Ausland

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Russlands Elite kehrt dem Land den Rücken

Von David Nauer, Moskau. Aktualisiert am 15.02.2009 4 Kommentare

Wieder einmal verlassen viele reiche und kluge Russen die Heimat. Auch das ist eine Folge der Finanzkrise. Aber sie denken an Rückkehr.

Vor kurzem haben sie noch gefeiert, jetzt denken junge Reiche ans Auswandern.

Vor kurzem haben sie noch gefeiert, jetzt denken junge Reiche ans Auswandern.

Unter Lenin, unter Jelzin, unter Putin. Russland war und bleibt ein Auswanderungsland. Soziologen haben die Emigrationsschübe nummeriert. In den letzten Jahren schwappte die sogenannte Fünfte Welle aus dem Land. Jetzt, da die Wirtschaftskrise Russland besonders hart trifft, könnte der Strom der Aussiedler noch mehr anschwellen.

Ein typischer Fall ist vielleicht der 32-jährige Geschäftsmann Andrei Tschernow. Er hatte in Moskau eine Consulting-Firma aufgebaut, musste sie aber wegen der Krise schliessen. Jetzt plant er die Emigration nach Grossbritannien. «In Russland gibt es in den nächsten zehn Jahren weder Karriere noch Geld», sagte er Journalisten der «Nowie Iswestija». Und falls das Leben in der Fremde nicht klappt – halb so schlimm. «Ich kann ja jederzeit nach Russland zurückkehren.»

Am liebsten mehrere Wohnsitze

Auswanderer Tschernow spricht damit einen wichtigen Unterschied zu früheren Emigrationswellen an. Während sowjetische Dissidenten sich in der Regel für immer verabschiedeten, behalten viele neurussische Emigranten enge Verbindungen zur Heimat. Manche melden ihre Ausreise bei den Behörden nicht einmal und bleiben so auf dem Papier Bewohner Russlands. Andere haben – wenn es die Mittel erlauben – mehrere Wohnsitze. Eine Wohnung in Moskau, eine in New York, London oder Zürich.

Der Soziologe Nikita Mkrtschjan schätzt, dass seit Ausbruch der Krise «mehrere Zehntausend» Russen der Heimat den Rücken gekehrt haben. Dazu kämen noch einige Tausend Unternehmer, die ihr Business ins Ausland verlagert haben. Offizielle Zahlen gibt es kaum.

Die «Nowaja Gaseta» kam nach einer Untersuchung zum Schluss, dass in den vergangenen fünf Jahren 440 000 Russen ausgewandert sind. Das sind freilich deutlich weniger wie zu Beginn der 90er-Jahre, als 1,5 Millionen Menschen emigrierten. Nicht verändert haben sich die beliebtesten Zielländer. Spitzenreiter sind die USA, gefolgt von Deutschland und Kanada. Superreiche und Studenten zieht es vor allem nach Grossbritannien. In der Schweiz leben rund 7600 russische Staatsangehörige. Tendenz: stark steigend. Michail Deljagin, Direktor des «Instituts für Probleme der Globalisierung», spricht von einer «stillen Emigration», die statistisch schwer zu erfassen sei. «Eine Katastrophe ist sie trotzdem», sagt Deljagin. Denn der Aderlass führe zu einer «Degradierung» der Gesellschaft.

Eine Umfrage des renommierten Lewada-Zentrums zeigt, dass 15 Prozent der Russen ans Auswandern denken. Unter Unternehmern (35 Prozent) und Managern (25 Prozent) ist dieser Anteil aber deutlich höher. Am besten gefällt es Polizisten und Profisoldaten in Russland. Nur gerade ein Prozent von ihnen hat Emigrationsgelüste.

Die Motive, das Land zu verlassen, sind verschieden. Russische Ingenieure, Wissenschaftler oder Informatiker wandern aus, weil sie im Westen mehr verdienen. Andere haben genug von Beamtenwillkür, stetiger Unsicherheit und dem autoritären Staatssystem. Ein reicher Moskauer Rohstoffhändler bestätigt dies. Er sucht sich einen Zweitwohnsitz in Tschechien oder Zypern. «Man weiss ja nie, was in Russland alles noch passiert.»

Auch politische Emigration

Auch die politische Emigration ist nicht zum Stillstand gekommen. Zahlreiche Journalisten, Unternehmer und Politiker, die sich mächtige Feinde gemacht haben, leben nicht mehr in Russland. Darunter sind so schillernde Figuren wie der Oligarch Boris Beresowski, der sich nach London absetzte. Aber auch der Journalist Sawik Schuster, der einst am russischen Fernsehen die Diskussionssendung «Freiheit des Wortes» moderiert hat – und seit der Gleichschaltung in der Ukraine arbeitet.

Kreml-Kritiker verweisen gerne darauf, dass selbst Spitzenbeamte sich stets ein Hintertürchen offen halten. «Sobald sie können, kaufen sie im Ausland eine Immobilie», sagt die Ökonomin Irina Jasina.

Allerdings: Trotz der steten Abwanderung ist Russland auch ein Einwanderungsland. Ein staatliches Programm, welches ethnische Russen aus den einstigen Bruderrepubliken in die historische Heimat hätte locken sollen, scheiterte zwar. Statt Zehntausenden kamen nur wenige Hundert.

Dafür strömten in den Jahren des Ölbooms bis zu zehn Millionen Gastarbeiter nach Russland, hauptsächlich aus Zentralasien und dem Kaukasus. Die meisten von ihnen sind schlecht ausgebildet – und arbeiten für Minimallöhne auf Baustellen, als Strassenwischer oder als Verkäufer.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2009, 21:19 Uhr

4

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

4 Kommentare

Walter Krauer

16.02.2009, 02:45 Uhr
Melden

Wir warten es ab. In westlichen Kommentaren wird von einem Aufschwung in 1 - 2 Jahren spekuliert. Sicher ist dass Rohstoffe jeder Art wieder teuren werden, dann wird Russlands Chance in der Wirtschaft wieder stark genug sein und sich neue Ziele setzen. Auch in Amerika wird diese Krise tiefe Spuren hinterlassen in den nächsten Jahren und deswegen die No1 an der Weltspitze abgeben müssen ! Antworten


Rolf aenushänslin

16.02.2009, 13:11 Uhr
Melden

@Walter Krauer: Bei der USB wäre für diese Schmarotzer noch eine Stelle frei.Tyja, die Ratten verlassen das sinkende und stinkende Schiff. Diese Schikimicki hat noch nie im Leben gearbeitet. Die sollte man nach Afghanistan oder den Irak schicken, als Kanonenfutter.Wetten, dass die nicht mal schiessen können, diese dämlichen Kreaturen. Antworten




FÜR IHRE FREIZEIT

Für Ausgehtipps in der Region, nutzen Sie einfach unsere Agenda.

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!