«Ich war der 17-Jährige, der mit der Englischlehrerin geschlafen hat»
Aktualisiert am 26.03.2010 21 Kommentare
In einem diese Woche veröffentlichten Gespräch mit der «Frankfurter Rundschau» berichten drei ehemalige Absolventen der Odenwaldschule (siehe Box) von ihren Erfahrungen mit den Reformpädagogen. Der heutige Kunstsammler Adrian Koerfer erzählt: «Ich war im Zentrum des Taifuns. Dort wo es ganz still war, im Bett nämlich. Ich glaube, dass ich alles mitgemacht habe, was auf dieser Schule gut und schlecht war.»
Koerfer war damals 13 Jahre alt. Und es sei gleich losgegangen, als er dort hinkam. Er erzählt: «Ich kam zu Held in die Familie, dessen Spitzname Frosch übrigens von mir stammt. Jeden Mittag hat er sich einen geholt, der mit ihm Mittagsschlaf machen musste. Das bedeutet, wir mussten ihn befriedigen. Jeder in der Familie bekam das mit, das war ein relativ geschlossenes System, aus dem herauszukommen nicht einfach war. Und über das man nicht sprechen konnte, jedenfalls hat es niemand getan.»
Der Star
Im Gespräch mit der Zeitung wird offensichtlich, dass Koerfer eine gute Zeit hatte – aber auch Opfer war, wie er sagt. Das wolle er einfach so stehenlassen. Seine ehemalige Mitschülerin Regina Bappert berichtet: «Er war schon so ein kleiner Star an der Schule. Auf der Beliebtheitsskala stand Adrian ganz weit oben.» Und Koerfer erwähnt eine Episode, die ihm scheinbar gefallen hat: «Ich war dann auch der 17-Jährige, der mit der Englischlehrerin geschlafen hat. Ich sah damals auch nicht ganz schlecht aus und war einfach mittendrin.» Bappert hingegen wurde nicht missbraucht. Sie lebte in der «Familie» einer kritischen Lehrerin, die sich streng an die Schulordnung hielt.
Koerfer hat dann die «Familie» gewechselt. Die Missbräuche wurden ihm zu viel. Er erzählt, wie er zu seinem Entschluss fand: «Held hat nicht nur selbst missbraucht, sondern uns einem befreundeten Unternehmer regelrecht zugeführt. Wir machten Exkursionen in den Odenwald, wo wir abends zu einer Hütte kamen. Da hat dieser Freund schon gewartet. Dann hat man dort etwas getrunken und irgendwann lag jemand neben dem Unternehmer. Das war für mich der entscheidende Punkt. Ich habe aber niemandem gesagt, so geht es nicht, ich habe das nur für mich beschlossen.»
Die Rettung
Der Verleger Joachim Unseld fügt jedoch hinzu, dass ihn diese Schule «gerettet» habe: «Ich kam in einer Blitzaktion auf die Odenwaldschule, eine Schule mit hervorragendem Ruf, passend zur liberalen Strömung der Zeit. Und ich muss sagen, dass mich diese Schule gerettet hat. Ich hätte mich sonst vollständig verweigert. Ich wurde an der OSO von einem dahinvegetierenden Schüler, der mitgeschleift wurde, zu einem sehr interessierten Schüler. Ich habe dort gelernt, zu lernen.» Er sei nie missbraucht worden und habe auch keine Kenntnisse von diesen Vorgängen gehabt: «Ich habe nichts, wirklich gar nichts von dem, worüber wir jetzt reden, mitbekommen.»
Interessant ist, dass Adrian Koerfer seine Tochter wieder an der Odenwaldschule angemeldet hat. Sie macht zurzeit Abitur. Weshalb er das gemacht habe, will die «Frankfurter Rundschau» wissen. Koerfer sagt: «Als ich Andreas von Weizsäcker davon erzählte, der mein bester Freund war, bevor er gestorben ist, hat er mich gefragt, ob ich wahnsinnig geworden sei. Ich habe gesagt, nein, ich glaube nach wie vor an die Schule. Ich glaube an die Selbstreinigung und ihre Ideale. Ich habe meiner Tochter vom Missbrauch erzählt und ihr meine Freunde von damals vorgestellt. Sie wollte danach hin.»
Die Gefahr
Und Regine Bappert ergänzt: «Die Gefahr an dieser Schule ist heute genauso gross wie an jedem anderen Internat. Wenn die Schule endlich anfängt, das aufzuarbeiten und sich externe Hilfe zu holen, dann ist sie in zwei, drei Jahren eine der sichersten Schulen.»
(sam)Erstellt: 26.03.2010, 14:29 Uhr
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21 Kommentare
Letztlich ist, wie die Aussagen zeigen, alles eine Frage persönlicher Empfindungen, der Offenheit gegen aussen und dem, was die Jugendlichen von zu Hause mit bekommen haben, wobei klar sein müsste, dass jemand Grenzen setzen muss, weil Jugendlichen die Erfahrung fehlt. Die Diskussion muss aber ehrlich geführt werden. Antworten
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