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«Im Grunde leben wir immer noch unter Putin»

Von David Nauer. Aktualisiert am 07.05.2009 3 Kommentare

Seit einem Jahr regiert Dmitri Medwedew im Kreml. Heiterer ist es in Russland dadurch nicht geworden, sagt der Satiriker Wiktor Schenderowitsch.

Wiktor Schenderowitsch (50) ist Russlands bekanntester politischer Satiriker. Er war der führende Kopf hinter der populären Satiresendung «Kukly» («Puppen»), die sich über Politiker lustig machte. Sie wurde nach dem Amtsantritt von Wladimir Putin eingestellt. Heute gestaltet Schenderowitsch eine satirische Radio- sendung, schreibt Bücher und Kolumnen.

Wiktor Schenderowitsch (50) ist Russlands bekanntester politischer Satiriker. Er war der führende Kopf hinter der populären Satiresendung «Kukly» («Puppen»), die sich über Politiker lustig machte. Sie wurde nach dem Amtsantritt von Wladimir Putin eingestellt. Heute gestaltet Schenderowitsch eine satirische Radio- sendung, schreibt Bücher und Kolumnen.

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Seit einem Jahr ist Dmitri Medwedew Präsident. Wie gefällt Ihnen der neue Mann?
Nicht besonders gut. In letzter Zeit spricht man zwar von einem Tauwetter. Ich spüre davon aber nicht viel.

Immerhin hat Medwedew der oppositionellen «Nowaja Gazeta» ein Interview gegeben, er traf sich mit Menschenrechtlern.
Im Vergleich zu früher ist das vielleicht ein Fortschritt. Putin hielt die «Nowaja Gazeta» für «schädlich», die Menschenrechtler beschimpfte er als Verräter. Aber dennoch sind Medwedews Schritte nicht mehr als schwache Signale.

Wie meinen Sie das?
Unter Michail Gorbatschow waren es nicht die Gespräche über Perestroika und Glasnost, welche die Sowjetunion veränderten. Es waren konkrete Taten, zum Beispiel die Freilassung des Dissidenten Andrei Sacharow. So etwas haben wir bis jetzt nicht gesehen.

Sie spielen auf Michail Chodorkowski an. Der Ex-Oligarch sitzt immer noch im Gefängnis, derzeit läuft sogar ein zweiter Prozess gegen ihn.
Genau. Die Freilassung Chodorkowskis wäre eine solche echte Änderung des Kurses. Aber eben: Sie blieb bisher aus. Wir haben in Russland weiterhin keine freie Presse, keinen Rechtsstaat, keine echten Wahlen.

Hat Medwedew die Chance verpasst, sich glaubwürdig von seinem Vorgänger Wladimir Putin abzuheben?
Ja, nehmen wir die Bürgermeisterwahlen in Sotschi vom April. Medwedew hätte zeigen können, dass es ihm ernst ist mit Demokratie und Rechtsstaat. Er hätte den Chef der Wahlkommission entlassen müssen, weil dieser Fälschungen zuliess. Aber er tat es nicht. Oder nehmen wir den Krieg in Südossetien. Medwedew hätte hinfliegen und die Kämpfe stoppen können. Aber er versteckte sich drei Tage lang. Dafür tauchte Premierminister Putin in Ossetien auf. Es sind solche Augenblicke, welche über die realen Machtverhältnisse entscheiden.

Glauben Sie, Medwedew würde gerne mehr tun, aber kann nicht?
Wir wissen nicht, was er will; wir wissen nicht, welche Möglichkeiten er hat. Juristisch könnte Medwedew sogar den Premierminister entlassen. Aber ihm fehlt die Macht dazu. Im Grunde leben wir immer noch unter Wladimir Putin. Anderseits: Die Signale, die Medwedew in letzter Zeit gesendet hat, könnten bedeuten, dass er aus dem Schatten seines Vorgängers treten will.

