Jetzt bangt die Millionen-Metropole

Von Kai Strittmatter, Istanbul. Aktualisiert am 09.03.2010 1 Kommentar

Nach den Erdbeben in der Provinz Elazig sowie den Beben von Haiti und Chile geht in Istanbul die Angst um.

Ihr Haus aus Lehm und Natursteinen ist eingestürzt: Die Bewohnerin des Dorfes Okcular in der Provinz Elazig hat überlebt.

Ihr Haus aus Lehm und Natursteinen ist eingestürzt: Die Bewohnerin des Dorfes Okcular in der Provinz Elazig hat überlebt.
Bild: Reuters

Es war eine Katastrophe, die keine hätte sein müssen. Schon bald nach dem Beben in der Provinz Elazig meldete der Istanbuler Nachrichtensender NTV: «Nicht das Erdbeben – der Lehm hat getötet.» 57 Tote wurden in den betroffenen Dörfern Okcular und Yukari Kanatli und Kayali bis Montagabend von den Helfern geborgen. Das Fernsehen zeigte eingestürzte Ställe, unter denen Tiere begraben waren, zerstörte Häuser, in denen noch bis in den Vormittag hinein Männer und Frauen mit blossen Händen nach ihren Angehörigen gegraben hatten. Die eingestürzten Häuser waren aus Lehm und Naturstein gebaut, einige Opfer scheint der Lehm erstickt zu haben. Dazwischen standen Häuser aus Beton – unversehrt.

Das Beben hat in der Türkei aufs Neue die Debatte befeuert, wie viel Schuld der Mensch an den Opfern trägt. «Nation und Politiker nehmen unsere Warnungen nicht ernst», klagte der bekannte Geologe und Erdbebenforscher Naci Görür. Es ist eine Debatte, die in den Tagen nach den Beben von Haiti und Chile erneut begann und die nicht zuletzt in Istanbul ein Echo findet: Die 15-Millionen-Metropole Istanbul ist die Stadt, der Geologen eines der nächsten tödlichen Beben prophezeien: Ein Beben, das in 30 Jahren kommen kann oder aber in 30 Minuten, ohne dass Istanbul vorbereitet wäre.

Erdbebenrisiko «extrem hoch» für sieben von zehn Türken

Kein anderes Land in Europa liegt in einer seismisch derart aktiven Region wie die Türkei. Zwei Drittel des Landes befinden sich in der Nähe aktiver Verwerfungslinien. Sieben von zehn Türken leben in Gegenden, in denen das Erdbebenrisiko «extrem hoch» ist. Im Januar deckte die liberale Zeitung «Radikal» auf, dass es zwar einen Regierungsplan gibt, wonach Gebäude erdbebensicher gebaut werden sollen – dass die neuen Regeln bislang aber lediglich für 19 der 81 Provinzen der Türkei gelten. Für den Rest – darunter die betroffene Provinz Elazig – gebe es bis heute keine strenge Bauaufsicht.

Was nicht heisst, dass die Bürger der 19 kontrollierten Provinzen ruhig schlafen könnten. Im Gegenteil. Die Vorhersagen für das erwartete Beben von Istanbul lesen sich wie Albtraumszenarien. Die Ingenieurskammer (IMO) enthüllte erst letzte Woche, dass die viel gepriesenen Zertifikate für Erdbebensicherheit von neuen Gebäuden und Brücken ihr Papier nicht wert sind: Unqualifizierte Inspektoren hätten unzählige «Gebäude für sicher erklärt, die es in Wirklichkeit nicht sind», so IMO-Chef Cemal Gökce. Je nach Stärke des Bebens prophezeit die Kammer zwischen 70'000 und 150'000 Tote in der Stadt.

Was viele Wissenschaftler in die Verzweiflung oder die Resignation treibt, ist die Tatsache, dass selbst ein Warnsignal wie das grosse Beben von Izmit 1999 die Behörden in Istanbul nicht auf Trab gebracht hat. So warnte die Ingenieurskammer letzte Woche, dass bei einem starken Beben neun von zehn Istanbuler Krankenhäusern zusammenbrechen könnten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2010, 07:58 Uhr

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1 Kommentar

Mari Wunderli

09.03.2010, 15:44 Uhr
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und als EU Land muss dann die Türkei gerettet werden? Es wird Zeit dass sich Länder wie die Türkei auf wichtiges konzentrieren- nämlich ihre eigenen Leute zu schützen. Zur Zeit sind sie allzu stark mit Händel mit Israel und Handel mit Iran beschäftigt, um so banale Sachen wie Erdbeben Nothilfe zu organisieren. Antworten



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