell risikofreudiger?
Sie haben ihr Leben lang am Erfolg gelernt: Du schaffst das! Ihre Selbstwirksamkeitserwartung ist extrem hoch, sie haben viele Verbündete und Handlungsmöglichkeiten. Mitunter sind sie schon krumme Wege gegangen, und keiner hat sie aufgehalten. Diese Erfahrungen können zu dramatischer Selbstüberschätzung führen. Das sagt schon Hegel: Der Herr wird dumm, der Knecht entwickelt sich.

Wie viel Narzissmus spielt in unüberlegtem Handeln mit?
Narzissmus spielt in jeder Art Handlung der Mächtigen mit. Sie pfuschen gern mal im Schicksal anderer Menschen herum, am liebsten, ohne sich verantworten zu müssen. Da stehen Politiker noch am ehesten unter einer ziemlich lückenlosen Daueraufsicht der Medien. Am schlimmsten ist Narzissmus, wo er mit technischer Effizienz einhergeht und sich als Problemlösungskompetenz tarnt. Wie unmenschlich werden Spekulanten, wenn die Getreide- oder Wasserpreise explodieren? Sie sind moralisch kalt, die einzige Leidenschaft hinter ihrem Handeln ist Gier, aber sie handeln nicht unüberlegt.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.08.2011, 15:35 Uhr

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32 Kommentare

Frederick Wenck

16.08.2011, 16:09 Uhr
Melden 49 Empfehlung

Was ''was ist los mit den Machtmännern''- was soll diese Frage?
Dass einem Mann ein hübsches junges Mädchen gefällt ist das natürlichste der Welt.
Antworten


Gero Rubli

16.08.2011, 16:44 Uhr
Melden 25 Empfehlung

Ein einfältiger Artikel und erst recht die Bildstrecke, in denen eine einvernehmliche Liebesbeziehung mit einer jungen Frau (Boetticher), Vergewaltigungs- und Belästigungsvorwürfe (DSK, Weiner) und politische Schauprozesse (Anwar Ibrahim) in denselben Topf geworfen werden. Antworten




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