«Mit Verlaub, Herr Präsident, Sie sind ein Arschloch»
Von Holger Mehlig, AP. Aktualisiert am 25.03.2009 19 Kommentare
«Kabinettsgrufti», «Cheflügner», «Giftspritze», «Parlamentskasper» oder «Hampelmann» waren noch die milderen Ausdrücke, die sich die Parlamentarier im deutschen Bundestag in den letzten sechs Jahrzehnten gegenseitig an den Kopf warfen. In hochemotionalen Debatten beschimpften sie sich auch als «Mini-Goebbels», «Selbstbefriediger», «Drecksack», «Zuhälter», «Demagoge», «Kriegstreiber» und «Arschloch». Zimperlich gingen die Volksvertreter noch nie miteinander um.
240'000 Seiten Steno-Notizen ausgewertet
Nachzulesen ist das im «Parlamentarischen Schimpfbuch» von Günter Pursch, das am Montag in Berlin vorgestellt wurde - passend zum 60. Geburtstag des Bundestags in diesem Jahr. Herausgeber Pursch, Jahrgang 1947, wählte dafür aus rund 240’000 Seiten der stenografischen Wortprotokolle aller Plenarsitzungen des Bundestags die witzigsten und pikantesten Angriffe aus.
Glücklicherweise stünden die Protokolle mittlerweile auch digital zur Verfügung, erzählte Pursch, der von 1972 bis 1987 Referent in der Unions-Bundestagsfraktion war und danach bei der Wochenzeitung «Das Parlament» arbeitete. Er habe eine entsprechende Suchmaske entwickelt, die ihm bei der Auswahl half.
Wehner als «grösster Schimpfbold»
Wer sich das Buch anguckt, könnte meinen, Bundestagsdebatten seien witzig, ironisch und voller rhetorischer Finessen. Es ist aber eben nur ein hochkomprimierter Querschnitt aus 60 Jahren: Dokumentiert sind sowohl legendäre Ausbrüche wie der des damaligen Grünen-Abgeordneten Joschka Fischer, der Vizepräsident Stücklen als «Arschloch» bezeichnet, als er des Saals verwiesen wurde, aber auch Spitzen weniger bekannter Hinterbänkler.
«Grösster Schimpfbold» des Parlaments sei Herbert Wehner gewesen, erzählte Pursch. 58 Ordnungsrufe der Parlamentspräsidenten habe der SPD-Politiker zwischen 1949 und 1982 erhalten. Ottmar Schreiner, ebenfalls aus der SPD, liegt mit 40 Ordnungsrufen auf Rang zwei vor Joschka Fischer mit zwölf.
Der ebenfalls als grosser Schimpfer verschriene Franz Josef Strauss habe dagegen lediglich einen Ordnungsruf bekommen. Überhaupt sei das bürgerliche Lager «vornehmer» gewesen. Mit Stand Januar 2009 habe die Union 19 Prozent aller Ordnungsrufe erhalten, die FDP hätte die Fünf-Prozent-Hürde in dieser Disziplin nicht übersprungen, sagte Pursch.
Früher emotionaler und härter
Tendenziell sei es früher im Parlament emotionaler und härter zugegangen, meinte Pursch. Im ersten Bundestag habe es noch 159 Ordnungsrufe und gar 17 Sitzungsausschlüsse gegeben, in dieser Wahlperiode dagegen erst drei Ordnungsrufe.
Das liege aber auch daran, dass es zu Zeiten Grosser Koalitionen weniger emotional zugehe, auch bei der ersten schwarz-roten Regierung 1966 bis 1969 habe sich das gezeigt, erläuterte Pursch. Zudem wirkten viele Aussagen heute anders als früher nicht mehr beleidigend. Das Wort «geil» beispielsweise werde heutzutage nicht mehr gerügt. Darüber hinaus besänftigten die Parlamentspräsidenten heute eher und fragten den Redner erst einmal, ob er sich nicht entschuldigen wolle.
Das 304 Seiten starke Buch «Das parlamentarische Schimpfbuch» ist im Herbig Verlag erschienen (ISBN: 978-3-7766-2594-3). Es kostet 19,95 Euro. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.03.2009, 16:00 Uhr
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19 Kommentare
Die einen sagen, in einer Demokratie muss eine Streitkultur herrschen. So kommen verschiedene Meinungen auch zum Ausdruck. Bis jetzt hat dies noch niemanden geschadet, wenn Politiker sich gegenseitig die Meinung sagen. Nur darf man die Frage stellen, sollte dies nicht ein wenig auch gesittet möglich sein. Früher sagte man, so etwas lernt man schon in der Kinderstube. Und ist dies wirklich so. Antworten
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