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Harsche Kritik an Frau zu Guttenbergs TV-Pranger

Von Reto Hunziker. Aktualisiert am 20.10.2010 18 Kommentare

Der 61-jährige Leiter eines Kinderdorfs, der in «Tatort Internet» als möglicher Pädophiler entlarvt wurde, bleibt verschwunden. Jetzt wird in Deutschland Kritik an der Sendung laut. Und das sehr deutlich.

1/7 Waren angesehen und gern gesehen: Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Ehefrau Stephanie an der Eröffnung der 99. Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth (Juli 2010).
Bild: Keystone

   

Vorverurteilung?

Der umstrittene Beitrag in «Tatort Internet»:

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«Wohin der Kuss? Hals oder Nacken vielleicht? Das törnt aber vielleicht an.» – So soll sich gemäss «Tatort Internet» der 61-jährige Kinderdorfleiter der Caritas mit einem 13-jährigen Mädchen im Chat unterhalten haben. Bloss war das Mädchen eigentlich eine 45-jährige Journalistin. Xerxes, wie sich der Caritas-Mitarbeiter nannte, tappte in ihre Falle, traf sich in München zum Mittagessen mit der minderjährigen Leila, einer Schauspielerin.

Er wähnt sich in Sicherheit, erzählt offenherzig von seiner Arbeit und aus dem Privatleben. Die beiden sprechen auch über die geplante gemeinsame Übernachtung. Als plötzlich Leilas Mutter dazu stösst, gespielt von der besagten Journalistin, wird Xerxes nervös. Er erwähnt, dass eine Anzeige für seine berufliche Laufbahn verhängnisvoll sein könnte und versucht, die angebliche Mutter zu beschwichtigen.

Verdächtigter verschwunden

All dies konnte der Fernsehzuschauer am vergangenen Montag mitverfolgen. Auch die Caritas wurde so auf die Sendung und ihren Mitarbeiter aufmerksam. Sie stellte ihn am 14. Oktober zur Rede und sprach die Kündigung aus. Seitdem gilt der 61-Jährige als vermisst. Man vermutet, er könnte sich etwas angetan haben.

Dieser Verdacht kommt nicht von ungefähr: In den USA, wo ein ähnliches TV-Format namens «To catch a predator» (zu Deutsch: ein Raubtier fangen) für Aufruhr sorgte, klopften einst ein Kamerateam und die Polizei an die Tür eines verdächtigten texanischen Staatsanwalts. Dieser erschoss sich kurzerhand selbst. Die NBC-Sendung wurde 2007 nach drei Jahren Laufzeit abgesetzt.

Nicht kooperiert

Das Verschwinden des Kinderdorf-Leiters lässt die Kritik an der deutschen Version nun noch lauter erschallen, als sie ohnehin schon war.

Denn im Vergleich zu «To catch a predator» hat «Tatort Internet» nicht mit den Behörden kooperiert. Die Verdächtigten wurden zwar mit den Vorwürfen konfrontiert, aber danach laufen gelassen. Dies wohlgemerkt, als die Folgen gedreht wurden. So hatte man den Caritas-Mitarbeiter bereits im Mai «überführt», ausgestrahlt wurde die Sendung jedoch erst fünf Monate später. Inzwischen war weder der Arbeitgeber, noch die Polizei informiert worden. Selbst der Beschuldigte hatte keine Ahnung, dass er gefilmt wurde.

RTL 2 gelobt nun Besserung. Der Sender will künftig den Arbeitgeber der Verdächtigten von den Vorwürfen in Kenntnis setzen, noch bevor die Sendung ausgestrahlt wird. Auch sollen Kopien der Sendung vier Tage vor der Ausstrahlung an die Behörden gehen.

«Verdachtsberichterstatung»

Dennoch: Die Empörung in den deutschen Medien über die Sendung reisst nicht ab. «Ich gehe davon aus, dass sie noch eine Reihe von einstweiligen Verfügungen, Klagen und Prozessen nach sich ziehen wird», äussert sich der Leiter der Netzwerk-Fahndung des Bayerischen Landeskriminalamtes, Günter Maeser, gegenüber der «Welt».

