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Kaukasus-Krise: «Die Russen trifft keine Schuld»

Interview: Claudio Habicht. Aktualisiert am 27.08.2008

Die Angst wächst: Der Westen fürchtet, Russland werde bald die Ukraine und die baltischen Staaten drangsalieren. Alles falsch, meint der Osteuropa-Kenner Alexander Rahr im Interview mit Bernerzeitung.ch/Newsnet.

Nach dem Sieg über Georgien: Russische Panzer auf dem Rückzug.

Nach dem Sieg über Georgien: Russische Panzer auf dem Rückzug.
Bild: Keystone

«Europa muss hinsichtlich Russland endlich umdenken»: Alexander Rahr.

«Europa muss hinsichtlich Russland endlich umdenken»: Alexander Rahr.

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Info-Box

Alexander Rahr ist Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Aussenpolitik. Er hat mehrere Bücher über Russland verfasst: Biographien von Michail Gorbatschow (1986) und Wladimir Putin (2000) sowie das Buch «Russland gibt Gas – die Rückkehr einer Weltmacht», das 2008 erschien.

Der russische Präsident Dmitri Medwedew hat gestern die abtrünnigen georgischen Teilrepubliken Südossetien und Abchasien als unabhängige Staaten anerkannt. Bedroht der russische Konfrontationskurs Europa?
Nein. Ich würde die Lage nicht dramatisieren, obwohl die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen das letzte Mal 1979 so schlecht waren. Damals marschierten russische Truppen in Afghanistan ein. Der Unterschied: Dieses Mal trifft Russland keine Schuld. Den ersten Schuss hat schliesslich der georgische Präsident Michail Saakaschwili abgefeuert, als er die abtrünnige Teilrepublik Südossetien zurückerobern wollte. Er hat versucht, die prorussischen Südossetier zu verjagen. Es geht Russland heute nicht darum, im Kaukasus wieder ein Imperium aufzubauen.

Heisst das, der Konflikt wird bald vorbei sein?
Rhetorisch werden die Auseinandersetzungen sicher noch heftiger geführt werden, da Saakaschwili ein enger Verbündeter der USA ist. Zudem ist in den USA Wahlkampf: McCain wird versuchen, sich gegenüber seinem Herausforderer Barack Obama als aussenpolitischer Hardliner zu profilieren. Mit der Zeit wird aber Gras über den Konflikt wachsen.

Warum schlagen die europäischen Regierungen dann so heftig Alarm?
Europa muss hinsichtlich Russland endlich umdenken. Nachdem Georgien bereits zum zweiten Mal einen Bürgerkrieg in Südossetien angezettelt hat, halte ich es für unmoralisch, dass die Europäer wieder den alten Status Quo herstellen wollen. Man denke nur an Kosovo: Dort haben die Europäer – wie die Russen in Südossetien – ebenfalls das Völkerrecht gebrochen. Aber es wäre niemandem in den Sinn gekommen, Kosovo wieder zu Serbien zu schlagen.

Halten Sie die Ängste für unbegründet, dass die Ukraine mit ihrer grossen russischsprachigen Minderheit das nächste Ziel von Russland sein könnte?
Der Osten der Ukraine sowie die Krim sind zwar prorussisch, doch im Gegensatz zu Südossetien und Abchasien will die Bevölkerung nicht nach Russland zurück. Ein Problem ist jedoch der angestrebte Nato-Beitritt der Ukraine: Die USA und Europa müssen sich bewusst sein, dass sich die Nato in der Ukraine mit der Atommacht Russland anlegen würde. Bis die Schwarzmeerflotte 2017 von der Krim abziehen wird, kommt ein Beitritt jedoch nicht in Frage. Wir haben also noch fast zehn Jahre Zeit.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel richtete gestern bei ihrem Besuch in Estland scharfe Worte an Russland. Wie bedroht sind die baltischen Staaten – alles ehemalige Sowjetrepubliken?
Die Russen sind nicht verrückt: Es wird keinen Krieg um das Baltikum geben. In den baltischen Staaten gibt es zwar viele Russen, die kulturell mit Russland verbunden sind. Doch diese Menschen wollen den Wohlstand, den sie der EU verdanken, nicht verlieren. Zudem haben die baltischen Russen anders als die Südossetier keine russischen Pässe. Das Baltikum hat auch nicht dieselbe geopolitische Bedeutung wie der Kaukasus, wo die Öl-Interessen der Russen und der USA aufeinanderprallen. Es besteht einzig die Gefahr, dass die Russen den baltischen Staaten den Gashahn zudrehen – doch diese können sich das Gas auch anderswo besorgen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.08.2008, 15:15 Uhr

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