Wird ihm das gelingen?
Seit Präsident Dmitri Medwedews Amtsantritt ist erst ein Jahr vergangen, und Russland bleibt ein rätselhaftes Land. Wir können nicht voraussehen, was noch alles passiert. Von aussen sehen wir nur einen Teppich, unter dem sich Bulldoggen balgen.

So hat Winston Churchill die Machtkämpfe im Kreml beschrieben: Man merke, das etwas Ungemütliches vor sich geht, wisse aber nicht, was.
Am Schluss kommt irgendeine tote Bulldogge zum Vorschein. Warten wir mal ab, wessen Leiche diesmal zuerst auftaucht.

Sie sind Satiriker. Können Sie über das Tandem Putin/Medwedew lachen?
Ja, aber mein Lachen ist immer mit Tränen gemischt.

Seit Jahren dürfen Sie nicht mehr am Fernsehen auftreten. Vermissen Sie etwas?
Das Fernsehen war für mich nie eine Droge. Eigentlich bin ich ja Schriftsteller. Aber es geht gar nicht um mich, es ist ganz generell traurig, wenn politische Satire verboten ist. Länder, die sie verbieten, nehmen in der Regel ein übles Ende.

Umfragen zeigen, Putin und Medwedew sind weiterhin populär –trotz Wirtschaftskrise. Warum lieben die Russen ihre Staatsmacht so?
Ich glaube nicht, dass das Liebe ist. Die Menschen haben einfach Angst, etwas zu verändern. Ganz nach dem Motto: Lieber alles so lassen, wie es ist, sonst könnte es noch schlechter werden. Den Menschen fehlt der Glaube an die eigene Kraft, an die Demokratie. Es ist eine Art Infantilismus.

Sind die Russen einfach nicht fähig zur Demokratie?
Nicht generell. Den Russen fehlt die historische Erfahrung mit demokratischen Mechanismen. In den letzten tausend Jahren haben sie meist wie Sklaven gelebt. Die 1990er-Jahre zeigten aber, dass sich Russland durchaus in Richtung Demokratie bewegen kann. Auch Japaner, Spanier und andere Völker mussten sich zuerst entwickeln.

In Russland fehlt aber im Moment der Entwicklungsmotor. Die demokratische Opposition ist von der Bildfläche verschwunden.
Ich glaube, die Opposition ändert sich gerade. Früher gingen Leute wie ich an Demonstrationen. Jetzt, mit der Krise, wachsen die sozialen Spannungen, Millionen von Menschen werden arbeitslos. Eine legale Opposition gibt es nicht mehr. Wenn die Massen trotzdem protestieren, kann die Sache eskalieren. Die Zukunft Russlands hängt davon ab, wie zivilisiert diese Konflikte ausgetragen werden.

Mit Wiktor Schenderowitsch sprach David Nauer in Moskau (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2009, 06:41 Uhr

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3 Kommentare

Peter Bitterli

06.05.2009, 23:23 Uhr
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Aber wieso zitiert Nauer ausgerechnet einen Satiriker als Kronzeugen für seine langweilige Lieblingsthese? Als wäre er selbst nicht der Top-Satiriker, der seit Jahren sein Zerrbild von Russland dem hiesigen Publikum präsentiert? Zum Lachen für jeden Russen, zum Weinen für jeden besser informierten Hiesigen, zur Desinformation der Mehrheit. Antworten


Walter Krauer

07.05.2009, 01:16 Uhr
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Ein so grosses Land braucht eine starke Führung. Hampelmänner sind da fehl am Platz.. Die Korruption in Russland muss bekämpft werden sie ist Allgegenwärtig. Das ist kein Signal der Schwäche. Die Finanzkrise wurde von der USA ausgelöst und nicht von Russland. Darunter leidet fast die ganze Welt und im Besonderen noch Europa, das wird mit solchen Themen bewusst vernebelt. Antworten




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