Selbst die Bundesjustizministerin meldete sich zu Wort: «Es besteht die Gefahr, dass Unschuldige angeprangert und grosse Schäden angerichtet werden und der Rechtsstaat in eine Schieflage gerät», sagte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger der «Passauer Neuen Presse». «Wir müssen aufpassen, dass es keine Vorverurteilungen gibt, bevor die Justiz ermittelt.»

«Wenn ich Prävention betreiben will, warte ich nicht Monate mit so einer Erkenntnis», sagt auch Strafrechtler Klaus Laubenthal der Nachrichtenagentur KNA. Die Medienanwältin Dorothee Bölke sieht journalistische Pflichten bei der «Verdachtsberichterstattung von RTL 2» verletzt, wie sie der Nachrichtenagentur DPA sagte. Das Format sei juristisch heikel.

«Immunisierungsstrategie»

Die «Frankfurter Allgemeine» spricht von einer «Atmosphäre des Generalverdachts», welche die Sendung verbreite.

Und der Medienkolumnist des «Stern» lobt Ko-Moderatorin und Aushängeschild der Sendung Stephanie von Guttenberg auf zynische Weise. Sie habe ihre Lektion «Provokation schafft Aufmerksamkeit» gelernt, die Komplexität des Themas gekonnt reduziert und fahre eine «Immunisierungsstrategie». Menschenjagd, Pranger, Volkszorn: Alles werde durch die aufwühlende Thematik gerechtfertigt.

Die Sendung liefere keine Aufklärung, sondern gezielte Desinformation, befand der «Spiegel». Man müsse sich fragen, «wie ernst die Sendungsmacher ihren Gegenstand wirklich nehmen». Von Ratschlägen, was Kinder im Internet beachten sollten, oder hilfreichen Links keine Spur.

Quote gesunken

Dass eine Differenzierung so unmöglich sei, schreibt auch die «Süddeutsche Zeitung». Die Debatte laufe falsch, da sie die Bürgerwehr-Debatte in den Vordergrund stelle, und sage nicht viel über «Anliegen und Ambitionen von Frau Guttenberg» aus. Das Blatt gibt ferner zu bedenken: Ein Lockvogel, der für Ermittlungsbehörden arbeitet, kann nicht wegen Anstiftung zum Missbrauch angeklagt werden. Fernsehmitarbeiter jedoch schon.

Die Gratwanderung zwischen Aufklärung und Polarisierung, zwischen Anzüglichkeit und Straffälligkeit wird wohl auch weiterhin für Gesprächsstoff sorgen – auch wenn die Einschaltquoten sinken. Betrug der Marktanteil unter den 14- bis 49-Jährigen bei der ersten Sendung noch 7,7 Prozent (1,34 Millionen Zuschauer), sank er bei der dritten Ausgabe Anfang Woche auf 6,0 Prozent (1,21 Millionen Zuschauer). (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.10.2010, 13:36 Uhr

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18 Kommentare

René Bosshard

20.10.2010, 14:29 Uhr
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Verdächtigungen gehören nicht an die Öffentlichkeit, sondern an die Polizei! Kindern würde besser ein angemessenes Verhalten mit dem Netz und Internetbekanntschaften nahegelegt. Wo Politiker und ihre Gattinnen mit dem Stil billigster amerikanischer Realityshows operieren, ist das Ende der Demokratie nicht mehr weit. Alle Macht dem Pöbel? Der durch die Machthabenden manipuliert wird? Antworten


Christian Dürig

20.10.2010, 13:58 Uhr
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Diese Sendung darf nicht abgesetzt werden. Sie muss nur mit dem Rechtsstaat verträglich sein. Taucht eine aufgespürte Person unter, wissen wir wenigsten, wen wir suchen müssen. Begeht die Person später Selbstmord, bleibt uns nur noch Beten übrig. Wir müssen nur wissen: Wer drängt wen an den Abgrund. Sicher ist es nicht der Rechtsstaat oder diese Sendung. Antworten




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