Ausland
«Karadzic hat meinen Sohn und meinen Mann getötet»
Sabaheta Fejzic hat in Srebrenica ihre Liebsten verloren. (Bild: Norbert Ruetsche)
April 1995: der bosnische Serbenführer Radovan Karadzic. (Bild: Keystone)
Artikel zum Thema
- Karadzic boykottiert seinen Prozess
- Radovan Karadzic: Die Chronologie seiner Flucht
- Das verworrene Weltbild des Dr. Radovan Karadzic
Stichworte
Genozid von Srebrenica
In der ostbosnischen Kleinstadt Srebrenica, in der vor Kriegsbeginn 1992 rund 8000 Menschen gelebt hatten, drängten sich im Sommer 1995 mehrere zehntausend Frauen, Männer und Kinder. Es waren muslimische Flüchtlinge aus der Umgebung, die dort Zuflucht gesucht hatten. Obwohl die Stadt unter UN-Schutz stand, wurde Srebrenica am 11.Juli 1995 von bosnisch-serbischen Einheiten – unter dem Kommando von Karadzics Armeechef Ratko Mladic ´ – eingenommen. Die niederländischen UN-Blauhelme waren nicht in der Lage, etwas dagegen zu tun. Die Soldateska tötete in den folgenden Tagen systematisch über 8000 muslimische Männer und Jungen. Ende Februar 2007 stufte der Internationale Gerichtshof (ICJ) der UN in Den Haag dieses Massaker als Völkermord ein. Bereits 2001 war das UN-Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) zum gleichen Schluss gekommen.
«Radovan Karadzic hat meinen Sohn und meinen Mann getötet, er hat mich aus meiner Stadt verjagt und mir all das genommen, was mich in meinem Leben glücklich machte.» Sabaheta Fejzic, eine klein gewachsene, schlanke Frau, sitzt im Büro der «Frauen von Srebrenica» – und spürt so etwas wie Genugtuung darüber, dass der mutmassliche Kriegsverbrecher nun endlich vor Gericht steht: «Dies bedeutet wenigstens ein bisschen Gerechtigkeit für mich und alle Opfer des Genozids.»
Karadzic gilt als Drahtzieher des Massakers von Srebrenica im Juli 1995, des schlimmsten Massenmords in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg (vgl. Infobox). Sabaheta Fejzic ist eines seiner Opfer, eines von Abertausenden. Ihre Augen sind müde, der Blick schweift ins Leere. Ihre Lebensfreude, ihr Lachen und ihre Unbeschwertheit, ihr Glaube an die Zukunft und das Gute – diesen ganzen Reichtum der Seele und des Gemüts, der ihr Leben einst so wunderbar gemacht hatte, wurde 1995 auf einen Schlag vernichtet. Geblieben ist Sabaheta nichts ausser Verzweiflung und quälenden Fragen – und die furchtbare Erinnerung an Srebrenica. Sie will davon erzählen, sie muss es, immer wieder. Es ist diese Geschichte, die bis heute bis in den letzten Winkel ihres Alltags vordringt.
Gang durch die Hölle
Am 11. Juli 1995 begann für Tausende von Menschen aus Srebrenica der Gang durch die Hölle, auch für Sabaheta. Die heute 53-Jährige erinnert sich, als wäre es gestern gewesen. Pausenlos laufen die furchtbaren Bilder durch Sabahetas Kopf, lassen keinen Raum mehr für anderes. «Ein Teil, vor allem Männer und Jungen, versuchte, zu Fuss durch die Wälder zu entkommen. Mein Mann Saban war einer von ihnen. Frauen, Kinder und ältere Menschen retteten sich nach Potocari, zur UN-Basis. Auch ich dachte, dies sei am sichersten. Am Nachmittag kam ich mit meinem Sohn Rijad dort an. Er war 17 Jahre alt. Etwa 20'000 bis 25'000 Menschen drängten sich auf dem Gelände. Hier sah ich, wie die Tschetniks Kinder und Alte ermordeten, wie sie Frauen vergewaltigten.»
Dann war der Sohn weg
Die Nacht vom 12. auf den 13. Juli kann Sabaheta nie mehr vergessen: «Wir waren Tausende, im Freien und in der zerstörten Fabrik bei der UN-Basis. Aber es war totenstill. Mitten in der Nacht kamen sie, und ich sah, wie sie einem Säugling vor den Augen seiner Mutter den Kopf abschnitten. Die Mutter schrie laut. Und wir alle standen wie auf Kommando auf und schrieen. So ging es die ganze Nacht: zuerst ein einzelner Aufschrei, dann der Schrei Tausender, immer und immer wieder.» Am 13. Juli setzte sich fort, was schon am Vortag begonnen hatte. Karadzics Armeechef Mladic und seine Leute hatten alles minutiös vorbereitet: Mit Bussen wurden die in Potocari lagernden Menschen deportiert, bis kurz vor die Frontlinie gebracht, von wo sie sich zu Fuss in Sicherheit bringen mussten. Auch Sabaheta und Rijad machten sich auf zu den Bussen, vorbei an schwer bewaffneten bosnisch-serbischen Soldaten. «Ich hielt meinen Sohn an der Hand. Ein Tschetnik zeigte mit dem Finger auf meinen Rijad und sagte: ‹Nach rechts!›. Doch wir gingen einfach weiter. Sie brüllten uns an: ‹Sagten wir nicht, du sollst nach rechts?› Dann rissen sie mir meinen Sohn aus den Armen.»
