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Kadyrows riesiger Machthunger

Von Klaus-Helge Donath. Aktualisiert am 17.07.2009

Einen Tag nach dem Mord an Natalja Estemirowa häufen sich die Stimmen aus der russischen Menschenrechtsszene, die hinter der kaltblütigen Ermordung der Aktivistin die Hand des diktatorischen Regimes in Grosny sehen.

Ramsan Kadyrow: Präsident Tschetscheniens.

Ramsan Kadyrow: Präsident Tschetscheniens. (Bild: Reuters)

«Ich leite, lenke und kontrolliere die Operation persönlich», meinte Ramsan Kadyrow, der Stolz und Freude kaum verbergen konnte. Der tschetschenische Präsident war soeben von einer Unterredung mit Kremlchef Dmitri Medwedew aus Moskau zurückgekommen. Russlands Präsident hatte ihm aufgetragen, auch in der Nachbarrepublik Inguschetien für Ordnung zu sorgen.

Die neue Normalität

Der charismatische Tschetschene räumt gerne auf. Beim Nachbarn Inguschetien geht es nämlich drunter und drüber. Im Juni war dort Präsident Junus-Bek Jewkurow von einem Selbstmordattentäter schwer verletzt worden. Kadyrow sollte die in islamistischen Terrorkreisen vermuteten Hintermänner dingfest machen. «Wir werden in Zukunft gute Ergebnisse haben», versprach der Tschetschene.

Der Kreml setzt nach wie vor auf den starken Mann von Grosny. Seit er vor fünf Jahren die Geschäfte seines Vaters Achmed Kadyrow übernahm, der bei einem Attentat ums Leben kam, ist die Lage in der zuvor von Kriegen zerrütteten russischen Teilrepublik stabiler geworden. Moskau dankte es ihm durch grosszügige Zuwendungen aus dem russischen Haushalt. Der leidenschaftliche Boxer baute Grosny wieder auf, liess Gasleitungen legen und Strassen asphaltieren. Auch grosse Teile der Bevölkerung erkennen diese Leistungen an. Nach zehn Jahren Kriegswirren wollen die Tschetschenen einfach ein normales Leben führen.

Innenpolitisch erstickte Kadyrow indes jegliche Opposition. Er regiert wie ein selbstherrlicher Sultan, die Menschen fürchten ihn. Jede abweichende Meinung gilt als Verrat an und Widerstand gegen die Machthabenden. Die am Mittwoch ermordete russisch-tschetschenische Menschenrechtlerin Natalja Estemirowa war eine der wenigen, die noch zu widersprechen wagte. Daher hatte sie Kadyrow auch aus allen Kommissionen, die sich mit Rechtsverletzungen befassen, ausgeschlossen.

Freibrief von Putin

Für Angst und Disziplinierung sorgten schon in den ersten Jahren seiner Ägide sogenannte Todesschwadronen, die unliebsame Bürger entführten und hinrichteten. Niemand wurde für die brutalen Verbrechen jemals zur Rechenschaft gezogen. Der Grund ist einfach: Als Dank für Loyalität gegenüber dem Kreml stellte Expräsident Wladimir Putin dem tschetschenischen Tyrannen einen Freibrief aus. Im Innern seines «Reichs» darf er seither schalten und walten, wie er möchte. Moskau greift in innere Konflikte nicht ein. Auch als russischer Premier steht Putin weiterhin zu seinem Protegé.

Ex-Widerstandskämpfer

Anders sehen die zahlreichen russischen Sicherheitsapparate die Figur Kadyrows. Der Geheimdienst FSB und die Armee misstrauen dem forschen Republikfürsten. Schon allein deswegen, weil er durch die Aufhebung des antiterroristischen Sonderregimes ihren Einfluss beschnitt und den Zugang zu Einnahmequellen kappte. Aber auch ein anderes Motiv spielt hinein: Tschetschenien hat durch die Zugeständnisse Moskaus inzwischen einen Grad an Unabhängigkeit erreicht, von dem die ehemaligen Separatisten nur träumen konnten. «Wir haben heute eine Selbstständigkeit erlangt, für die wir vorher die ganzen Jahre vergeblich gekämpft haben», meint ein früherer Widerstandskämpfer, der jetzt in Kadyrows Streitkräften dient. Die früheren Separatisten bilden die wichtigste militärische und politische Kraft in Tschetschenien. Sie zu gewinnen war ein Geniestreich des politisch unerfahrenen Kadyrow. Paradox dabei ist: Heute stellt die ehemalige Opposition jene Kraft dar, die die Republik fest im Griff hält. Auch die Rolle des Islam ist unter dem Muftisohn Ramsan gewachsen, der die Religion bewusst instrumentalisiert, um politische Ziele zu erreichen. Der Islam ist ein wichtiger Schlüssel für die Wiedergeburt einer traditionalistischen und rückwärtsgewandten Gesellschaft, wie sie Kadyrow vorschwebt.

Zwar hatte Putin nach dem Krieg unter dem Schlagwort «Tschetschenisierung» versprochen, dass die Tschetschenen eines Tages wieder für sich selbst entscheiden können. Wie weit das einmal gehen könnte, hatte er damals wohl nicht vor Augen. De facto geniesst die Teilrepublik Sonderstatus. Demnächst wird in Grosny noch ein internationaler Flughafen eröffnet, in dem Mahner schon jetzt ein «Schwarzes Loch» für dunkle Geschäfte befürchten. In der Bevölkerung stärkt der Selbstbehauptungswille gegenüber Moskau Ramsans Position.

Kadyrows Traum

Auch andere Republikfürsten im Nordkaukasus liess der Kreml gewähren, wenn sie der Machtzentrale nur Loyalität bezeugten. Teilweise sind die Republiken unregierbar geworden. Die Gefahr, die von Tschetschenien ausgeht, ist jedoch weit grösser. Kadyrow träumt im ethnischen Schmelztiegel Kaukasus von einem Grosstschetschenien, mit ihm als Kalifen. Die Aufforderung Medwedews in Inguschetien für Ordnung zu sorgen, kam ihm daher gelegen. Ohnehin würde er gerne den ethnisch verwandten Nachbarn auch gegen dessen Willen unter seine Fittiche nehmen. Der Ausbruch eines bislang schwelenden Konfliktes zwischen Osseten und Inguschen wäre damit vorprogrammiert. Der einst folgsame Bewunderer Putins wird für Russland langsam zum Problemfall. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.07.2009, 11:00 Uhr

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