Jetzt braucht es die Gelddruckmaschine
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 26.10.2011 166 Kommentare
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Die EU wurde gegründet, um die ewig zerstrittenen Länder Frankreich und Deutschland auseinanderzuhalten. Über ein halbes Jahrhundert lang hat das funktioniert, doch jetzt zeichnet sich eine neue Zerreissprobe zwischen Paris und Berlin ab. Der Streit dreht sich darum, wer für die hohen europäischen Schulden aufkommen soll.
Deutschland befürwortet eine nationale Lösung und mehr Eigenverantwortung. Es verlangt, dass Banken ihre Kredite teilweise abschreiben und die Defizitsünder ihren Haushalt mit rigorosem Sparen ins Lot bringen müssen. Frankreich hingegen will eine gemeinsame Lösung und setzt darauf, dass letztlich die Europäische Zentralbank (EZB) als sogenannter «lender of last resort», als «Bürge in letzter Instanz», für die Schulden aller geradesteht.
Alles ging schief
Für beide Seiten spielen historische Erfahrung und Eigeninteressen hinein. Zwei Hyperinflationen, die das gesamte Vermögen und die Renten vernichtet haben, bleiben den Deutschen unvergessen bis heute. Schulden mit der Druckerpresse zu tilgen bleibt deshalb ein deutscher Albtraum. Zudem ist die Wiedervereinigung wirtschaftlich auf Kosten des Mittelstandes ausgetragen worden. Deutsche Arbeitnehmer verdienen heute real weniger als Mitte der Neunzigerjahre. Kein Wunder, dass sich bei ihnen die Lust auf erneute Solidarität in engen Grenzen hält.
Umgekehrt ist der französische Wunsch nach einer gemeinsamen Lösung weniger altruistischen Gründen zuzuschreiben als der Tatsache, dass Frankreichs Banken die grössten Gläubiger der Defizitländer sind. Wenn ein Teil dieser Schulden abgeschrieben werden muss, dann kommen die Banken in Bedrängnis und zwingen den Staat, sie zu unterstützen. Das wiederum kann dazu führen, dass Frankreichs seinen Status als AAA-Schuldner verlieren wird. Das wäre gleich doppelt schmerzhaft: Die Staatsschulden müssten höher verzinst werden, und die internationale Reputation wäre zerstört.
Der neue Zwist zwischen Frankreich und Deutschland ist politisch nicht lösbar. In den letzten 18 Monaten hat man deshalb versucht, sich mit technischen Scheinlösungen durchzumogeln. Noch in diesem Sommer hat man sich darauf geeinigt, dass die Banken scheinbar freiwillig 21 Prozent der griechischen Staatsanleihen abschreiben sollten. Damit hofften die Deutschen das Gesicht zu wahren und die Franzosen ihre Banken. Beides ist aber schiefgegangen. Die Märkte haben nicht mitgespielt. Im Gegenteil, in den letzten Wochen haben die institutionellen Anleger so etwas wie einen Spurt auf die europäischen Banken veranstaltet und das System an den Rand des Abgrunds gebracht. Dabei sind die Schwächen schonungslos aufgedeckt worden: Insgesamt haben die Institute rund 300 Milliarden Euro zu wenig Eigenkapital.
Frankreich hat recht
Bei der aktuellen europäischen Krise geht es längst nicht mehr um einzelne Länder wie Griechenland oder um das Schicksal einzelner Banken. Das ganze System ist in Gefahr, denn: Der Kollaps eines Landes oder einer einzelnen Bank könnte einen Dominoeffekt auslösen. In einer sehr ähnlichen Situation hat sich das amerikanische Bankensystem nach dem Kollaps von Lehman Brother im Herbst 2008 befunden. Die US-Notenbank hat damals sofort eingegriffen: Sie hat die Banken mit rund 700 Milliarden Dollar rekapitalisiert und auf diese Weise das System stabilisiert. Eine solche Lösung strebt auch Frankreich für Europa an: Es will die EZB in eine grosse Geldkanone umbauen, die die Märkte endlich in Schach hält.
Diesmal hat Frankreich recht. Heute ist es nicht mehr möglich, dass sich die Defizitländer aus eigener Kraft aus ihren riesigen Schulden befreien. Zugleich ist eine massive Rekapitalisierung des europäischen Bankensystems unumgänglich geworden. Es braucht also die europäische Zentralbank als Geldkanone. Wenn die Deutschen ihre tiefe Abneigung gegen diese Gelddruckmaschine nicht bald überwinden, ist der Euro bald Geschichte.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.10.2011, 18:03 Uhr
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166 Kommentare
Wer wiederholt zu viel Geld druckt verwandelt dieses in Altpapier. Die Deutschen haben da Erfahrung auch wenn sie weit zurückliegt und wollen sich nicht auf diesen Pfad begeben .... wir sollten dies verstehen und uns nicht der Illusion hingeben die Gelddruckmaschine könnte auf Dauer Wohlstand schaffen. Antworten
Nein, Herr Löpfe. Der "long run" ist endlich gekommen und die Party ist aus. Der Machbarkeitswahn von Zentralbankern und Politikern ist am Ende, der Markt lässt sich nicht weiter bändigen. Wenn man jetzt nicht endlich die schmerzhaften Korrekturen sich natürlich entfalten lässt, stürzen wir alle definitiv und für eine sehr lange Zeit ins tiefe Elend. Antworten
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