«Gewehr auf mich gerichtet»
Sabaheta atmet tief durch, das Sprechen fällt ihr schwer. Sie presst ihre schmalen Lippen zusammen. Und zwingt sich doch weiterzureden: «Als ich sah, dass ich nichts mehr tun konnte, fiel ich auf die Knie und flehte sie an, sie sollten lieber mich umbringen, das Kind sei doch unschuldig. Die Soldaten fluchten, traten und schlugen mich, einer richtete das Gewehr auf mich und lud es durch. Ich hatte schon mit meinem Leben abgeschlossen. Rijad weinte und sagte: ‹Mama, ich bitte dich, geh!› Dann packte mich ein Soldat und warf mich auf einen Lastwagen, der sofort losfuhr. Ein paar Mal versuchte ich, vom Lastwagen zu springen, um mein Kind wieder zu bekommen. Doch die anderen Frauen hielten mich zurück. Mehrmals fiel ich in Ohnmacht. Das waren die schlimmsten Augenblicke in meinem Leben. Ich wäre lieber tot gewesen, als mein Kind zurücklassen zu müssen.»
Quälende Fragen
Wenn sie aus ihrer Erinnerung erzählt, bricht Sabaheta immer wieder in Tränen aus. «Ich hatte eine wunderbare Ehe mit Saban. Er war Vorarbeiter im Bergwerk, in dem ich als Buchhalterin arbeitete. Wir waren zufrieden und glücklich. Bis sie mir meinen Sohn nahmen. Dann wartete ich auf meinen Mann, der durch die Wälder hatte fliehen wollen. Doch er kam nie. Schliesslich erfuhr ich, dass er auf der Flucht von Tschetniks erschossen worden war.» Nur je ein Stück der Lederjacke und der Trainerhose von Sabahetas Mann wurden später gefunden.
Es gibt keinen Zweifel mehr, Saban und Rijad sind tot. Sabaheta wird für immer alleine bleiben, alleine mit unzähligen Fragen. Doch sie will mehr erfahren. «Ich frage mich die ganze Zeit: Wie starben sie? Wurden sie vielleicht gefoltert? Jedes Mal, wenn ein neues Massengrab entdeckt wird, gehe ich hin, suche alles ab – Kleidungsstücke, Knochen.» Vor einigen Monaten bekam Sabaheta die erdrückende Gewissheit mitgeteilt: Rijads sterbliche Überreste wurden in einem Massengrab gefunden und identifiziert. Am 11. Juli diesen Jahres hat Sabaheta ihren einzigen Sohn auf dem Gedenkfriedhof in Potocari beigesetzt – zusammen mit 533 weiteren Srebrenica-Opfern bekam er endlich seine würdige letzte Ruhestätte. Doch von Saban fehlt bis jetzt jede Spur. Obwohl erst 53 Jahre alt, hat Sabaheta mit ihrem Leben so gut wie abgeschlossen: «Ich lebe nur noch, weil ich leben muss. Aber eigentlich bin ich 1995 gestorben.»
Srebrenicas mutige Frauen
Seit 1996 lebt Sabaheta in Sarajevo, zusammen mit ihrer Mutter. Ihre Witwen- und Invalidenrenten reichen gerade, um sich über Wasser zu halten. Im selben Haus wohnt auch ihr älterer Bruder. «Ihm gelang damals die Flucht», erzählt Sabaheta, doch seither ist er krank. «Mein jüngerer Bruder hat es nicht geschafft, er wurde getötet.»
Gleich nach dem Massaker gründeten ein paar mutige Frauen die Opfervereinigung «Bewegung der Mütter der Enklaven Srebrenica und Zepa». Sabaheta ist eine von ihnen. «Wir taten uns zusammen, weil wir wissen wollen, was mit unseren Liebsten geschehen ist. Als Überlebende bin ich es den Toten schuldig, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Wir kämpfen dafür, dass alle Opfer gefunden und mit Würde bestattet werden. Und dass die Verbrecher, die den Völkermord begangen haben, zur Rechenschaft gezogen werden.»
Ihre Liebsten wird Sabaheta nie mehr in die Arme schliessen können. Doch sie will wenigstens Gerechtigkeit. Sie hat klare Erwartungen ans UN-Tribunal, das nun über Karadzic richten wird: «Er muss zu lebenslanger Haft verurteilt werden. Ich weiss, welche Verbrechen er verübt hat.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 23.10.2009, 09:23 Uhr



