Schweden in Angst und Schrecken
Von Bruno Kaufmann, Stockholm. Aktualisiert am 13.12.2010 3 Kommentare
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Das Szenario ist der Albtraum jeder modernen Gesellschaft: Ein mit Sprengsätzen und Splitterbomben ausgerüsteter Selbstmordattentäter fährt ins Stadtzentrum. Er parkiert sein Auto, in das er Gasflaschen geladen hat, in einer Nebenstrasse zur gut frequentierten Einkaufsstrasse Drottingsgatan, steigt aus und zündet aus einiger Distanz ein paar Sprengsätze. Das Auto geht in Flammen auf und lenkt Passanten und herbeieilende Sicherheitskräfte ab.
Dann erblickt der Attentäter eine grössere Menschenansammlung vor einem Einkaufszentrum. Doch bevor er diese erreicht, geht etwas schief und ein Sprengsatz, den er auf sich trägt, explodiert frühzeitig. Der junge Mann fällt auf den schneebedeckten Boden und stirbt. Die schwedische Hauptstadt Stockholm ist ganz knapp einem schweren Terrorattentat entkommen: «Dieses Attentat hätte Hunderte von Menschen das Leben kosten können», ist Bo Janzon, der Terrorismusexperte im schwedischen Verteidigungsministerium, überzeugt: «Wir hatten riesiges Glück.»
Reinfeldt: «Nur keine Panik»
Die Beinahe-Terrorkatastrophe erschüttert Schweden. Ein Land, das wegen seiner Neutralitätspolitik und der Bereitschaft, Flüchtlingen aus der ganzen Welt eine Zufluchtsstätte zu bieten, bislang nicht direkt von solchen Anschlägen betroffen war. Ein Land auch, das sich bislang nicht von den Heissspornen in verschiedenen politischen Lagern anstecken liess – und damit nationalkonservativen und extremreligiösen Kreisen Vorschub leistete. «Wir dürfen jetzt nicht in Panik verfallen», sagte der konservative schwedische Ministerpräsident Frederik Reinfeldt am Sonntagabend und forderte die Schweden auf, «zunächst die Ergebnisse der Untersuchungen abzuwarten und den Behörden die nötige Zeit zu geben». Die schwedische Polizei bestätigte am Sonntag zunächst nur den Ablauf der dramatischen Ereignisse: «Über die Hintergründe dieser Tat können wir noch nichts sagen», betonte Polizeisprecher Jonas Svensson an einer Medienorientierung.
Gleichzeitig verdichtete sich die Informationslage in verschiedenen Medien und auch Internetseiten: So soll es sich beim Selbstmordattentäter um einen 29 Jahre alten Exil-Iraker handeln, der zu Beginn der 1990er-Jahre mit seinen Eltern nach Schweden flüchtete.
In Grossbritannien ausgebildet?
Nach Aussagen von Bekannten entwickelte dieser nach einem Besuch an einer Koranschule in Grossbritannien eine extremreligiöse Haltung, die zunehmend in Hass gegenüber der westlichen Gesellschaft umschlug. Auf der eigenen Facebook-Seite kündigte er seine Tat zudem schon vor Wochen in immer deutlicheren Worten an: «Gott nimm mein Leben, wenn Du mit mir zufrieden bist», schrieb er vor kurzem und bekannte sich anschliessend zum Jihad, dem «heiligen Krieg» auf den sich unter anderem auch das Terrornetzwerk al-Qaida beruft. In einer Tonmitteilung, die er am Samstag wenige Minuten vor den Explosionen in der schwedischen Innenstadt an die schwedische Nachrichtenagentur TT sandte, machte er die «gottlose Politik Schwedens in Afghanistan» und das Verhalten des Landes in der Frage der «Mohammedkarikaturen» für die Tat verantwortlich.
«Widerstand leisten»
Der relativ glimpflich verlaufene Attentatsversuch schürt in Schweden Ängste: zum einen, dass sich hinter der Tat nicht nur ein gestörter junger Mann versteckt, sondern ein nationales oder internationales Terrornetzwerk. Aber auch die Angst, dass auch Schwedens populistische und extremistische Kräfte im Fahrwasser einer gehässigen Debatte die Oberhand gewinnen könnten und die Demokratie nachhaltigen Schaden erleiden würde.
Kein anderes Land in Europa und Nordamerika hat in den letzten Jahren mehr Kriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika aufgenommen als Schweden. Eine erste Kostprobe für die neue Tonlage lieferten am Sonntagabend die seit Oktober im Parlament vertretenen Schwedendemokraten: In einem Communiqué machte die rechtspopulistische Gruppierung den «verantwortungslosen Multikulturalismus» für das Selbstmordattentat mitverantwortlich – und die schwedische Gesellschaft wurde aufgefordert «Widerstand gegen die muslimische Gefahr» zu leisten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.12.2010, 22:34 Uhr
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3 Kommentare
"Populistische" und "extremistische" Kräfte gewinnen nur dann die Oberhand, wenn Probleme von den bestehenden Machthabern verschlafen oder verdrängt werden. Schlussendlich ist das genau die Funktion der Demokratie als Korrektiv. Diese Bewegung findet z.Z. in vielen Ländern statt. Antworten
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