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Kindsmissbrauch in der katholischen Kirche: Ein Opfer berichtet

Aktualisiert am 10.02.2010 9 Kommentare

Der Missbrauchsskandal am katholischen Canisius-Gymnasium in Deutschland zieht weitere Kreise. Der Bericht eines Mannes, der im Alter von 15 Jahren von einem Priester sexuell missbraucht wurde, rüttelt auf.

Hier geschahen die Missbrauchsfälle: Das Canisius-Kollegium in Berlin

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Markus Zedlitz, so sein Pseudonym, erzählt der «Frankfurter Rundschau» seine Geschichte sehr eindrücklich und ermöglicht so einen Einblick in die Mechanismen, die Täter anwenden, um sich in das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen zu erschleichen. Aber auch die Rolle der Kirche, oder eher ihr Desinteresse, dem Missbrauchsopfer zu helfen, schockiert.

Jedes Kind will Beachtung

Als drittes von vier Kindern fühlt sich Zedlitz zwar nicht vernachlässigt, sehnt sich in seiner grossen Familie aber doch nach mehr Anerkennung. Diese sucht er in der Kirche, wo er sich als Messdiener und als Lektor – als Vorleser aus der Bibel – engagiert.

Als er 14 Jahre alt ist, kommt ein neuer Diakon in die Gemeinde, ein etwa 30-jähriger Theologe in praktischer Ausbildung. Das jugendliche Auftreten des Diakons beeindruckt den Teenager. Besonders ihn scheint er in sein Herz geschlossen zu haben, er lädt ihn zu sich nach Hause ein und behandelt ihn wie einen Gleichaltrigen, und gewinnt so nach und nach das Vertrauen des Jugendlichen.

Irgendwann beginnt er ihn in die Stadt ins Theater oder in die Oper einzuladen. Natürlich zahlt der Diakon immer alles: die Fahrten mit dem Auto, die Eintrittskarten. Zedlitz fühlt sich ernst genommen. «Endlich war ich mal etwas ganz Besonderes», sagt er.

Gemeinsame, schmutzige Geheimnisse

Eines Tages nimmt ihn der Diakon bei einem ihrer Besuche in der anonymen Grossstadt in Pornoläden mit. Er zeigte ihm verharmlosend sogenannte «Gazetten», wie er die Hefte mit nackten Knaben nennt. Obwohl Zedlitz nicht wohl ist in seiner Haut, täuscht er Interesse vor - und sitzt damit in einer Falle.

Denn jetzt haben sie ein gemeinsames Geheimnis, wie die «Frankfurter Rundschau» berichtet. Er weiss von der Vorliebe des Diakons für Pornos und für Knaben. Und es bleibt etwas, das er niemandem erzählen kann, weil er von der Anerkennung und Zuwendung des Diakons abhängig geworden ist.

Missbrauch unter dem Kruzifix

Nach kurzer Zeit zieht der Diakon weg und erhält eine eigene Pfarrei. Der Kontakt zwischen ihm und Zedlitz bleibt bestehen. Der Priester lädt den Jugendlichen zu sich ein und sie feiern das Wiedersehen mit viel Alkohol. Nachdem er den Fünfzehnjährigen mit Cognac abgefüllt hat, nimmt er ihn zu sich aufs Zimmer und zwingt den betrunkenen Jungen ihn unter einem Kruzifix, das neben Bildern von nackten Männern hängt, mit der Hand zu befriedigen.

Am nächsten Morgen kann er sein Opfer nicht schnell genug loswerden. Er fährt ihn an die nächste Hauptstrasse, von wo aus er ihn nach Hause trampen lässt. Zedlitz: «Ich fühlte mich schmutzig, schlecht, und ich schämte mich. Niemandem erzählte ich von dem Geschehen, auch meinen Eltern nicht. Ich dachte mir, es sei Teil eines unausgesprochenen Deals gewesen: Der Pfarrer hatte mir Zuwendung und Aufmerksamkeit gegeben, und dafür musste ich nun den abscheulichen Preis zahlen.»

Erst nach 25 Jahren gelingt dem Opfer eine Aufarbeitung

Markus Zedlitz versucht das Geschehene zu verdrängen. Doch das gelingt ihm nicht. Es geht ihm nicht gut, er fühlt sich rastlos, hat Minderwertigkeitsgefühle, Schlafstörungen und Depressionen.

Der «Frankfurter Rundschau» erzählt er, wie er sich erst rund 25 Jahre später einem Arzt anvertrauen kann. Dieser rät ihm, nicht zu schweigen. Zedlitz folgt seinem Rat und zeigt den Täter an. Und zwar bei der Polizei und beim Bistum Münster. Der Täter gesteht die Tat, wird vom Dienst suspendiert worden und zieht fort.

Die unrühmliche Rolle der katholischen Kirche

Zedlitz hört nie ein Wort des Bedauerns oder der Entschuldigung vom Täter und will eine Wiedergutmachung – obwohl die Tat im juristischen Sinne verjährt ist. Er wendet sich an die katholische Kirche und erhält vom Bistum Münster die Antwort, dass an eine Wiedergutmachung nicht zu denken sei und eine finanzielle Leistung «kein adäquates Mittel im Sinne einer Wiedergutmachung darstellen» könne. Ausserdem sei das Bistum nicht mehr zuständig, weil der Pfarrer jetzt in Süddeutschland lebe.

Daraufhin wendet sich Zedlitz an das zuständige Bistum Rottenburg und hat mehr Erfolg: Der Priester zahlt ihm im Rahmen eines Opfer-Täter-Ausgleichs eine kleine Entschädigung. Zedlitz betont: «Es ging mir nicht ums Geld, es ging mir um meine Ehre.» Aus der katholischen Kirche ist er inzwischen ausgetreten.

Markus Zedlitz hat seinen Missbrauch in einem Buch festgehalten: «Zerrbilder». Heimdall Verlag in Rheine 2010. 176 S., 11,50 Euro. (mt)

Erstellt: 10.02.2010, 20:30 Uhr

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9 Kommentare

Daniela Meierhofer

10.02.2010, 16:56 Uhr
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Die Gesellschaft tut sich schwer mit dem Kinderschutz, versteckt sich hinter der sog. elterlichen Gewalt, um nicht handeln zu muessen. Entsprechend geheuchelt ist das Erstaunen, wenn diese missbrauchten Kinder zu Straftaetern werden, bevor sie erwachsen sind. Wir alle wissen um den taeglich stattfindenden Missbrauch, eine Gesellschaft, die das toleriert, ist widerlich und dreckig. Taetersympathie. Antworten


Fritz Schär

10.02.2010, 18:11 Uhr
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Wann endlich hört die katholische Kirche mit dem mittelalterlichen und unmenschlichen Zölibat auf? Warum sträuben sich die Gläubigen nicht gegen die absolute Diktatur des Vatikans und dessen obersten Chef? All diese Verfehlungen sind die Folge von diesem System!! Antworten



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