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«Für die Politik war Havel zu feinfühlig»

Interview: Simon Knopf. Aktualisiert am 18.12.2011 9 Kommentare

Das Symbol des Prager Frühlings ist tot. Vaclav Havel starb im Alter von 75 Jahren. Der Historiker und ehemalige Journalist Andreas Oplatka über Havels Popularität und politische Karriere.

1/10 Schriftsteller und Humanist: Vaclav Havel an einer Podiumsdiskussion in Prag.
Bild: Keystone

   

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Andreas Oplatka wurde 1942 in Budapest geboren. Von 1968 bis 2004 war der Historiker aussenpolitischer Redakteur der NZZ. Heute ist er Buchautor. (Bild: Hanser Verlag)

Havel und die Schweiz

Als Präsident der Tschechoslowakei besuchte Vaclav Havel 1990 die Schweiz. Schriftstellerkollege Friedrich Dürrenmatt hielt damals seine berühmte Gefängnis-Rede. Im Jahr 2001 kam Havel als Präsident Tschechiens nochmals in die Schweiz.

Sein zweiter Staatsbesuch führte ihn auch aufs Rütli, wo Havel den jahrhundertealten Staatenbund und die alte Demokratie in der Schweiz würdigte. Schon 1990 hatte Havel das Land besucht, als Präsident der Tschechoslowakei.

Alt Bundesrat Kurt Furgler lobte damals den neuen Staat, der eine Demokratie nach westlichem Muster geworden sei - und löste damit den Widerspruch von Friedrich Dürrenmatt aus.

Dieser warnte in seiner Rede vor der Vorstellung, dass im Westen und gerade in der Schweiz alles in Ordnung sei. Den gewaltlosen Protest, zu dem Furgler Staatspräsident Havel gratulierte, sah Dürrenmatt auch bei den Schweizer Militärdienstverweigerern, die ebenso wie Havel ins Gefängnis geworfen würden.

Die Schweiz, so Dürrenmatt, sei im übrigen ein Gefängnis, in das sich die Schweizer geflüchtet haben. Seine Rede wurde von den zahlreich anwesenden Vertretern der Schweizer Wirtschaft, Politik und des Kulturlebens lange beklatscht. (sda)

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Trauer um Vaclav Havel

Trauer um Vaclav Havel
Im In- und Ausland trauern Politiker und Bevölkerung um den verstorbenen tschechischen Ex-Präsidenten Vaclav Havel.

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Vaclav Havel ist gestorben. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie dies vernahmen?
Ich habe Vaclav Havel in den 1990er in Prag getroffen und interviewt, als er Präsident der Tschechischen Republik war. Ich hatte ihn aber auch während der «Samtenen Revolution» in Prag erlebt. Er war eine grossartige Figur.

Der heutige Präsident der Tschechischen Republik, Vaclav Klaus, nannte ihn «das Symbol von 1989». Welche politische Bedeutung hat Havel?
Havel hat – zusammen mit anderen Literaten – sowohl als Vorbereiter des Prager Frühlings, aber auch als Schriftsteller eine grosse Rolle gespielt. Er hatte sich vor allem wegen seines Widerstandes gegen das kommunistische Regime einen Namen gemacht. Dieses hatte ihm mehrere Male die Emigration angeboten. Havel schlug diese Option stets aus. Dies resultierte darin, dass er im Gefängnis landete. Er zog es vor, für seine Überzeugungen auf diese Weise einzustehen.

Weshalb war Vaclav Havel so beliebt?
Er repräsentierte den Widerstand der Bevölkerung; nicht als führender Politiker, sondern als jemand, in dem sich das Volk wieder erkannte. 1989, im Jahr der Wende, gab es, als es im November in Prag zu den grossen Kundgebungen kam, praktisch keine Politiker, die die Menge, die die Bevölkerung hätten vertreten können. Havel war der Einzige, der mehrmals zu den Menschen sprach, der Einzige, dessen Führungsautorität dank seiner Rolle im antikommunistischen Widerstand und bei der Gründung der «Charta 77» von allen anerkannt wurde.

Wie war er als Politiker?
Vaclav Havel war vielleicht kein eigentlicher Politiker, er war primär Literat und Denker. Er legte seine menschlichen und doch eben auch politischen Überzeugungen in ethisch-politischen Aufsätzen nieder. So namentlich in seinen «Briefen an Olga», die er im Gefängnis verfasste. Ein Kernsatz von ihm, auf den sich dann die «Samtene Revolution »1989 berief, hiess: «Wir wollen nicht in der Lüge leben.» Havel versuchte, ethische Werte in die Politik zu bringen. Genau das war später – als aktiver Politiker – auch sein grosses Problem: Er war zu feinfühlig, zu sehr Humanist, als dass er dem täglichen politischen Geschäft hätte gewachsen sein können.

In seiner späteren politischen Karriere war Havel zunehmend umstritten. Weshalb?
Havel verkörperte eine geistige und gewaltlose Bewegung. Er war eine strahlende Figur, als er ins Präsidentenamt gewählt wurde. In seinem Amt wurde er aber schnell mit den Härten der Realpolitik konfrontiert.

Was heisst das konkret?
Er plädierte beispielsweise gegen Waffenexporte, ohne sich dabei zu fragen, was ein Ende der Waffengeschäfte wohl für die grosse Anzahl der Menschen bedeutet, die von der Rüstungsindustrie lebten. Auch setzte er sich für die Versöhnung in der Problematik mit den Sudetendeutschen ein und stiess dabei schnell einmal auf den Widerstand des tschechischen Nationalismus'. Zu guter Letzt war eines seiner Probleme auch, dass er die Tschechen zu fest an die Zeit vor 1989 erinnerte. Nur eine Handvoll von Dissidenten war während der Zeit des kommunistischen Regimes bereit, Widerstand zu leisten und sogar Haftstrafen in Kauf zu nehmen. Das Gros der Menschen arrangierte sich mit der Situation. Daran aber wollten die Leute nach 1989 nicht mehr erinnert werden. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.12.2011, 19:01 Uhr

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9 Kommentare

Hansueli Koch

18.12.2011, 20:27 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Danke fürs Interview über (moralisch gesehen) einen Grossen der Weltpolitik des 20. Jahrhunderts. Schade nur, dass die Schlagzeile nicht der Wahrheit entspricht: Havel war (so stehts auch in der konkreten Antwort, aus der das verfältsche Titelzitat konstruiert wurde) nämlich nicht zu feinfühlig fürs politische Geschäft, sondern nur fürs politische ALLTAGSgeschäft. Antworten


adrian wehrli

18.12.2011, 22:34 Uhr
Melden 5 Empfehlung

Respekt und Demut einem der ganz Grossen gegenüber. Danke Dir Vazlav für den Dienst an den Menschen und für die Warheit. Antworten




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