In Polen wächst die Angst vor Nachbar Russland
Von Knut Krohn, Warschau. Aktualisiert am 18.09.2009
Donald Tusk versucht die positiven Seiten zu sehen. Es gebe nun die Chance, die Zusammenarbeit zwischen Polen und den USA zu verstärken, erklärte der polnische Premier gestern. Ganz konnte er seine Enttäuschung nicht verbergen, als er erklärte, dass Amerika «die Pläne in Bezug auf den Raketenschirm geändert» habe. Dies habe ihm Präsident Barack Obama am Donnerstag mitgeteilt. Damit bestätigte Tusk, was sein tschechischer Kollege Jan Fischer bereits Stunden zuvor verkündet hatte: In Tschechien sollte ursprünglich eine Radaranlage gebaut werden, in Polen hätten die Abfangraketen stationiert sein sollen. Fischer betonte dabei, dass die Strategieänderung kein Problem sei: «Wir sind auf einem perfekten Niveau in den bilateralen Beziehungen und im Gefüge der Nato.»
Wenig positiv, aber vorsichtig
Tusk kommentierte die Angelegenheit weniger positiv, aber vorsichtig: «Das ist eine autonome Entscheidung der USA.» Es sei aber an der Zeit für eine neue, konkrete Offerte der USA an Polen. Er habe Barack Obama unmissverständlich gesagt, bei jedem Angebot stehe Polens Sicherheit an erster Stelle.
Wesentlich deutlicher als der amtierende Premier wurde gestern allerdings Lech Walesa. Der ehemalige polnische Staatspräsident fuhr schwere verbale Geschütze auf: «Die Amerikaner haben sich immer nur um ihre Interessen gekümmert und alle anderen ausgenutzt.» Die Polen müssten nun ihre Sicht auf Amerika überprüfen.
Erste Anzeichen schon im August
Für viele in Polen dürfte die Entscheidung nicht überraschend gekommen sein. Bereits im August hatte die Tageszeitung «Gazeta Wyborcza» berichtet, dass Washington die Pläne wahrscheinlich in der Schublade verschwinden lasse. Schon kurz nach der Amtsübernahme von Obama habe die Regierung damit begonnen, zitiert die Zeitung eine anonyme Quelle. «Die von den Pentagon-Generälen ausgesandten Signale sind absolut klar: Die US-Regierung sucht bezüglich der Raketenabwehr andere Lösungen als die Stützpunkte in Polen und Tschechien», erklärte damals Riki Ellison, ein für den Raketenschild eintretender Lobbyist, der Zeitung.
Hatten die Tschechen sehr früh signalisiert, sich als Stützpunkt für das Abwehrsystem zur Verfügung zu stellen, waren die Verträge in Polen erst nach langem Ringen und unter dem Eindruck des Krieges in Georgien unterschrieben worden. Erst die russische Intervention 2008 in der Kaukasusrepublik konnte offensichtlich die bis dato kaum überwindbaren Differenzen zwischen Warschau und Washington überbrücken. Polen war damals enttäuscht von den USA, da das Land für die Unterstützung im Irak keine Gegenleistungen bekommen hatte. Noch heute müssen Polen für die Reise in die USA ein Visum beantragen – im Gegensatz zu ihren Nachbarn in Tschechien.
Durch den Georgien-Krieg fühlte sich Polen als ehemaliger Vasallenstaat Moskaus wieder direkt bedroht. Zumal bereits die Drohung im Raum stand, Russland werde seine Nuklearstreitkräfte auf Polen ausrichten, sollten dort US-Stützpunkte entstehen. Auf der anderen Seite musste Washington der Welt mit konkreten Schritten beweisen, dass es zur Verteidigung der westlichen Interessen bereit ist. Also einigte man sich darauf, im Gegenzug zum Aufbau des Raketenschirms die polnischen Streitkräfte zu modernisieren und mit Patriot-Abwehrraketen zu verstärken. Für die Polen war freilich ein Pakt noch wichtiger, in dem die USA dem kleinen Verbündeten versicherten, umgehend zu Hilfe zu kommen in «schwierigen Zeiten» – anders gesagt: bei einem russischen Angriff. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.09.2009, 09:45 Uhr
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